Der mit den Steinen tanzt: Trailrunning trotz Cerebralparese

In dieser Porträtreihe stellen wir drei Trailrunner vor, die im April als Team „Alles Laufbar“ beim Ultratrail Fränkische Schweiz starten werden. Aus über 300 Bewerbungen haben wir sie ausgewählt, um ihre Geschichte zu erzählen. Simon leidet seit seiner Geburt an infantiler Cerebralparese. Laufen war lange Zeit keine Selbstverständlichkeit für ihn. Seit einem Jahr ist Simon nun Trailrunner. Seine Leidenschaft: Die Downhills.

„Downhill ist für mich wie Tanzen mit Steinen“, sagt Simon.

Wenig später tänzelt er tatsächlich einen dieser typischen Singletrail-Downhills der Fränkischen Schweiz hinunter. Mit kurzen, flinken Schritten läuft der Mittvierziger den schmalen, laubbedeckten Trail vom Hummerstein hinab.

Ich will ehrlich sein: Als wir eine Stunde zuvor in Ebermannstadt losliefen, hätte ich ihm das nicht zugetraut. Simons Laufbewegung ist unrund. Oder besser gesagt: ungewohnt. Zumindest für unsere Augen. Auf der Straße fällt das fast mehr auf als im Gelände. Auf dem Trail blüht Simon auf. Dass Simon überhaupt laufen, also rennen kann, haben ihm Ärzte und Sportlehrer früher oft abgesprochen. Simon leidet an infantiler Cerebralparese. Während seiner Geburt wurden Teile seines Gehirns mit zu wenig Sauerstoff versorgt. Seitdem hat er spastische Diplegien in beiden Beinen. Seine Muskeln versteifen sich.

Die Diagnose bekommen Simons Eltern, als er neun Monate alt ist. Ihr Sohn will unbedingt laufen, stürzt aber immer wieder zu Boden. Mehr als zwei weitere Jahre sollte es dauern, bis Simon gehen lernt. „Ich habe ziemlich früh registriert, dass bei mir etwas anders war als bei den anderen Kindern. Mein bester Kindergartenfreund konnte mit drei Jahren Rad fahren, ich habe es erst mit sieben gelernt. Dafür konnte ich schon mit vier Jahren schwimmen. Wasser war das Element, in dem mich mein Leiden am wenigsten limitiert hat.“

Trailrunner Simon © Gerhard Illig

Simon erzählt seine Geschichte mit großer Offenheit und Selbstverständlichkeit. Ja, fast profan wirken seine Schilderungen – dabei ist das, was Simon erlebt hat, genau das nicht. Vor mir sitzt ein Mitvierziger, der seine Einschränkungen vollständig als Teil von sich akzeptiert hat. Zu verdanken, sagt er selbst, hat er das auch seinen Eltern. Diese hätten schon früh sehr viel richtig gemacht. Tägliche Physiotherapie und Ergotherapie bildeten die Basis.
„Vor allem haben mich meine Eltern früh dazu ermuntert, sportlich aktiv zu sein. Sei es draußen auf dem Trimm-dich-Pfad oder später beim Balletttraining.“ Simon ist von Kindesbeinen an ein Bergkind. Die Familie besitzt ein Ferienhaus im Chiemgau. Später verbringen sie viel Zeit im Urlaub in Tirol. Zu Beginn sitzt er noch oft in der Kraxe, doch bald wandert er selbst über Stock und Stein. Aber laufen? Es sollte noch eine Weile dauern, bis diese Fortbewegungsart in Simons Leben tritt.

Zwischen seinem 20. und 40. Lebensjahr verliert er den alpinen Bergsport ein wenig aus den Augen, wobei Wanderungen im heimischen Mittelgebirge eine konstante Größe bleiben. Die Hausberge des Heidelbergers gehören zum Odenwald. Irgendwann macht er einen Kletterkurs und schafft es schließlich auch, seinen Mann vom Bergurlaub zu überzeugen. Mit Erfolg: Der Gatte ist infiziert. Seit fünf Jahren sind die beiden Dauergäste auf einem Campingplatz im Zillertal – entweder im Wohnwagen oder, wenn es nur ein Wochenende ist, im Caddy.

Auf der Suche nach wasserdichten Wanderschuhen für Spaziergänge mit dem Hund stoßen sie auf Trailschuhe von Merrell. Simon bekommt bei gemeinsamen Wanderungen immer ein wenig Ärger, wenn er im Downhill plötzlich in einen Laufschritt verfällt. Während andere vorsichtig treten, fängt er an zu tänzeln. Er kann nicht anders. Downhill-Liebe mit spastischen Beinlähmungen? Ich hätte eher erwartet, dass Simon Wege mit weniger Hindernissen vorzieht. Doch weit gefehlt. „Die ständige motorische Herausforderung ist besser für mich als der monotone Trott auf der Straße“, sagt der ehemalige Balletttänzer mit ADHS-Diagnose.

Simon auf den Trails des Ultratrail Fränkische Schweiz © Gerhard Illig

Ein Freund von Simon nimmt an Ultramärschen teil. Doch das ist Simon zu wegelastig. Auf der Suche nach einem Event mit mehr Trails und der Möglichkeit, den Hund mitzunehmen, stößt er auf den Mountainman. „Ursprünglich wollte ich mich zum Wandern anmelden, aber dann sind doch die Pferde mit mir durchgegangen – und es ist eine Laufanmeldung geworden. Also habe ich mit dem Lauftraining begonnen.“ Der 20 Kilometer lange Wettkampf in Nesselwang ist für Simon am Ende fast zu schnell vorbei.„Ich brauche eine Weile, bis ich warm werde. Erst nach sieben Kilometern laufen meine Beine so richtig geschmeidig.“ Also schiebt Simon im Dezember noch den 32 Kilometer langen und über 1000 Höhenmeter schweren Trail in Pommelsbrunn hinterher. Sechs Stunden lang ist Simon voll in seinem Element.

Seit einem Jahr ist Simon also Trailrunner. „Blutiger Anfänger“, wie er selbst sagt – und doch schon erstaunlich tief drin in der Materie. Sämtliche Podcasts hat er von vorne bis hinten durchgehört. Sein Training plant er akribisch mit verschiedenen Apps. Dreimal die Woche Krafttraining ist besonders wichtig für ihn. Simon hat ein großes Ziel: Er will bald seinen ersten Ultratrail schaffen. Doch dann soll noch lange nicht Schluss sein. Nach oben kennt Simon keine Grenzen. Den Transalpine Run, den 70er beim Mayrhofen Ultraks, den UTMB, sogar den Eiger 270 nimmt er in den Mund. Sehnsuchtsziele hat Simon genug – und lange laufen kann er.

© Gerhard Illig

Schon nächstes Jahr will er eine längere Auszeit vom Arbeiten nehmen. Simon arbeitet als Sozialpädagoge beim Jugendamt. Gemeinsam mit einer Freundin möchte er den über 2500 Kilometer langen Fernwanderweg Via Alpina gehen. Wobei „gehen“ nicht ganz stimmt. Ab und zu wird er im Downhill schon in den Laufschritt fallen – es geht gar nicht anders. „Wanderjoggen“, nennt er das und grinst. „Sag einfach Trailrunning“, sage ich zurück.

Nur ein einziges Mal erkenne ich einen Anflug negativer Emotionen in Simons sonst so grundauf positivem Gemüt. „Warum habe ich mir jahrelang von irgendwelchen idiotischen Sportlehrern einreden lassen, dass ich nicht laufen kann – nur weil sie nicht erkannt haben, wo meine Stärken liegen?“ Er sagt das – nur um gleich darauf wieder die positiven Emotionen sprechen zu lassen. „Es kam schon einige Male vor, dass es mich mitten im Wettkampf oder im Training überkam und mir die Tränen ins Gesicht schossen. Krass – ich kann laufen.“

" Krass, ich kann laufen! "

Simon

Simons Stärken lagen mit Sicherheit nicht bei den 1000 Metern bei den Bundesjugendspielen. Schade nur, dass sein damaliger Sportlehrer noch nie etwas von Trailrunning gehört hatte. Aber vermutlich hätte er dem Jungen, der bei Leistungskontrollen immer als Letzter ins Ziel kam, ohnehin nie zugetraut, dass er eines Tages lange Trails mit über 1000 Höhenmetern erfolgreich absolvieren würde.Welch fataler Irrtum.

Wenn es seine Arbeitssituation zulässt, will Simon mit seinem Mann bald nach Tirol ziehen.

Macht Sinn. Dort sind die Downhills länger – und mehr Steine zum Tanzen gibt es auch.

Lennard, Simon und Pia – die drei Team-Mitglieder des Alles Laufbar Teams zusammen mit den Redakteuren Benni und Christian © Gerhard Illig

Lest in der kommenden Woche die spannende Geschichte von Pia. Sie erreicht die VPs meist, wenn sie schon völlig leer geputzt sind – eine Trailrunnerin, die bei Rennen unermüdlich gegen den Cut-off ankämpft.

Die gegen das Cutoff kämpft: Trailrunning am (Zeit-)Limit