Mein Lauf-Warum: Ich laufe, um zu entdecken

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Warum laufe ich eigentlich? Die Antwort auf diese Frage, ist höchst individuell. Doch manchmal lohnt es sich sie zu stellen. Benni hat ein starkes Lauf-Warum. Aber auch eines, dass ihm manchmal im Weg steht. Warum Entdecken und Laufen für den Autor untrennbar zusammengehören, erfahrt ihr hier.

Warum ich laufe? Oh Mann, schon wieder diese Frage. Muss man wissen, warum man gerne im beschleunigten Sprungschritt einen Fuß vor den anderen setzt? Und das natürlich am liebsten auf unbefestigtem Untergrund? Nicht zwingend, finde ich. Für jeden wird ein individuelles Lauf-Warum existieren, aber nicht jeder muss es kennen. Manchmal denke ich mir sogar, dass es oft besser wäre, mit naiver intrinsischer Motivation hinauszugehen und einfach loszulaufen, ohne vorher groß nach dem „Warum“, „Wieso“ und „Weshalb“ zu fragen.

Natürlich kenne ich mein persönliches Lauf-Warum. Aber ich würde einen Teufel tun, es vor jedem Lauf auf Kompatibilität abzuklopfen. Wahrscheinlich würde ich dann nur einmal die Woche vor die Tür gehen. Davon abgesehen habe ich natürlich mehrere Lauf-Warums im Köcher. Aber eines ist definitiv das größte und erzeugt den meisten Drive. Von diesem will ich euch heute erzählen.

Der Ursprung meines Lauf-Warums

Dazu ein kleiner Zeitsprung. Der junge Benni lebte in einer Großstadt, sogar in der größten und vielleicht hippsten des Landes. Sein Freizeitleben pendelte irgendwo zwischen Kreuzberger Musikclubs, feuchtfröhlichem Freundeskreis und Berliner Kunstrasenplätzen. Man könnte es als hedonistisches Leben bezeichnen. Sportlich kristallisierte sich früh heraus, dass das Talent im Langstreckenlauf deutlich größer war als am Ball. Schon mit 14 stand die erste Volkslauf-Teilnahme an. Nach 43 Minuten über 10 Kilometer musste sich der junge Läufer kurz hinter der Ziellinie übergeben, weil er sich bei Kilometer fünf einen großen Becher warmen Haferschleims einverleibt hatte, der eigentlich für die Marathonläufer vorgesehen war.

In den kommenden zehn Jahren lief der heranwachsende Großstädter immer mal wieder einen Volkslauf mit – allerdings stets ohne nennenswertes Training. Er sah gar nicht ein, etliche Kilometer durch Häuserschluchten zu laufen, um sich dann am Wochenende neben Menschen an die Startlinie zu stellen, die – nun ja, drücken wir es defensiv aus – nicht seinem üblichen sozialen Umgang entsprachen. Der Berliner Läufer der Nullerjahre – verzeiht mir die Stereotypisierung – ist Mitte 40, schaut alle paar Meter mit verbissenem Gesichtsausdruck auf seine Uhr und hat seine Marathonbestzeit auf die Wade tätowiert. Nicht das Klientel, das auf einen 20-Jährigen die größte Anziehungskraft ausübt. So blieb es bis Mitte 20 trotz Kreisliga-Dasein beim Kicken statt Rennen.

Der junge Autor beim Volkslauf

Aber dann, im Jahr 2013, folgte ein Schlüsselereignis. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ich stehe mitten in diesem 1000 Höhenmeter schweren Anstieg zur Kaunergrathütte. Bei jedem dritten Schritt krampfen meine Beine, nach über 2000 Höhenmetern schmerzt mein ganzer Körper. Doch ich schaue nach rechts, ich schaue nach links, aber vor allem nach oben und unten – und bin im siebten Himmel. Ich sehe Berge, die so hoch und steil sind, dass man den Kopf weit in den Nacken legen muss, um den Himmel zu sehen. Seen, die so klar sind, dass sich die Bergsilhouette perfekt darin widerspiegelt. Und Trails, die so verblockt sind, dass man mehr springen und auf dem Vorfuß hoppeln muss als laufen, um voranzukommen.

Der Großstadtjunge war schockverliebt, nachdem er seinen ersten alpinen Trailrun gelaufen war. Wahrscheinlich den wildesten, den man damals in den deutschsprachigen Alpen so finden konnte. Beim ersten Pitztal Trail Maniak sind auf 42 Kilometern über 3000 Höhenmeter im schwierigsten Gelände zu überwinden.

Der Autor bei seinem ersten Trailrun beim Pitztal Trail Maniak 2013. Foto: Sportograf

Das Lauf-Warum eines Nicht-Läufers

Ich hatte mein Lauf-Warum gefunden. Es war nicht die reine Bewegung, nicht der Laufschritt an sich. Es war nicht der Wettkampf oder das Streben danach, eine willkürlich festgelegte Kilometerzahl so schnell wie möglich zu absolvieren. All das hätte ich auch in Berlin finden können. Doch erst in den Bergen entflammte meine Laufliebe.

Ich muss ein Geständnis machen: Ich bin kein Läufer. Zumindest ist es nicht das reine Laufen selbst, das mir Befriedigung verschafft. Es gibt diese Menschen, die nur um des Laufens willen laufen, und manchmal beneide ich sie. Florian Neuschwander ist so einer. Ich bin es nicht. Laufen ist für mich ein Vehikel. Es ist für mich die schönste Art und Weise, das zu erfahren, was man nur selten im Leben erfährt: tiefe Zufriedenheit, innere Ruhe und bedingungslose Verbundenheit. Und gleichzeitig ist da ein gewisser Adrenalinschub, wenn man im beschleunigten Schritt über lose Steine entlang steiler Abhänge springt. Kurzum: Ich laufe, um zu entdecken. Ich laufe, um zu erleben.

Entdecken und Erleben – es ist diese Sehnsucht, die mein Laufen maßgeblich prägt. Wenn ich vom Tal auf einen Berggipfel schaue, will ich wissen, wie der Weg nach oben aussieht. Wenn sich vor mir eine Bergkette auftut, will ich wissen, wie es dahinter aussieht. Neugier – einerseits. Gleichzeitig ist da dieses nur schwer in Worte zu fassende Gefühl, das ich nur draußen in der Natur erfahre: der Wind, der einem um die Ohren pfeift, die Landschaft, die an einem vorbeizieht, die archaische Ruhe, wenn im Hochgebirge kein Zeichen von Zivilisation in sichtbarer Reichweite ist. Ich bin süchtig nach diesem Gefühl.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat dafür einen guten Begriff geprägt. Er nennt es Resonanz. Ein Begriff, der eigentlich aus der Physik stammt, den der Soziologe aber auf Beziehungen anwendet – Beziehungen, die eine erfüllende Schwingungsebene beschreiben. Beziehungen zwischen Personen, aber auch zwischen Mensch und Musik oder eben Mensch und Natur. Wenn ich draußen bin, spüre ich diese Resonanzerfahrung. Wenn ich lange Zeit zwischen vier Wänden verbringe, werde ich nervös.

Das Problem mit meinem Lauf-Warum

Mein Lauf-Warum hat folgendes Problem: Es ist verdammt schwer zu befriedigen. Man kann nicht jeden Tag entdecken. Bei neun von zehn Läufen reduziert sich mein Lauf-Warum also von Entdecken auf Draußensein. Zumindest Letzteres muss erfüllt sein. Laufband oder Rolle? Packe ich nicht. In solchen Momenten greife ich auf eines meiner anderen Lauf-Warums zurück – schneller werden zum Beispiel. Ich bin durchaus ein ambitionierter Läufer, ich will gut in Wettkämpfen abschneiden. Aber wahrscheinlich wäre ich ein besserer Athlet, wenn „schneller werden“ in meiner Warum-Prioritätenliste vor „entdecken“ stehen würde. Manchmal wünsche ich mir, es wäre so. Wie viel einfacher wäre das Leben, wenn ich die gesuchte Resonanzerfahrung in der täglichen Hausrunde finden würde – oder sogar auf dem Laufband im Keller – und nicht nur oben auf dem Berg, am besten in einer Landschaft, die mir vollkommen neu ist.

Letztendlich können nur die wenigsten meiner Läufe mein Lauf-Warum in voller Tiefe bedienen. Ein Großteil meiner Läufe speist sich daher aus der Motivationsquelle des Type-Two-Fun: gut trainieren, um an Tag X weiter und schneller laufen zu können. Tag X ist manchmal ein Wettkampf, viel öfter aber eine ausgedehnte Entdeckungstour in den Bergen – sei es zu Fuß oder auf Skiern. An diesen Tagen profitiere ich von den vielen Einheiten weit weg von meinem eigentlichen Lauf-Warum. Schließlich macht Entdecken mit einem fitten Motor am meisten Spaß.

Vielleicht ist das auch eine Erkenntnis: dass ein Lauf-Warum fluide ist, sich wandeln kann – von Tag zu Tag, aber vor allem auch mit den Lebensabschnitten.

Obwohl, so weit kenne ich mich dann doch: Bei mir ist dieses eine Lauf-Warum so fest verankert, dass es wohl mein ganzes Leben überdauern wird. Aber vielleicht ist das auch völlig in Ordnung so. Schließlich ist schneller werden nicht das nachhaltigste Lauf-Warum – vor allem im fortgeschrittenen Alter. Wie erfüllend mag es wohl sein, bis ins hohe Alter längst vergangenen Bestzeiten hinterherzulaufen? Oder Altersklassenplatzierungen?

Nein. Auch mit 60 sehe ich mich noch Berge hochlaufen oder -steigen. Aber langsamer, viel langsamer. Die Erfüllung, wenn ich oben am Gipfel stehe und meine Augen über die Schönheit einer von mir neu erlaufenen Bergregion streifen lasse, wird dieselbe sein. Laufen und Entdecken werden für mich immer untrennbar zusammengehören.

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