Trail-Hauptstadt Innsbruck – das rasante Wachstum einer Szene

Wahrscheinlich ist das Wachstum des Trailrunnings nirgendwo so augenscheinlich wie in Innsbruck. Viele leistungsstarke Trailrunner haben die Alpenmetropole als ihr neues Zuhause gewählt – darunter auch Nora Schief. Die junge Dynafit-Athletin aus Schwaben ist der Frage nachgegangen, was Innsbruck für Trailrunner so besonders macht – aber auch welche Schattenseiten das schnelle Wachstum dieser Bubble mit sich bringt.

Es ist ein ganz normaler Dienstagvormittag um 10:30 Uhr, Anfang Dezember. Da ich heute erst nachmittags Uni habe, mache ich meinen 3-Stunden-Longrun an der Nordkette. Es liegen 15 cm Schnee auf den Forstwegen und Trails. Ich bin vor zwei Monaten frisch nach Innsbruck gezogen und nutze das Privileg, trotz Schnee und Kälte direkt von der Haustür aus in die Berge zu gehen. Ich habe mich darauf eingestellt, drei Stunden keiner Menschenseele zu begegnen – in der Nähe von Stuttgart, wo ich aufgewachsen bin, wäre das so. Aber nicht hier. Über die Dauer meines Laufes kommen mir in regelmäßigen Abständen einige sehr gut gelaunte Trailläufer entgegen – trotz des ungemütlichen Wetters und trotz der Uhrzeit, zu der die meisten eigentlich arbeiten. Das war das erste Mal, dass ich aktiv wahrgenommen habe: Innsbruck ist besonders. Ich bin angekommen in einer Stadt, in der Traillaufen nicht die Ausnahme ist, sondern ein Lebensstil – eine Bubble, die nicht nur ich, sondern viele andere ganz bewusst gewählt haben.

Autorin Nora Schief auf den Trails in Innsbruck © Alles Laufbar

Dass immer mehr Trailläufer Innsbruck als ihren Wohnort wählen, ist spätestens seit der Trail-WM 2023 kein Geheimnis mehr. Warum genau das so ist, versuche ich über Interviews mit unterschiedlichen Stimmen aus der Szene herauszufinden. Dabei ist mir schnell aufgefallen, dass die Trailszene in Innsbruck, wie ich sie 2023 kennengelernt habe, nicht immer so war und vor allem in den letzten zehn Jahren eine enorme Entwicklung durchgemacht hat. Raphael Rakut, Läufer, Trainer und Sportpsychologe, erzählt mir, wie er diese Entwicklung wahrgenommen hat. Er ist 2017 zum Studieren aus Süddeutschland nach Innsbruck gezogen – vor allem wegen der Lage der Stadt. Die Trailcommunity hat sich in den letzten Jahren, insbesondere seit Corona, massiv verändert und vergrößert. „Das ist kein Vergleich von 2018 zu 2024, als ich die Stadt verlassen habe.“ Die früher noch aus einer Handvoll Leute bestehende Community, in der jeder jeden kannte, ist zu mehreren Bubbles geworden. Unterschiedliche Community Runs für jeden Tag der Woche sind förmlich aus dem Boden geschossen. Die Berge sind mittlerweile ganz schön voll, und man wird mit Trailequipment im alpinen Gelände längst nicht mehr komisch angeschaut.

Johannes Dörr, Raphael Rakut, Daniel Pattis, Rosanna Buchauer – 4 Top-Trailrunner, 4 Wahl-Innsbrucker

Aber warum Innsbruck? Die meisten meiner Interviewpartner sind wegen des Studiums hierhergezogen. Das Angebot mit dem Management Center Innsbruck und der Universität Innsbruck kann sich mit mehr als 160 Studiengängen durchaus sehen lassen. Raphael Rakut, Johannes Dörr, Daniel Pattis und Rosanna Buchauer haben alle hier zu unterschiedlichen Zeitpunkten studiert. Johannes Dörr hat seinen Bachelor in Konstanz gemacht, studiert seit zwei Jahren im Master Sportwissenschaften in Innsbruck und hat sich 2025 mit seinem Sieg über die 110 km beim Innsbruck Alpine Trail Festival direkt einen Namen gemacht. Dass das Studium oft nur ein Vorwand war, um nach Innsbruck zu ziehen, war ziemlich einstimmig. Doch Traillaufen war nicht unbedingt der Grund, warum die heutigen Läufer ursprünglich in die Berge wollten: Rosanna und Raphael erzählen, dass das Ziel ihrer ersten Innsbruck-Jahre war, so viele Ski- und Snowboardtage wie möglich zu sammeln. Rosanna ist vermutlich allen bekannt als eine der besten deutschen Trailläuferinnen. Trotz ihrer Bodenständigkeit führt kaum ein Weg an ihren zahlreichen Podien vorbei, wie etwa beim CCC 2024. Rosanna wohnt mittlerweile nicht mehr in der Innsbrucker Innenstadt, sondern in einem ruhigen Dorf im Umland. Dass Innsbruck ein Mekka fürs Traillaufen ist, darin sind sich alle einig. Und auch wenn keiner der vier Läufer direkt wegen des Traillaufens nach Innsbruck gezogen ist, gibt es Beispiele wie Max Rahm, bei denen genau das der Grund war – „all in zu gehen“, um Trail-Profi zu werden.

Community Trails in Innsbruck © Sportograf/Laufwerkstatt

Die Trailcommunity in Innsbruck ist mittlerweile sehr, sehr groß. Das Innsbruck Alpine Trail Festival bricht jährlich seine Teilnehmerrekorde, und die Strava-Segmente haben inzwischen ein einschüchterndes Niveau. Das motiviert auch, findet Raphael: „Wenn ich auf Strava die anderen laufen sehe, dann will ich auch laufen.“ Johannes freut sich darüber, dass er immer jemanden zum Laufen findet, während Rosanna lieber alleine läuft – aber jederzeit Anschluss finden könnte. Der Zugang zur Community ist leicht, hat aber auch Schattenseiten: FOMO ist kein Fremdwort, und die ehemalige Dirtbag-Laufszene wird zunehmend von Marken kommerzialisiert. Cafés, Influencer und Sportclubs organisieren ihre eigenen Community Runs, oft begleitet von einem subtilen „Höher, schneller, weiter“. Gleichzeitig sorgt die hohe Leistungsdichte für Druck: Es wirkt manchmal, als würden alle um einen herum die schnellsten Zeiten, längsten Distanzen und spektakulärsten Abenteuer erleben. Das kann einschüchternd sein, schult aber auch Bescheidenheit und Motivation. Selbst Daniel Pattis empfindet gelegentlich Stress durch die Szene – trotz eines ITRA-Index von 913.

" Der Zugang zur Community ist leicht, hat aber auch Schattenseiten: FOMO ist kein Fremdwort, und die ehemalige Dirtbag-Laufszene wird zunehmend von Marken kommerzialisiert. "

Nora Schief

Die Trailrunning-Bubble ist jedoch nur ein Teil der größeren Outdoor-Bubble. Die Berge ziehen genauso Alpinisten, Kletterer, Radfahrer und Wintersportler an. „Wenn man darauf achtet, sieht man überall Leute mit Kletterschuhen am Rucksack auf dem Weg ins Kletterzentrum“, sagt Raphael. Im Sommer starten zudem im Minutentakt Rennradgruppen vom Marktplatz. Gleichzeitig überzeugt Innsbruck mit einem vielseitigen Trailnetz: Von flowigen Waldtraversen bis zu alpinen Downhills ist alles direkt erreichbar. Dazu kommt das Wetter – gefühlt scheint immer die Sonne. „Dauer-Sonne, Immer-Sonne“, sagt Rosanna. Die Lage ist ebenfalls ideal: schnell über den Brenner, in Deutschland oder in den Westalpen. Man kommt nicht nur schnell an andere Orte, sondern Innsbruck ist auch in die andere Richtung sehr zugänglich. Die Atmosphäre der Stadt trägt ihren Teil dazu bei – etwa beim Innsbruck Alpine Trail Festival, dessen Zielgerade regelmäßig für Gänsehaut sorgt. Alexander Pittl von der Laufwerkstatt plant zudem, die Bedingungen für Elite-Athleten weiter zu verbessern.

Trailrunning in Innsbruck © Sportograf/Laufwerkstatt

Doch Innsbruck ist mehr als nur Sport. Neben Cafés gibt es auch eine lebendige Kulturszene. Vor allem das Studien- und Jobangebot macht die Stadt attraktiv für Trailläufer, insbesondere für Profis, die oft noch andere Verpflichtungen haben. So arbeiten etwa Thomas Roche und Daniel Pattis an der Universität. Die Kombination aus Studium und Leistungssport ist hier besonders gut möglich. „Die Kombination aus Stadt, urbanem und beruflichem Umfeld, aus Freunden – zusammen mit der Bergwelt, steilen Uphills und Downhills – macht Innsbruck aus“, sagt Daniel.

Innsbruck selbst als Lebensstil zu bezeichnen, wäre vielleicht dennoch etwas zu viel. „Die Szene ist super cool, aber nicht einmalig“, meint Rosanna. Auch wenn man sich hier manchmal etwas vormacht, ist es trotzdem besonders, Teil dieser Community zu sein. Ich bin gespannt, wen ich in Zukunft noch alles auf meinen verschneiten Winter-Longruns an der Nordkette treffen werde. Die Trailszene wird weiter wachsen – und neue Menschen werden sich in diese Stadt verlieben. So wie ich.

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