Der Aufstand der Trailelite

Die jüngsten politischen Ereignisse haben zu einer Welle an politischen Statements der internationalen Trailrunning-Elite geführt. Noch nie war Trailrunning so politisch. Dabei stecken viele Trailrunner in einem Dilemma.

„Ich bin am Boden zerstört und empört über das, was in meinem Land passiert.“ Damit beginnt die amtierende Western-States-Siegerin Abby Hall ihren Social-Media-Post Anfang Februar. Gemeint sind die jüngsten Ereignisse in Minnesota, USA, bei denen Einsatzkräfte der US-Einwanderungsbehörde (ICE) innerhalb weniger Wochen zwei Menschen erschossen haben. Die Videoaufnahmen der Erschießungen von Renée Good und Alex Pretti sind um die Welt gegangen und haben weltweit für Entsetzen gesorgt.

Nun haben sich bekannte Namen aus der internationalen und besonders der US-Trailrunning-Elite zu den Vorfällen geäußert – in einer Art und Weise, die in ihrer Dichte und Deutlichkeit ein Novum für unseren Sport darstellt. Ein Sport, der für seine aktiven Athleten und Athletinnen, vom Hobbybereich bis zum Elitelevel, gerne als Zufluchtsort und eine heile (Parallel-)Welt abseits der allgegenwärtigen Hyperpolitisierung diente. Die Zeit, in der sich Trailrunning von den politischen Ereignissen abschotten konnte, scheint, zumindest für diesen Moment, vorbei.

Das Dilemma der gesponserten Profis

Abby Hall findet klare Worte. „Es ist ein System der Unterdrückung, das darauf abzielt, dass wir uns alle machtlos fühlen“, schreibt die US-Trailrunnerin auf Instagram. Als gesponserte Profiläuferin ist das keine Selbstverständlichkeit. Ihre Äußerungen können schließlich Auswirkungen auf die von ihr repräsentierten Marken haben – Unternehmen, die sich von dem Sponsoring einer Trailläuferin vermutlich vieles versprochen haben, außer eine politische und vermeintlich geschäftsschädigende Debatte.

Unvergessen ist in diesem Zusammenhang ein Zitat, das der Basketball-Legende Michael Jordan zugeschrieben wird: „Republicans buy sneakers, too.“ Die jeweilige politische Gegnerschaft ist auch Kunde. Unternehmen preisen diese Ratio in ihre Unternehmenspolitik ein. Das Dilemma für die von ihnen gesponserten Athletinnen und Athleten: die hohe finanzielle Abhängigkeit erfordert ein möglichst unprovokatives und mehrheitskonformes Verhalten, sonst droht der Verlust des Sponsoringvertrags.

Screenshot vom Instagram Post von Abby Hall

Kilian Jornet äußert sich

Einen Tag nach Abby Hall meldet sich Kilian Jornet mit einem ausführlichen Post zu Wort. Es ist genau dieser Zwiespalt eines in der Öffentlichkeit stehenden Leistungssportlers, der Kilian interessiert. „In letzter Zeit habe ich viel über die aktuellen Konflikte weltweit und unsere Doppelrolle als Athleten nachgedacht“, beginnt der Katalane sein Statement zu seinen 1,9 Millionen Followern. Was dann folgt, ist eine scharfe Analyse der eigenen Rolle:

„Egoismus ist vielleicht das prägende Merkmal unserer modernen Gesellschaft. Für Athlet*innen und öffentliche Persönlichkeiten ist Schweigen oft der ‚sicherste‘ Weg: ein Mittel, um Sponsorenverträge zu schützen, unser Image zu wahren und die ‚Zuneigung‘ der Community zu behalten. Wir bleiben neutral, um unseren eigenen Interessen zu dienen.

Aber wenn wir behaupten, andere dazu zu inspirieren, sich zu bewegen, nach draußen zu gehen und für ihre Träume zu kämpfen, weil wir an die Vorteile der mentalen und körperlichen Gesundheit glauben — wie können wir dann zu den Problemen schweigen, die das Gefüge unserer Gesellschaft und das Leben zukünftiger Generationen bedrohen?“

Kilian Jornet. Foto: Coros

Ist Schweigen bequemer Luxus?

Auf diese Frage hat Sage Canaday, gesponserter Trailrunner, Trainer und Content Creator, eine klare Antwort. Er kommentiert den Post von Kilian: Sich nicht zu äußern sei ein Stimmverzicht – und das ist per se politisch. „Es ist einfach, schweigend zu bleiben, wenn man zur privilegierten Klasse gehört.“ In einem eigenen Post schreibt Sage weiter, dass es „bequemer Luxus wäre, nur Beiträge und Inhalte zum Thema Running zu posten.“

Der österreichische Psychologe Paul Watzlawick hat die berühmte Aussage getroffen, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Diesen Standpunkt übernimmt Canaday. Wer nichts sagt, sagt auch etwas. Anders ausgedrückt: Schweigen kann verdammt laut sein.

" Es ist einfach, schweigend zu bleiben, wenn man zur privilegierten Klasse gehört. "

Sage Canaday

Noch nie war es so einfach und so schwer zugleich, sich als Sportpersönlichkeit öffentlich zu politischen Fragen zu positionieren. Einfach, weil die sozialen Medien Athleten theoretisch die Möglichkeit geben, sich jederzeit zu jedem Thema zu äußern. Schwer, weil öffentliche Äußerungen von Fans, Verbänden und Sponsoren strenger bewertet werden als je zuvor. Eine ungeschickte oder missverständliche Formulierung kann schnell unvorhersehbare Konsequenzen für die eigene berufliche Zukunft haben. Ob ein Schweigen im Einzelfall immer „bequemer Luxus“ (Sage Canaday) sein muss, darf bei den in der Breite überschaubaren Einkommen der Trailrunning-Elite bezweifelt werden. Immerhin hängen oftmals ganze Existenzen an der Vermarktungsfähigkeit des eigenen Images.

Sport war schon immer (auch) politisch

Die Diskussion, inwiefern sich Persönlichkeiten des Sports zu politischen Fragen äußern können oder sollen, ist nicht neu. In Deutschland kennen wir die Debatte besonders im Zusammenhang mit Fußball-Weltmeisterschaften. In der olympischen Historie gab es den Black-Power-Gruß afroamerikanischer Athleten bei der Medaillenvergabe. In jüngerer Geschichte gab es das Hinknien von Footballspielern während der US-Nationalhymne im Kontext der Black-Lives-Matter-Proteste. Im Trailrunning wurde das Zeigen der palästinensischen Flagge bei der Zielüberquerung von Francesco Puppi während der Trailrunning-WM als politisches Statement wahrgenommen.

Sage Canaday. Foto: CamelBak

Die Symbolkraft des Sports

Politik hat also schon immer eine Rolle im Sport gespielt. Doch war die Politisierung des Sports jemals so groß? Auf das Trailrunning bezogen: Läutet das aktuelle politische Engagement der Trailrunning-Elite ein anderes Verständnis davon ein, was es heißt, ein Trailrunning-Profi vor großem Publikum zu sein? Der Politikwissenschaftler und Historiker Jürgen Mittag jedenfalls vermutet, dass Sport „durch seine hohe Symbolkraft und Mobilisierungsfähigkeit verstärkt zum Resonanzboden für Proteste werden wird.“ Fest steht: Abby Hall, Kilian Jornet und Sage Canaday sind sich neben vielen anderen in diesen Tagen der Symbolkraft ihrer Profession als professionelle Trailrunner bewusst geworden.

Favoritenfülle: Der Transgrancanaria 2026

Superschuhe auf dem Trail – was sie können, was nicht! Wann sie dir helfen