Von der Tischlerbank auf die Trails: Lennard Muschinskis unkonventioneller Weg in den Leistungssport

In dieser Porträtreihe stellen wir drei Trailrunner vor, die im April als Team „Alles Laufbar“ beim Ultratrail Fränkische Schweiz starten werden. Aus über 300 Bewerbungen haben wir sie ausgewählt, um ihre Geschichte zu erzählen. Lennards Weg zu einem der leistungsstärksten Trailrunner Deutschlands war kein konventioneller. Unweit von Dresden, aber umso weiter weg von hohen Bergen lief er schon als Teenager seinen ersten Ultratrail. Nicht ganz unschuldig: Sein Vater.

„Klar würde ich gern mehr trainieren und weniger arbeiten. Aber im Moment ist das für mich finanziell nicht vorstellbar“, erzählt uns Lennard beim gemeinsamen Abendessen im deftig-fränkischen Schwanenbräu, das am Marktplatz von Ebermannstadt den halben Liter Bier für 3,50 Euro und Schäuferle mit Klößen und Sauerkraut für 17,50 Euro anbietet. Bodenständig und ehrlich ist auch Lennard Muschinski. 22 Jahre jung ist der Trailrunner aus Bautzen bei Dresden. Seinen ersten Trail-Wettkampf lief er bereits mit zarten 16 Jahren: 20 Kilometer beim Sachsen Trail. Doch wie kommt ein Teenager in Sachsen auf die Idee, Trails zu laufen?

Lennard Muschinski © Gerhard Illig

Die Antwort gibt Lennard selbst: „Ohne meinen Vater hätte ich wahrscheinlich bis heute nicht geahnt, dass es lange Laufwettkämpfe in den Bergen gibt.“ Steffen Muschinski, Lennards Vater, ist ein Ultratrailläufer vom alten Schlag, der schon 2012 beim zweiten Zugspitz Ultratrail am Start stand. Einen Marathon ist er nie gelaufen – sein Metier waren und sind die langen Abenteuer in der Natur. Wie er es geschafft hat, seinen pubertierenden Sohn in diese Welt einzuführen, können die beiden bis heute nicht genau sagen. Jedenfalls zogen sie fortan gemeinsam los: bei heimischen Wettkämpfen wie dem O-See Ultratrail und dem Sachsen Trail oder bei alpinen Abenteuern wie dem Großglockner Ultra Trail und dem Innsbruck Alpine, die sie in ihre Sommerurlaube integrierten.

Infiziert von der Begeisterung seines Vaters verlief Lennards Einstieg in die Ultratrail-Welt rasant. Bereits 2022 lief er im Alter von 19 Jahren sechs Ultras – alle Seite an Seite mit seinem Vater. Die beiden waren ein starkes Team. Nur manchmal, meint Lennard, kam es zu Meinungsverschiedenheiten: „Wenn ich mit meinen Kräften am Ende war oder ein mentales Tief hatte, hat es schon manchmal gekracht. Vielleicht war ich auch etwas ungemütlich. Irgendwann haben wir einen Weg gefunden: Mein Papa ist einfach ein paar Hundert Meter vorgelaufen und ich musste alleine mit meinen Problemen klarkommen“, erzählt Lennard lachend. Diese Zeiten sind längst vorbei. Inzwischen ist Lennard seinem Vater enteilt – nicht in der Distanz, aber im Tempo. Seit diesem Jahr läuft er für das Team Salomon. Im vergangenen Jahr wurde er Deutscher Vizemeister im Ultratrail und lief auf Platz zwei beim Leutasch Trail an der Zugspitze.

Lennard auf den Trails des Ultratrail Fränkische Schweiz © Gerhard Illig

Für unser Treffen in der Fränkischen Schweiz musste Lennard sich den Freitag freinehmen. Das bedeutete für den 22-Jährigen, die restlichen vier Tage der Woche jeweils zehn statt acht Stunden zu arbeiten. Da Lennard immer am Morgen trainiert („abends nach der Arbeit bin ich meist zu müde“), hieß das: um 5 Uhr aufstehen, um Punkt 6 Uhr die Laufschuhe schnüren. Gerade hat er eine neue Stelle als Sportfachverkäufer in Füssen angetreten.

In Bautzen arbeitete er zuvor in dem Tischlereibetrieb, in dem er auch seine Ausbildung gemacht hat. Im Füssener Outletcenter ist er zwar ebenfalls 40 Stunden pro Woche angestellt, beginnt an regulären Arbeitstagen aber erst um 10 Uhr – genug Zeit also für das Training am Morgen. Zudem ist die Arbeit körperlich weniger fordernd. Der vielleicht größte Vorteil: Lennard muss sich nicht mehr ins Auto setzen, um in die Sächsische Schweiz oder nach Tschechien zu fahren – der 1000 Meter hohe Jeschken war lange sein Trainingsberg. Jetzt hat er die Berge direkt vor der Haustür. Ein Umstand, den er nach seinem Umzug zu Beginn des Jahres noch gar nicht voll ausnutzen kann, denn Lennard steckt mitten in der Marathonvorbereitung. Beim Hannover Marathon im April will er eine neue Bestzeit laufen. Im vergangenen Jahr lief er in Dresden 2:26:32.

Lennard ist ein kräftig gebauter Läufer, seine Beinmuskulatur ausgeprägt. Dass das so ist, ist ihm durchaus wichtig. Zwischen einer kurzen Fußballkarriere in jungen Jahren und der Zeit, in der ihn sein Vater zu Ultratrails mitnahm, gab es eine Phase, in der Lennards sportliche Aktivitäten vor allem aus regelmäßigen Fitnessstudiobesuchen bestanden. „Ich gehe heute noch regelmäßig ins Fitnessstudio. Tatsächlich sind mir die optischen Gründe fast wichtiger als die Fortschritte beim Laufen“, erzählt der Salomon-Athlet. Auf unserem gemeinsamen Teamlauf auf den Hummerstein muss Lennard seine muskulösen Beine jedenfalls am meisten zügeln. Wenn Läufer, die mit dem Cut-off kämpfen, gemeinsam mit solchen unterwegs sind, die um den Sieg laufen, ist das für beide Seiten herausfordernd. Die Möglichkeit, das Tempo anzupassen, hat jedoch nur der Schnellere. Für Lennard ist das kein Problem. Ohnehin wirkt der Läufer aus der Lausitz angenehm geerdet und zurückhaltend.

© Gerhard Illig

Die Liebe zu den Ultratrails, die durch seinen Vater früh entfacht wurde, schlägt noch immer unverändert in Lennards Herzen: „Die 100er faszinieren mich am meisten, aber ich habe noch keinen beenden können.“ Beim Eiger Ultra Trail hat er sich bereits an der vermeintlichen Königsdistanz versucht, musste jedoch nach 70 Kilometern aussteigen. Der Wunsch, diese Herausforderung zu meistern, brennt weiterhin in ihm – und doch hat er gelernt, sich von der Vernunft leiten zu lassen. In den kommenden Jahren will er sich zunächst auf den „kürzeren“ Distanzen weiterentwickeln. Auch sein Trainer Kai von Two Peaks Endurance sieht hier großes Potenzial. Seit Lennard strukturiert nach Trainingsplan arbeitet und seinem Trainer voll vertraut, hat er enorme Leistungssprünge gemacht – auch wenn ihm das nicht immer leichtfällt. „Ich bin schon der Typ, der immer nachfragt, ob man nicht noch mehr machen könnte. Aber dann kommt immer ein striktes Nein“, erzählt Lennard schmunzelnd.

" Die 100er faszinieren mich am meisten, aber ich habe noch keinen beenden können. "

Lennard

In seinem bisherigen Job als Tischler in Sachsen war Lennard bei der Wettkampfplanung stark eingeschränkt. Drei Wochen Betriebsruhe waren als Urlaub fest vorgegeben – wenig Spielraum für die oft langen Reisen zu Wettkämpfen in den Alpen. Im neuen Job hat er mehr Freiheiten und will diese nutzen, um bei Rennen der UTMB World Series zu starten, die sich zuvor nur schwer in seinen Alltag integrieren ließen. Denn natürlich träumt Lennard von Chamonix. Die Qualifikation für OCC oder CCC ist sein großes Ziel für dieses Jahr.

Neben den Marathondistanzen beim Mozart by UTMB und dem ZUT by UTMB steht auch wieder der 100er beim Eiger auf Lennards Rennplan. Eine offene Rechnung, die ihn zu sehr antreibt, um sie noch jahrelang aufzuschieben. „Rennziele motivieren mich enorm, um im Training dran zu bleiben. Lange Zeit ohne Rennen fallen mir eher schwer.“ Ein Sponsoring, das ihm die finanziellen Freiheiten gibt, seine Laufleidenschaft auf noch professionellere Beine zu stellen, bleibt sein großer Traum. Dass Lennard trotz seines jungen Alters bereits ein erfahrener Ultratrailläufer ist, hat er nicht zuletzt seinem Vater zu verdanken – stolze 14 Einträge in der DUV-Statistik sprechen für sich. Dass sein Traum längst keine ferne Fiktion mehr ist, hat er sich allerdings ganz allein erarbeitet – leise, aber konsequent.

Lennard, Simon und Pia – die drei Team-Mitglieder des Alles Laufbar Teams zusammen mit den Redakteuren Benni und Christian © Gerhard Illig

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