Alles oder nichts: Wenn Trailrunning zum existentiellen Kampf wird

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Wir laufen, weil es uns Spaß macht. Manchmal führt der Sport uns aber auch an die körperlichen und mentalen Grenzen. In Wettkämpfen kann es vorkommen, dass wir eine Alles oder Nichts-Mentalität ausleben und einen (pseudo-)existenziellen Kampf ums Überleben führen. Der Philosoph Wolfram Eilenberger nennt das die „simulierte Unbedingtheit“. Ein philosophischer Ausflug in die Psyche von Trailrunnern.

Manchmal geht es scheinbar um alles. Um Leben und Tod, Ehre und Stolz. Diese martialischen Begriffe kommen euch fremd vor? Mir auch. Kein Wunder, lebten wir doch lange Zeit im sogenannten postheroischen Zeitalter. Einer Epoche, die zumindest hierzulande von Entmilitarisierung, Frieden und Wohlstand gekennzeichnet war. Aber seien wir ehrlich. Wenn wir uns in der Endphase eines harten Trainingslaufs oder eines Wettkampfs befinden, bedienen wir uns nicht der eingangs genannten Kategorien? Werden wir dann nicht zurückgeworfen in eine Art Naturzustand, in den wir uns künstlich hineinmanövriert haben?

Ein Intensivierungsmodus des Daseins

Es geht um ein Phänomen, das der Publizist und Philosoph Wolfram Eilenberger „simulierte Unbedingtheit“ genannt hat. Eilenberger hat in der TV-Sendung „Sternstunde Philosophie“ über die emotionale Hingabe von Fußballfans gesprochen, die für die Dauer eines Spiels ihres Lieblingsvereins so tun, als ob es um alles ginge, obwohl sie eigentlich im tiefsten Inneren wissen, dass das nicht der Fall ist. Dieser von Eilenberger bezeichnete Intensivierungsmodus des Daseins sei, so der Doktor der Philosophie, eine spezielle Zone der Existenz, die das Mysterium des Fanseins auszeichnen würde. Einfach gesagt: Es wird so getan als ob. Der Rest der Welt wird für einen Moment unwichtig. Berufs- und Alltagssorgen verlieren an Bedeutung, treten in den Hintergrund oder werden ganz vergessen. Die aufkommenden Emotionen sind überwältigend, provozieren grenzenlosen Jubel oder tränenreiche Trauer. Es ist eine zeitlich begrenzte Parallelwelt, die den geplanten Ausnahmezustand ermöglicht. Nach dem Ereignis wird dieser Bereich wieder verlassen und eine Rückkehr zur Normalität findet statt. War die Niederlage des Lieblingsvereins gegen den Stadtrivalen am vergangenen Wochenende noch ein herzzerreißendes Drama, haben ein paar Tage später wieder andere Dinge Priorität.

Zwei Läufer beim Transalpine Run 2022. Foto: Plan B/Andi Frank

Lässt sich diese kluge Beobachtung Eilenbergers auf das Trailrunning übertragen? Selbstverständlich nicht auf die Fankultur, denn das leidenschaftliche Fantum in unserem Sport ist im Vergleich zum Fußball quasi nonexistent. Den allerwenigsten Trailrunnern ist die nationale oder internationale Trailelite auch nur annähernd bekannt. Die Unterstützung eines bestimmten Teams ist im Laufen ebenso nicht etabliert. Das interessierte oder gar intensive Mitfiebern bei einzelnen Trailevents kommt zwar vor, aber nicht in der Regelmäßigkeit wie für Fußballfans.

Lösen wir uns von der Fan-Perspektive und betrachten die laufende Person selbst. Uns aktiven Trailrunnern dürfte das Konzept des simuliert Unbedingten nämlich sehr wohl bekannt vorkommen. Es muss kein Ultra-Trail gelaufen werden, um in einen Zustand zu geraten, der einem alles abverlangt und vor die Wahl stellt: Aufhören oder Weitermachen? Und wenn weitermachen, dann wofür? Wenn der Spaß aufhört, brauchen wir gute Gründe, nicht aufzugeben. Da die wenigsten Menschen als Masochisten geboren werden, braucht es mitunter eine simulierte Unbedingtheit, eine sich vorgespielte Notwendigkeit, gar Alternativ- und Ausweglosigkeit, um sich anzutreiben und das läuferische Ziel zu erreichen. Wohlwissend, dass ein Anhalten oder Aussteigen keine ernsthaften Konsequenzen nach sich ziehen würde. Selbst Profis, die ihren Lebensunterhalt mit ihrem Sport verdienen, würden am Ende des Tages sicherlich bestätigen, dass es Wichtigeres im Leben gibt als den sportlichen Erfolg. Für die Zeit des Rennens aber, für den abgemessenen Raum zwischen Start- und Ziellinie, gilt es sich etwas anderes einzureden. Denn wenn theoretisch alles auf dem Spiel steht und man sich in einem (pseudo-)existenziellen Kampf- und/oder Überlebensmodus befindet, dann wächst man eher über sich hinaus, als wenn es im Grunde genommen egal ist, was man läuferisch an diesem Tag erreicht. Auch wenn es genau das ist: im Großen und Ganzen ziemlich unwichtig.

Der virtuelle Existenzkampf

„Lauf oder stirb“ heißt die deutsche Fassung eines Buchs von Kilian Jornet. „Death before DNF“ ist ein bekanntes Motto und beliebtes Wadentattoo in der Trailszene. Alles oder nichts. Im Nachhinein betrachtet, klingt das oft irritierend und unverhältnismäßig. Für Unbeteiligte ist es möglicherweise kaum nachvollziehbar. Aber wenn auf den Trails alles auf dem Spiel steht, das Kopfkino angeht und man sich in einem virtuellen Existenzkampf wiederfindet, dann ist es exakt das, was wir als simulierte Unbedingtheit bezeichnen können.

Eben erwähnter Kilian Jornet hat 2017 den Hardrock 100 trotz ausgekugelter Schulter ins Ziel gebracht. Mehr als das: Er hat den Lauf sogar gewonnen. Das schafft man nur, wenn man ein absoluter Ausnahmeathlet wie Jornet ist oder aber wenn man mental derart fokussiert ist, dass ein Aufgeben die wirklich letzte aller Optionen ist. Die Unbedingtheit es schaffen zu müssen, ist der Antrieb, der einen auch schwierige Momente überstehen lässt.

Ein Läufer im Ziel einer Etappe beim Transalpine Run 2022. Foto: Plan B/Andi Frank

Die Frage ist, warum tun wir das? Werden Menschen nach der schönsten Nebensache der Welt gefragt, werden viele (spätestens an zweiter Stelle) Sport erwähnen. Im Sport können wir uns der ganzen Bandbreite der Emotionen hingeben, ohne ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen. Im sportlichen Kontext sind emotionale Ausbrüche sozial akzeptiert. Selbst in Gesellschaften, in denen Selbstbeherrschung und Zurückhaltung als hohe Tugenden gelten, kann Sport als regelbasiertes Ventil dienen. Auch Ressentiments in Bezug auf Geschlecht, Alter oder Ethnie werden vom Sport ein Stück weit aufgehoben. Weinende Männer, aggressive Frauen, das alles ist im Sport okayer als in anderen Lebensbereichen. Im Laufsport können, sollen, dürfen Dinge ausgelebt werden, die in anderen Bereichen des Lebens als unangebracht gelten würden.

In der simulierten Unbedingtheit imaginieren wir uns in eine Gegenwelt hinein, in der in einem festen Rahmen archaische Wurzeln des Menschseins aufgerufen werden können. Im Amerikanischen nennt man diesen Zustand bei Sportlern und Sportlerinnen treffenderweise Beast Mode (deutsch: animalischer oder auch bestialischer Modus). Ist diese Fähigkeit, sich in solch einen Zustand zu versetzen, ein möglicherweise unverzichtbares Puzzlestück für ein gelingendes soziales Miteinander in Gesellschaften? Vermutlich schon. Bleibt die Frage: Was können Trailrunner mit diesem Wissen um die Existenz von Wolfram Eilenberg’schen simulierter Unbedingtheit anfangen?

Es reicht der Hinweis, dass es in Ordnung ist, im sportlichen Rahmen ein von außen betrachtet irrationales Alles oder Nichts-Denken an den Tag zu legen. Getreu der Rockband Tocotronic, die die einprägsame Zeile „Pure Vernunft darf niemals siegen“ zu einem ihrer Albumtitel auserkoren hat. Es kann ein Teil der läuferischen Existenz sein, sich in Zustände zu begeben, in denen alles andere zweitrangig zu sein scheint, mehr noch, zu sein hat. Es sind möglicherweise genau diese reizvollen Zustände, in denen die komplexe Gegenwart entkompliziert wird und alles plötzlich ganz einfach erscheint: Hier der Start, dort das Ziel, dazwischen wird gelaufen. Komme, was wolle.

Höre hierzu auch Folge 7 des „Vom Laufen“ Podcasts.

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