Tromsø-Passage, Kombiwertung und Einlaufkinder – von der Beständigkeit des U.TLW

Kein Bock zu lesen? Lass dir diesen Artikel einfach vorlesen. Jetzt Mitglied werden und Vorlesefunktion freischalten.
Wenn der U.TLW zehnjähriges Jubiläum feiert muss unser Autor natürlich dabei sein. Dabei könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein. Es gilt eine DNF-Serie zu beenden. Ein Bericht über ein dringend benötigtes Finish über unerwartet ruppige Trails bei einem ganz besonderen Event.

Stöhnend laufe ich über den Ödriegel. Ich schiebe mich am Gipfelkreuz vorbei und springe ungelenk den Steinhaufen hinab, der sich nur knapp, aber dafür umso ruppiger aus dem Bayerischen Wald erhebt. Der U.TLW ist gerade 12 Kilometer alt, doch mir blockieren schon die Waden. Eigentlich ist dies genau mein Gelände: unrhythmisch, verblockt – genau wie ich es mag. Wenn aber die Muskulatur den gewohnten Bewegungsspielraum nicht freigibt, fühlt sich jeder Stein, jede Wurzel wie ein unüberwindbares Hindernis an. Dasselbe Problem hatte ich schon eine Woche zuvor: Beim Stubaier Höhenweg musste ich das Rennen beenden, weil ich vor Muskelschmerzen keinen geraden Schritt mehr machen konnte. Auch beim UTFS im April hatte ich ähnliche Symptome und musste vorzeitig aussteigen.
„Jeder intelligente Mensch hätte erstmal eine Wettkampfpause eingelegt und sich ausgiebig dem Problem gewidmet“, ärgere ich mich über mich selbst. Aber nein – stattdessen musste ich mich nur eine Woche nach einem schmerzhaften DNF schon wieder an die Startlinie eines Rennens stellen.

Autor Benni Bublak auf dem Goldsteig © Woidlife Photography

Das Klassentreffen

Aber dieses eine Rennen ist schließlich nicht irgendein Rennen. Es ist der Ultra Trail Lamer Winkel. „Das Klassentreffen der deutschen Trailrunningszene“ hat es das Trail Magazin einst getauft. Neun Jahre ist meine erste und bisher einzige Teilnahme am U.TLW her. Damals, 2016, war ich ein anderer Läufer – und der Sport Trailrunning ein anderer Sport.
Doch als ich am 4. Juli 2025 den Seepark Arrach betrete, um meine Startnummer abzuholen, ist eigentlich alles wie … „wie damals, in den guten alten Zeiten“, hätte ich fast gesagt, als mir im letzten Moment bewusst wird, dass ich mich wie ein alter, nostalgischer Mann anhöre. Aber hey – ist das nicht genau der Inbegriff eines Klassentreffens? Dass man sich an vertrauten Orten mit vertrauten Menschen trifft und gemeinsam über Geschichten von früher lacht?

Im Seepark Arrach ist alles perfekt organisiert. Die Leute liegen in der Sonne rund um den kleinen See, es gibt Podiumsgespräche, und die Startnummernausgabe geht schnell und unkompliziert. Zusätzlich zur Startnummer bekommt man ein Bierglas und eine Mütze – im Weizenglas steckt ein Energieriegel. Beanie und Bierglas statt dicker Startersackerl mit endlosen Werbeflyern und unnützen Probepackungen.
Ein kleines Detail, das doch perfekt den Vibe widerspiegelt, den die Organisatoren um den U.TLW geschaffen haben. Max, Wolfgang, Johannes, Markus, Maria und Steffi stammen allesamt aus der Umgebung von Lam. Sie sind begeisterte Bergsportler, die schon an unzähligen Events weltweit teilgenommen haben. 2015 haben sie den U.TLW gemeinsam aus der Taufe gehoben – und betreiben das Event zehn Jahre später mit demselben Enthusiasmus und in unveränderter Konstellation.

Wie geht das? Eine Maßnahme war entscheidend: Nach den ersten beiden Austragungen im Jahr 2015 und 2016 entschieden sich die sechs Freunde, das Rennen nur noch alle zwei Jahre stattfinden zu lassen. Eine vergleichsweise ungewöhnliche – und in schnelllebigen Zeiten auch mutige – Maßnahme. Aber sie folgte einer klugen Erkenntnis: Innerhalb von zwei Jahren war der U.TLW zum Publikumsliebling avanciert. Warum? Weil hier eben nicht jedes Jahr ein einstudiertes Programm abgespult wird, sondern die Energie und Begeisterung der Veranstalter an jeder Ecke zu spüren ist. Will man dieses hohe Niveau beibehalten und dauerhaft den eigenen Ansprüchen genügen, braucht es mehr als zwölf Monate, um die Batterien wieder vollständig aufzuladen.

Das Orga-Team vom U.TLW sowie Lamer Marktplatz und Seepark Arrach von oben © Woidlife Photography

Aufholjagd

Zurück auf den Ödriegel. Ich schleppe mich voran. Verdammt, ist das technisch hier. Nach neun Jahren hatte ich komplett verdrängt, wie ruppig und verblockt die Trails im Bayerischen Wald sind.
Auf dem Goldsteig geht es in einem steten Auf und Ab – mehr bergauf, weniger bergab – Richtung Großer Arber: kurze, steile Rampen, bei denen man auch mal Hand anlegen muss, verblockte Downhills, und selten, aber doch: gut laufbare Passagen durch hohes Gras. Trotz meiner Beschwerden versuche ich, positiv zu bleiben. DNF ist heute keine Option. Ich erinnere mich an die guten Trainingsläufe der letzten Wochen. Ich vertraue darauf, dass die kurzfristigen Anpassungen – unter anderem ein anderer Schuh – irgendwann Wirkung zeigen.

Und tatsächlich: Kurz vor dem Großen Arber fühlen sich die Waden besser an. An der VP hinter dem markanten Gipfel liege ich auf Platz acht. Ich fülle meine Flasks mit Wasser und stürze mich in den gut laufbaren Downhill. Es fühlt sich gut an. Ich kann die Beine laufen lassen. Meine Gedanken wandern von „Hauptsache finishen“ zu: „Aufholjagd“.

Die meisten Höhenmeter sind zu diesem Zeitpunkt geschafft. Allerdings warten noch 1000 weitere – verteilt auf zwei sehr unterschiedliche Anstiege. Zum Glück, schließlich habe ich noch einiges vor. Die ersten Läufer kann ich schon kurz nach dem malerischen Arbersee überholen. Der Anstieg zum Zwercheck beginnt sanft – zu sanft, um in den Speedhikingschritt zu verfallen. Hier muss gelaufen werden. Es folgt einer der wenigen Forststraßenabschnitte des U.TLW – immer leicht ansteigend bis zur VP Scheiben. Ich fülle Wasser auf, werfe zwei Salztabletten ein – es ist inzwischen ziemlich warm – und erkundige mich nach meiner Position. Drei Läufer sind noch vor mir: drei, sieben und zehn Minuten. Okay … so genau wollte ich es dann doch nicht wissen. Aber nun ist das Podium mein Ziel.

Der letzte Abschnitt hinauf zum Zwercheck ist steinig und steil. Oben wartet – wie an fast jedem Gipfel – circa ein Dutzend Menschen, die Glocken und Stimmbänder erschallen lassen. Das U.TLW-Fieber hat auch die Einheimischen gepackt. Das motiviert. Und es hilft. Ich laufe eine Weile und höre keinen weiteren Jubel – nach hinten scheine ich also zumindest ein paar Minuten Luft zu haben. Der kommende Downhill ist kurz, aber technisch. Ich trete gegen einen Stein, stolpere, kann den Sturz aber gerade noch abfangen. Ein Krampf schießt mir in den Oberschenkel.

Tromsø und Holy Trail

Am Ende des Downhills warten vier Kilometer Forststraße – zum Glück leicht abfallend. Hundert Meter vor mir sehe ich nun den Drittplatzierten. Kein Grund zur Hektik. Ich weiß, dass ich genügend Zeit habe. Zwar sind es nur noch gut 300 Höhenmeter die bis zum letzten Gipfel verbleiben, aber der Downhill zurück ins Ziel ist das fordernde Herzstück des U.TLW.
An der Wasserstation vor dem Anstieg zum Osser lässt sich Martin Gsödl etwas mehr Zeit – ich übernehme Platz drei.

Den Anstieg zum Osser habe ich in keiner guten Erinnerung. 2016 bin ich hier gefühlt auf allen Vieren hoch – komplett dehydriert. Heute geht es besser. Die Beine sind schwer, aber ich kann trotz des anspruchsvollen Weges stellenweise noch laufen. Kurz vor dem Gipfel ist dann wieder Speedhiking angesagt. Das Gelände wird immer felsiger und steiler, teilweise sogar ausgesetzt.

Jetzt nur noch bergab ins Ziel rollen – könnte man denken, wenn man sich das Höhenprofil anschaut. Doch das täuscht. Waren die bisherigen Trails schon besonders schmackhafte Tortenstücke, sind die letzten fünf Kilometer des U.TLW die Sahnehaube auf der Hochzeitstorte. Blöd nur, dass schon 50 Kilometer in den Beinen stecken.
Gleich geschafft, denken wohl nicht wenige nach dem sie den steilen Downhill vom Kleinen Osser hinter sich haben. Doch dann geht es nochmal richtig los: Bei der Tromsø-Passage muss man über einen Haufen fetter Findlinge klettern. Ein Helfer wirft den Läufern ein Seil herunter, an dem sie sich hochziehen. Ich lehne dankend ab und stemme mich mit Händen und Füßen den Fels hinauf. Fehlentscheidung. Mein Körper quittiert die ungewohnte Bewegung prompt mit Krämpfen in den Oberschenkelinnenseiten.

Die Tromsø Passage zeugt ein weiteres mal von der Beständigkeit des UTLW. Seit 2015 wird beim „König vom Bayerwald“ bis auf kleine Änderungen dieselbe Strecke gelaufen. Die Passage ist eine Hommage an ein Rennen, das es – im Gegensatz zum U.TLW – schon seit einigen Jahren nicht mehr gibt: das Tromsø Skyrace. Einige Teilnehmende kennen es vielleicht gar nicht mehr. 2015 war es eines der technisch anspruchsvollsten Rennen weltweit – mit luftigen Kletterpassagen über norwegische Grate.

Tromsø-Passage © Woidlife Photography

Auch der folgende Abschnitt hat einen Namen: der Holy Trail. Er raubt mir auch dieses Mal die letzten Nerven. Einerseits ist es vielleicht der schönste Trail, den ich je gelaufen bin – malerisch schlängelt er sich über einen bewaldeten Rücken, zwischen Steinen, Wurzeln und Moosen hindurch. Andererseits ist er nach 50 Kilometern einfach gnadenlos – immer wieder muss man stoppen, springen, suchen, wo der Weg überhaupt verläuft. An zügiges Laufen ist nicht zu denken.
Eigentlich war ich vorbereitet auf den Holy Trail – aber nicht darauf, dass der tatsächlich so endlos lang ist. Immer wieder muss ich das Tempo reduzieren, weil sich Krämpfe andeuten.

Endlich habe ich wieder laufbares Terrain unter den Füßen. Nur noch zwei Downhill-Kilometer bis ins Ziel. Als Drittplatzierter wird mir die Ehre zuteil, dass mich zwei Dutzend Kinder mit Luftballons ins Ziel begleiten – ein weiteres Unikum des U.TLW, das sich über zehn Jahre gehalten hat. Anstatt einer Medaille, bekomme ich ein Schnapsglas umgehängt.

" Waren die bisherigen Trails schon besonders schmackhafte Tortenstücke, sind die letzten fünf Kilometer des U.TLW die Sahnehaube auf der Hochzeitstorte. "

Der Lamer Marktplatz

Es war sicher nicht mein bestes Rennen – aber als Dritter beim U.TLW einzulaufen ist nach dieser längeren Durststrecke das Beste, was mir passieren konnte. Und der spaßigste Teil beginnt ja erst:
Mindestens so lange, wie ich auf den Trails die Einsamkeit des Bayerischen Waldes genossen habe (5:37:57), werde ich nun auf dem Marktplatz von Lam die Geselligkeit des deutschen Trailrunning-Klassentreffens aufsaugen.

Zu schnell für mich an diesem Tag waren Markus Mingo und Adam Korecky, die von Anfang an vorneweg liefen – mit dem glücklicheren Ende für Markus. Der Lokalmatador ist einer der sechs Mitbegründer des U.TLW, hat die Strecke noch Tage zuvor selbst markiert, ist Chefredakteur bei xc-run.de und zählt zu den konstantesten Trailläufern Deutschlands. 2015 wurde er Dritter beim Debüt. Zehn Jahre später krönt er sich nun erstmals daheim zum König vom Bayerwald. Eine emotionale Angelegenheit – die ihm auf dem Podest sogar die ein oder andere Träne entlockt.

Bei den Damen setzt sich – wenig überraschend – Eva Maria Sperger zum dritten Mal durch. Auch sie hat eine besondere Verbindung zum Rennen: Sie ist mit Mitorganisator Johannes Schmid liiert. Tina Fischl und Astrid Stegner komplettieren das Podium.

1000 Teilnehmende zählt der U.TLW inzwischen über die drei angebotenen Distanzen. Gefühlt alle sitzen an diesem sonnigen Nachmittag auf dem Marktplatz von Lam. Die Szenerie ist besonders: Unzählige Bierbänke stehen vor der Bühne. Die Restaurants am Platz haben sich zusammengetan und versorgen die durstigen und hungrigen Läuferinnen und Läufer mit Speis und Trank.
Auf der Bühne werden die Siegerinnen geehrt – aber auch Max Hochholzer erhält die Ehrennadel der Region und ist sichtlich gerührt. Mit über 70 Jahren ist er die gute Seele der Veranstaltung und übernimmt seit jeher einen Großteil der Organisation.

Nach der Siegerehrung spielt die Rock’n’Roll-Band Gentle – mit charismatischer Sängerin und genug Groove, um die Bänke voll zu halten. Und auch um 23 Uhr ist noch lange nicht Schluss – schließlich folgt noch die legendäre After-Race-Party.
Die Kombiwertung ist dabei ein fest verankerter Begriff: eine inoffizielle Ehrung für jene Finisher, die abends am längsten das Tanzbein schwingen. Nach zwei halben Bieren tauschen wir längst vergangene Geschichten aus. Fotos machen die Runde – von Nächten, in denen zwei Halbe nur der Anfang waren.

Um Mitternacht geben wir uns geschlagen, überlassen den Jüngeren den Kombiwertungssieg – und fallen mit leeren Beinen, aber aufgefüllten Erinnerungen ins Bett. Besser kann man sich ein Klassentreffen nicht ausmalen.

König vom Bayerwald (Frauen)
PlatzNameZeit
1Eva-Maria Sperger5:58:09
2Tina Fischl6:27:12
3Astrid Steger6:49:59
König vom Bayerwald (Herren)
PlatzNameZeit
1Markus Mingo5:17:05
2Adam Korecky5:28:16
3Benjamin Bublak5:37:57

Die U.TLW Strecke

RENNEN

UTLW – Ultra Trail Lamer Winkel

Der Ultra Trail Lamer Winkel ist das Familientreffen der deutschen Trailrunningszene. Der Mittelgebirgsklassiker erfreut sich seit der Erstaustragung im Jahr 2015 stets am regen Zuspruch der hiesigen Trailrunner und ist dementsprechend schnell ausverkauft. Seit ein paar Jahren findet er nur noch alle zwei Jahre statt. Für eine Mittelgebirgsstrecke ist der Kurs sehr anspruchsvoll. Es gibt viele wurzelig verblockte Trails (z.B. auf dem Goldsteig), steile Anstiege (z.B. hinauf zum Osser) und sogar kurze Kraxelpassagen (die berühmt berüchtigte Tromsø-Passage). Legendär beim UTLW ist auch die berüchtigte After-Race Party.

UTMB Preview 2025 – Wer sind die Favoriten?

Nach positiver Dopingprobe: Dominik Matt vorläufig suspendiert