Skibergsteigen bei Olympia – wie die Spiele eine Sportart veränderten

In den nächsten Tagen finden erstmalig Wettkämpfe im Skibergsteigen bei Olympia statt. Ein Sport, der aufgrund seiner Nähe zum Berg dem des Trailrunnings sehr nahe ist. Hat Olympia das Skibergsteigen verändert? Und was heißt das für den Sport Trailrunning? Eine Reportage über einen neuen olympischen Sport und seine alpinen Wurzeln.

Skibergsteigen und Trailrunning. Das gehört irgendwie zusammen. Nicht, dass man bei diesen Sportarten in irgendeiner Weise die gleichen Skills benötigt. Beides sind Ausdauersportarten, dann hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Und dennoch bestreiten viele Skibergsteiger im Sommer Trailrunning-Wettkämpfe, und man sieht viele Trailrunner im Winter auf schmalen Latten mit aufgeklebten Fellen stehen. Das gemeinsame Element ist klar: Es ist der Faktor Berg. Trailrunner und Skibergsteiger zieht es in die Berge. Und diese kann man im Sommer eben am besten mit Laufschuhen und im Winter auf Tourenskiern erobern.

Morgen starten die Wettkämpfe im Skibergsteigen bei Olympia. Ski Mountaineering! Also Skibergsteigen! So steht es im olympischen Programm. Tatsächlich aber wurden die Skimo-Wettkämpfe, die bei Olympia stattfinden, ziemlich radikal um den Faktor Berg beschnitten. Mit Bergsteigen, so hört man aus den Reihen der Skimo-Athleten, hat das nicht mehr viel zu tun. Hat Olympia die Sportart Skibergsteigen verändert? Wenn ja, wie? Und steht dem Trailrunningsport ein ähnliches Schicksal bevor?

Der Sprint: So sieht olympisches Skibergsteigen aus. Fotos: Ronwin Sett

Der olympische Wettkampf im Skibergsteigen

Morgen, am 19. Februar 2026, starten die Skimo-Wettkämpfe bei Olympia mit dem Sprint. Das ist ein Wettkampf, der nicht mal drei Minuten dauert. Die Athleten und Athletinnen absolvieren einen Parcours mit wenigen Höhenmetern im Skigebiet. Dabei starten sie mit Fellen auf den Skiern, müssen diese bei einer kurzen Tragepassage an den Rucksack schnallen, um sie anschließend wieder unter die Füße zu nehmen. Oben angekommen, werden die Felle vom Ski gerissen, die Bindung fixiert, und es geht in die Abfahrt. Das alles passiert in wahnsinniger Geschwindigkeit und mit höchster technischer Präzision.

Für Deutschland starten Tatjana Paller, Helena Euringer und Finn Hösch. Die besten Medaillenchancen hat wahrscheinlich Tatjana Paller aus Lenggries. Für Österreich gehen Paul Verbnjak und Johanna Hiemer an den Start. Letztere kommt eigentlich von den längeren Skimo-Distanzen. Auch Trailrunning-Wettbewerbe ist sie früher im Sommer häufig gelaufen. Schon 2016 wurde sie Zweite beim Transalpine Run. 2022 siegte sie beim UTLW und wurde Neunzehnte beim OCC. Für Olympia hat sie ihr komplettes Training über den Haufen geworfen. Trailrunning steht nicht mehr auf dem Programm. Dafür sehr viel Schnellkraft. Am Berg. Aber oft auch im Fitnessstudio.

Die zweite Disziplin bei Olympia ist die Mixed-Staffel. Hier werden die Wettbewerbe am 21. Februar ausgetragen. Pro Nation starten eine Frau und ein Mann im Team. Beide müssen je zwei Runden eines Parcours absolvieren, der circa sechs bis acht Minuten in Anspruch nimmt und aus zwei Aufstiegen, einer Tragepassage und zwei Abfahrten besteht. Auch hier geht es also rasant zur Sache. Für Deutschland gehen Tatjana Paller und Finn Hösch, für Österreich Johanna Hiemer und Paul Verbnjak an den Start.

„Beide Teams sind im erweiterten Kreis mit Chancen auf die Medaillen“, sagt Nadine Riegel, die die Wettkämpfe als Journalistin eng verfolgt und unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und den Blog der Olympischen Spiele berichtet. „Aber eine Nation ist im Skibergsteigen historisch stark dominant. An Frankreich wird auch bei Olympia kaum ein Weg vorbeiführen, wenn es um die Goldmedaillen geht.“

Johanna Hiemer und Paul Verbnjak: Medaillenanwärter für Österreich beim Mixed Relay © ISMF

Sprint und Mixed Relay – ist das noch Skibergsteigen?

Schnellkraft, technische Präzision und anaerobe Akzeptanz – das sind die Qualitäten, die beim Sprint von den Athletinnen und Athleten gefragt sind. In seinen Ursprüngen hat der Sport Skimountaineering andere Qualitäten eingefordert. Lange Individual- und Team-Wettkämpfe im Gelände, hoch oben in den Bergen, prägten lange Zeit das Bild des Sports. Die Pierra Menta, das vielleicht bekannteste Skimo-Rennen der Welt, ist zum Beispiel ein viertägiges Etappenrennen, bei dem die Zweier-Teams jeden Tag um die 3000 Höhenmeter im hochalpinen Gelände zurücklegen müssen.

Erst 2013 wurde der Sprint im Skimo-Weltcup als eigene Disziplin eingeführt – neben dem Individual und dem Vertical. Schon in den vergangenen Jahren beklagten viele Athleten und Athletinnen, vor allem ältere, die mit den klassischen Formaten aufgewachsen waren, dass die Wettkämpfe im Weltcup immer mehr ihren Charakter veränderten. Die Individuals wurden kürzer und teilweise in Skigebieten ausgetragen. Vertical und Sprint waren ohnehin schon fest auf präparierten Pisten verankert. Eine schleichende Annäherung an den olympischen Sport.

Letztendlich waren es nur der Sprint und mit dem Mixed-Wettbewerb eine für die Spiele komplett neu geschaffene Disziplin, die olympisch wurden. Ausgerechnet die Wettkämpfe, die nicht weiter entfernt sein könnten von den klassischen Skimountaineering-Formaten. Die Gründe sind offensichtlich: Kurzweilige Spannung und Action sind garantiert und können gut mit der Kamera eingefangen werden. Die Bedingungen im Skigebiet können unabhängig von äußeren Faktoren wie Schneelage und Wetter gewährleistet werden – ganz anders als bei Rennen im freien Gelände.

William BonMardion, ein französischer Skibergsteiger, äußerte seinen Protest gegen diese Entwicklung, indem er bei einem Weltcup-Rennen einfach an der Startlinie stehen blieb und die Unterarme überkreuzte. Die Medienplattform skimostats unterstützte diesen Protest und setzt sich regelmäßig für die Erhaltung des traditionellen Skibergsteigens ein. #saveskimo ist ein Hashtag, der in diesem Zusammenhang oft benutzt wird. Von Olympia wird skimostats nicht berichten. Auch den Weltcup, der von der ISMF ausgerichtet wird und den sie in den letzten Jahren immer ausgiebig gecovert haben, meidet skimostats in diesem Winter.

Tatjana Paller: Deutschlands größte Medaillenhoffnung beim Sprint © ISMF

Skibergsteigen – Wettkampf- versus Breitensport

Das wettkampfmäßige Skibergsteigen ist ohnehin eine ganz eigene Szene mit wenig Anknüpfungspunkten zu Hobbysportlern, die den Sport Skitourengehen in ihrer Freizeit betreiben. In der deutschsprachigen Region vielleicht noch weniger als in Frankreich oder Italien. Im Gegensatz zum Trailrunning, wo ein überwiegender Teil derer, die den Sport betreiben, auch Wettkämpfe läuft, sind nur die wenigsten, die mit Skiern Berge hochsteigen, auch wettkampfmäßig unterwegs.

Viel zu teuer und auch zu schwer zu handhaben wäre die entsprechende Ausrüstung, die bei den Wettkampfathleten noch einmal eine ganz eigene ist im Vergleich zu den Hobby-Skibergsteigern. Den meisten Skitourengehern geht es um Zeit in der alpinen Natur oder darum, einen Gipfel zu erreichen. Geschwindigkeiten und Zeiten spielen keine Rolle. Die Distanz zwischen Wettkampfsportlern und Hobby-Athleten ist daher eher groß.

Auch beim Alpenverein ist dies zu spüren. Dieser – und nicht etwa der Deutsche Skiverband – ist nämlich der zuständige Dachverband für alle Skimo-Athleten (in Österreich ist es der ÖSV). Auch innerhalb des Alpenvereins war es lange Zeit umstritten, ob es eine gute Idee ist, dass Skimo olympisch wird. Auch hier war der Grund die schon mehrfach angesprochene Distanz zwischen der Umsetzung der olympischen Skimo-Disziplinen und dem Naturraum Berg. Schließlich ist es der Einsatz für Letzteren, der dem Alpenverein historisch am wichtigsten ist.

Kein Olympia für die großen Namen des Sports

Rémi Bonnet ist nicht nur ein überaus erfolgreicher Trailrunner, sondern derzeit wahrscheinlich der beste Skimo-Athlet der Welt. Seine Dominanz bei Verticals, aber auch bei Individuals, sucht in den letzten zwei Jahren ihresgleichen. Aber: Er verzichtet bewusst auf Olympia.

„Für mich war das eine ziemlich einfache Entscheidung. Die beiden Disziplinen Sprint und Mixed Relay gefallen mir überhaupt nicht. Ich bleibe mir lieber treu und folge meiner Passion: lange Touren in den Bergen“, sagt der Schweizer.

Ähnlich sehen es auch andere Athleten. Der deutsche Skibergsteiger Marc Dürr liebt die Individuals und die archaischen Elemente des Sports in den hohen Bergen. Der Sprint – und damit Olympia – ist keine Option für ihn. Der prominenteste Kritiker von Skimo bei Olympia ist wahrscheinlich Kilian Jornet: „Ich hoffe, dass der bergsteigerische Aspekt, der das Herz dieses Sports ausmacht, nicht verschwindet, nur um ihn zuschauerfreundlicher zu machen“, sagte er einst in einem Interview.

In seinem letzten Blogpost über den Status des Trailrunnings beschrieb er aber auch die Möglichkeit, dass der Sport, wie er ursprünglich existierte, als eigene Sparte bestehen bleibt und neben den olympischen Formaten weiterhin ein gesundes Dasein fristet. Für die Pierra Menta zum Beispiel, die Anfang März wieder im französischen Dörfchen Arêches stattfindet, ist die Nachfrage nach Startplätzen in diesem Jahr weitaus höher als das Angebot. Auch die ISMF, der Verband der Skibergsteiger, trägt dem Wunsch nach traditionellem Skibergsteigen Rechnung und hat das viertägige Rennen in diesem Jahr zur offiziellen Weltmeisterschaft in der Langdistanz erklärt.

Vielleicht kann man sogar über die neue Plattform Olympia neue Interessenten für den Sport gewinnen, die dann auch über Olympia hinaus dranbleiben. Vielleicht sogar bis ins kleine französische Dörfchen Arêches, wo die Pierra Menta stattfindet. So zumindest die Hoffnung der Befürworter des olympischen Beitritts des Skibergsteigens. So äußert sich zum Beispiel Finn Hösch auf alpenverein.de: „Ich glaube, es ist eine große Anerkennung für Skimo, olympisch zu sein, und es bringt für alle Disziplinen gleichermaßen einen Vorschub. Gerade jetzt im Speziellen ist das besonders für die Sprint-Athleten wichtig, aber ich glaube, dass das gesamte Skimo davon profitiert.“

Der weltbeste Skibergsteiger Remi Bonnet verzichtet auf Olympia © ISMF

Und Trailrunning und Olympia?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Trailrunning früher oder später ebenso wie Skibergsteigen olympisch wird, ist hoch. Der Sport ist schon jetzt weitaus größer als viele andere olympische Sportarten. Es ist wohl nur eine Frage der sportpolitischen Einigung der verschiedenen Stakeholder, bis die olympische Flagge auch über dem Sport Trailrunning wehen wird. Vielleicht sogar schon in Brisbane 2032? Das zumindest ist das anvisierte Ziel der ITRA.

Skibergsteigen ist vielleicht nicht das Paradebeispiel dafür, wie eine ausgesprochene Bergsportart in den olympischen Kalender integriert wurde. Es wird interessant sein zu beobachten, ob die gleichen unweigerlichen Mechanismen auch für den Trailrunningsport gelten werden – ob wir nur eine sehr kurze, doch leicht entartete Version unseres Sports bei Olympia sehen werden oder ob man aus dem Beispiel Skibergsteigen gelernt hat und versucht, die Identität des Sports stärker auch im olympischen Rahmen zu erhalten.

Ungeachtet dieser Frage sind zwei Dinge wohl gewiss. Erstens: Trailrunning, so wie wir es jetzt kennen und lieben, wird weiter existieren. Vielleicht mit Olympischen Spielen, vielleicht parallel daneben, vielleicht aber auch leicht abgekoppelt von dem, was zukünftig bei Olympia passiert. Zweitens: In den kommenden Tagen werden wir Trailrunner gebannt vor den Bildschirmen hängen, um den deutschsprachigen Skimo-Athleten und Athletinnen die Daumen zu drücken. Ehrensache!

Die deutschen Skibergsteiger mit Coach und Team-Arzt ©ISMF

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