Ein gottloses Rennen – mein erster Hunderter beim Transgrancanaria

Noch nie zuvor ist Isa 100 Kilometer am Stück gelaufen. Der Transgrancanaria ist sogar 125 Kilometer lang und findet zudem Anfang März statt. Isa stieß in den letzten Monaten auf zweifelnde Gesichter, als sie ihre kühnen Pläne darlegte. Ein Rennbericht, in dem die Protagonistin nicht nur Wind, Wetter, Kälte und erbarmungslose Downhills trotzt, sondern auch allen Zweiflern.

“Das ist eine scheiß Idee”“Du weißt schon, wie krass der letzte Downhill ist?”“Training im Winter? Viel Spaß!”“Was war denn dein längstes Rennen bisher?”“Du musst es schon wollen”

Ein kurzer Auszug aus den Antworten, die ich (ausnahmslos von Männern, diese Info vorneweg) gehört habe, als ich erzählte, dass ich im März die Classic-Distanz beim Transgrancanaria laufen möchte. 125 Kilometer, knapp 7000 Höhenmeter, durch die Nacht, den Tag und wieder in die Nacht hinein. Aus welchen Gründen auch immer man diese Sätze anstelle von Unterstützung wählt, sie haben etwas mit mir gemacht. Zuerst war ich wütend. Kein Wunder, dass so wenige Frauen auf Ultra-Distanzen zu finden sind, wenn wir uns ständig solche Sprüche anhören dürfen. Denn natürlich bin ich nicht die Einzige, die so etwas zu hören bekommt. Selbst Profi-Athletinnen erzählten mir den ein oder anderen „absolut nicht böse“ gemeinten Satz. Letztendlich haben mich diese Sätze motiviert. Schließlich weiß niemand besser als ich selbst, wozu ich fähig bin. Und ich wusste, dass ich diese Inselüberquerung schaffen kann.

Foto: Adrian Niski

Start am Strand

Als ich vor fünf Jahren das erste Mal meine Laufschuhe schnürte, wusste ich noch nicht einmal, dass es einen Sport namens “Trailrunning” gibt. Meine ersten fünf Kilometer waren ein riesiger sportlicher Erfolg. Einige glückliche Zufälle später bin ich jetzt Teil dieser wunderschönen Bubble – und stehe am 6. März 2026 um 23:59 Uhr am Strand von Las Canteras in Las Palmas an der Startlinie des Transgrancanaria Classic.

Die Hymne “Gran Canaria” der kanarischen Band Los Gofiones wird gespielt. Das Lied kenne ich aus diversen YouTube-Videos, die ich mir im Vorfeld angeschaut habe und irgendwann nicht mehr anschauen konnte, weil ich zu nervös wurde. Jetzt am Start bin ich dagegen ziemlich ruhig – aber voller Vorfreude. Es soll endlich losgehen. Los ins Unbekannte. Das Feuerwerk wird gezündet, die Läuferinnen und Läufer schieben sich durch den Startbogen.

Die ersten hundert Meter geht es am Strand entlang, bevor wir auf die Promenade wechseln. Wie immer pacen einige ordentlich los. Ich dagegen habe ein anderes Problem: Meine Stirnlampe geht nicht an. Ich halte am Rand, ziehe hektisch meinen Rucksack aus und suche die richtige Plastiktüte, in der der Ersatzakku liegt. Doch auch danach geht die Lampe nicht an. Ich rufe Adrian, meinen Coach, an, der mich das Rennen über supportet. Er geht nicht ran. Und jetzt? Kurz werde ich panisch, dass es ein DNF gibt, bevor das Rennen überhaupt angefangen hat. Nach einigem hektischen Rumgedrücke geht die Stirnlampe an. Ich muss lachen. Ich war einfach nur zu doof, die Lampe richtig anzumachen. Verbuchen wir das unter der Rubrik „Anfängerfehler“. Es ist mein erster Nachtstart.

" Kurz werde ich panisch, dass es ein DNF gibt, bevor das Rennen überhaupt angefangen hat. "

Kartoffeln gegen gottloses Wetter

Adrian und ich treffen uns in den Morgenstunden bei Kilometer 31 – der zweiten Aid Station in Teror. “So eine gottlose Scheiße”, rufe ich ihm entgegen. Die vielen Regenfälle der vergangenen Wochen haben die Wege in ein einziges Schlammloch verwandelt. Oder eher Lehm. Der Dreck hängt schwer an den Schuhen, bergauf fallen die Läuferinnen und Läufer reihenweise hin, im Flachen und im Downhill komme ich nur langsam voran. Immerhin bleibe ich so schön in Zone 1 und spare Kräfte. Nervig ist es trotzdem. Es regnet immer wieder, der Wind pfeift um die Ohren, nach ein paar Kilometern geht es durch einen Fluss – es soll nicht das letzte Mal bleiben, dass die Füße komplett nass werden. Zum Glück weiß ich nicht, wie das Wetter über den Tag werden soll – es hätte meine Laune nicht verbessert. Adrian hat dagegen eine gute Nachricht für mich: “Es gibt Kartoffeln” an der Aid Station. “Geil, ich habe von Kartoffeln geträumt”, antworte ich. Einen viel deutscheren Satz gibt es wohl kaum. Ein paar Minuten später verabschiede ich mich, weiter geht es durch den Nieselregen in den Tag hinein.

Ab 50 Kilometern beginne ich endlich, Spaß zu haben. Das Wetter ist weiterhin erbarmungslos, aber immerhin werden die Streckenverhältnisse etwas besser. Kurz vor der fünften Verpflegungsstation in El Hornillo tauchen wir in einen Dschungel ein, der mich an den Regenwald Perus erinnert. Zwar ist der Downhill nicht ganz einfach zu laufen, aber immerhin bekomme ich erstmals die landschaftliche Schönheit Gran Canarias zu sehen. Eine warme Gemüsebrühe und aufmunternde Worte von Adrian später geht es in den Anstieg Richtung Artenara. Erstmals setze ich meine Kopfhörer auf. Meine Freunde haben mir ihre Lieblingslieder geschickt, die Playlist motiviert mich. Der Anstieg erinnert mich an den Wank. Gleichmäßig geht es den Berg hinauf. Ich merke: Das Training wirkt, ich habe keine Probleme, kann vieles laufen und sammle viele Männer ein. Da ich weiß, dass viele Männer ungern „gechickt“ werden, macht es gleich doppelt Spaß.

Foto: Adrian Niski

Supporter-Rettung

Nach knapp 70 Kilometern erreiche ich zur Mittagszeit Artenara. Neben Adrian sind jetzt noch weitere Freunde Teil meiner Supporter-Crew. Schlagartig verlassen mich meine Lebensgeister. Mir ist bitterkalt, ich zittere am ganzen Körper und kann nicht artikulieren, was ich gerade brauche. “Ich weiß gar nicht, wie ich das noch schaffen soll”, wimmere ich in die Runde. “Du setzt dich jetzt erst mal hin”, sagt Adrian, zieht mir die Schuhe aus und putzt meine völlig aufgeweichten Füße. Ich wechsle die Schuhe. Meine NNormal Tomirs sind komplett mit Schlamm bedeckt. Für die restliche Strecke entscheide ich mich für die The North Face Altamesa 500 V2. Giulia legt mir zwei Jacken über und reibt mir den Rücken warm, Steffi öffnet eine Tupperdose mit Pasta und Sharon mischt mir ein neues Getränk zusammen. Die nächste VP ist in Tejeda, 13 Kilometer weiter. “Das wird jetzt noch mal richtig eklig, vorhin hatte es am Anstieg zwei Grad”, sagt Adrian. Nicht unbedingt die Motivationsrede, die ich in diesem Moment gebraucht habe – aber eben die Realität. Das T-Shirt und die Regenjacke werden gewechselt, die Regenhose, Stirnband und Handschuhe angezogen. Ausgestattet wie im tiefsten Winter verabschiede ich mich von meiner Crew und ziehe los.

Ein paar Kilometer weiter werde ich mit einem Schlag brutal müde. Alle paar Schritte fallen mir die Augen zu, ich kann mich schwer konzentrieren, wach zu bleiben. War bislang alles aushaltbar und soweit bekannt, stecke ich jetzt im ersten richtigen Tief – und weiß nicht, wie ich da wieder rauskomme. Ich bin absolut nicht gläubig oder spirituell veranlagt, aber ich glaube daran, dass es keine Zufälle gibt. Denn ein paar Minuten später treffe ich Malte auf den Trails. Er macht nach dem Halbmarathon einen kleinen Shakeout Run. Fragwürdig bei dem Wetter, aber ich freue mich sehr, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Wobei: Wir kennen uns eigentlich gar nicht, haben uns erst am Start kurz kennengelernt. Sofort erkennt er, in was für einer miserablen Verfassung ich bin. “Soll ich dir erzählen, was gerade mit dir passiert und was wir jetzt am besten machen? Du brauchst Zucker”, sagt er. Er zwingt mich, mir ein Gel reinzudrücken und Gummibärchen zu essen. “Weißt du was, ich laufe mit dir nach Tejeda”, sagt er.

Foto: Adrian Niski

Über den Roque Nublo gerockt

Die nächsten Kilometer peitscht uns der Sturm den Regen ins Gesicht. Wir lachen viel. Wie absurd das doch alles ist.

Kurz vor Tejeda reißt dann endlich der Himmel auf. Zum ersten Mal sehe ich die Sonne, es wird schlagartig warm. Aus der Ferne höre ich das Bimmeln der Glocken und „Isa“-Rufe. Da ist sie wieder, meine Support-Crew! Die nächsten Minuten fühle ich mich wie eine Profi-Läuferin. Giulia cremt mein Gesicht mit Sonnencreme ein, Steffi reibt mir meine Knie mit Teufelssalbe. Malte drückt mir ein Stück Pizza in die Hand, Sharon macht mir eine Fanta auf und stellt sie neben den Kaffee, den mir Max gebracht hat. Adrian packt in der Zeit meinen Rucksack neu. Jedes Rad greift ins nächste, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Es ist für mich der schönste, magischste und glücklichste Moment des Tages. Jetzt ist es nur noch ein Marathon!

Über den Roque Nublo geht es zur nächsten VP in El Garañón bei Kilometer 90. Zwischen den Wolken kann ich hier und da für wenige Sekunden einen Sonnenuntergang erahnen. Ich hole mein Handy raus, um eines von fünf Fotos entlang der Strecke zu machen. Auf meinem Bildschirm ploppt der Name Katharina Hartmuth auf. “Hey girl!! Keine Ahnung, ob du das siehst, aber du bist beim Roque durch – mega!!! Höchster Punkt und jetzt geht’s (fast) nur noch runter! Du rockst das, keep going!”

" Auf meinem Bildschirm ploppt der Name Katharina Hartmuth auf. "

And so I keep going. Der Downhill nach El Garañón macht mir viel Spaß, mental wie auch muskulär bin ich richtig gut drauf. Dass der Matsch endlich weg ist, macht das Ganze einfacher. Die Strecke ist hervorragend markiert und Kilometer um Kilometer komme ich in der Dunkelheit voran. In El Garañón warten Adrian und Giulia auf mich. Ich sehe sie als Erste und rufe ihnen entgegen: “Haaallo, hier bin ich.” Beide schauen mich fassungslos an. Nach einem Blick in die Hütte weiß ich auch, warum. Es ist ein Gruselkabinett, müde und verbrauchte Gesichter starren leer durch den Raum. Die beiden erzählen mir, dass viele hier aussteigen oder den Cut-off der Advanced-Strecke nicht geschafft haben. Sie haben sich schon eine Strategie überlegt, wie sie mich für die letzten 35 Kilometer aufbauen wollen. Zum Glück ist das gar nicht nötig. Ich halte mich nicht lange an der VP auf, hülle mich in eine Rettungsdecke, esse eine kleine Portion Pasta, trinke einen Tee und laufe weiter.

Ich erinnere mich an den Satz eines Freundes: “Du weißt schon, wie krass der letzte Downhill ist?” Ich frage mich: Wie schlimm kann das nach SO einem Rennen bei solchen Wetterbedingungen schon sein?

Fotos: Adrian Niski

„Ich trampel die Blasen einfach tot“

Spulen wir vor zu Kilometer 111. Im Schneckentempo krieche ich den Downhill hinunter zur letzten Verpflegungsstation. Meine Füße schmerzen brutal, die Trails sind mittlerweile staubtrocken, der Staub im Schuh schenkt mir fiese Blasen. Es fällt mir wahnsinnig schwer, mich für die letzten 14 Kilometer zusammenzureißen. Ich will weinen, doch in mir ist nichts mehr drin. Ich versuche zu laufen, doch nach ein paar Metern muss ich wieder gehen. Durch die letzte VP in Ayagaures laufe ich wie im Autopilot. Ich hole mein Handy raus und schreibe Robert. Er hat den TGC einige Stunden vorher gefinisht.

Um 19:07 Uhr schreibe ich ihm: “Ich krieg das Ding noch fertig. Gran Canaria bricht mich nicht.” Jetzt, um 00:50 Uhr tippe ich: “Ich bin so alle.” Ich quäle mich im Flussbett mit jedem Schritt. Das Ziel scheint unendlich weit entfernt. Eine Blase an der Ferse ist in der Zwischenzeit geplatzt, mein Fuß brennt. Da kommt seine Antwort: “Schrei dieses Flussbett einfach an.” Ich frage ihn, ob wir kurz telefonieren können. 14 Minuten später stecke ich mein Handy wieder in die Weste und entscheide mich, den Schmerz zu akzeptieren und fange an zu laufen. Es tut weh, wenn ich gehe, es tut weh, wenn ich laufe. Laufend komme ich aber wenigstens schneller ins Ziel. Die ersten Meter beiße ich meine Zähne zusammen, fluche leise vor mich hin, doch nach ein paar Schritten wird es „besser“. Ich trampel diese Blasen einfach tot.

Foto: Adrian Niski

Stille am Weltfrauentag

Der Moment, den ich monatelang visualisiert habe, der Zieleinlauf, ist nur noch wenige Minuten entfernt. Die Lichter des Sportplatzes sind schon zu sehen. Ich laufe und laufe und auf den letzten Metern tut plötzlich nichts mehr weh. Dieses Ziel, das ich immer vor Augen hatte, ist nur noch eine Kurve entfernt. Ich kriege nicht mit, wie viele Leute im Zielbereich stehen, ganz weit weg höre ich den Moderator sagen: “Isabella, all the way from Germany.” Dann ist irgendwie alles für eine kleine Ewigkeit still.

Nach einer Nacht, einem Tag und einer halben Nacht stehe ich am anderen Ende der Insel in Maspalomas im Ziel. Ausgerechnet am Weltfrauentag schenke ich mir meinen größten sportlichen Erfolg selbst. Nein, es war keine scheiß Idee. Ja, ich habe dieses Rennen gewollt. Ja, das Wintertraining war teilweise hart, aber bei diesen Wetterbedingungen besser als Hitzetraining. Ja, ich weiß jetzt, wie gnadenlos dieser letzte Downhill ist. Aber ich habe es geschafft. Auch, weil ich mich von diesen Stimmen nicht habe verunsichern lassen.

Keine vier Stunden später wache ich wieder auf. Ich fühle mich seltsamerweise ausgeruht, wenn auch mental noch in einer komplett anderen Welt. Es fühlt sich an wie ein großer Fiebertraum. Ich verabschiede mich von Adrian, der wieder nach Hause fliegt. “Haben wir das wirklich gemacht?”, frage ich ihn. Er lacht. “Isa, das hast du ganz alleine gemacht.”

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