Die sozialen Medien sind tot. So titelte Die Zeit vor ein paar Monaten. Was die Autoren dieses Textes damit meinten, war nicht, dass niemand mehr bei Instagram, Facebook oder TikTok aktiv ist, sondern vielmehr, dass die ursprüngliche Intention dieser Plattformen – nämlich der soziale Austausch zwischen Menschen – immer mehr in den Hintergrund gerät. Diese Analyse hat ihren wahren Kern. Vieles bei Instagram ist reine Information, launiges Entertainment oder eben konstruierte Inszenierung.
Wenn ich wissen will, was bei meinen (Lauf-)Freunden und Bekannten im realen Leben passiert, gehe ich nicht zu Instagram. Nein, ich gehe zu Strava. Keine digitale Plattform zeigt die Realität so ungeschönt und ungefiltert wie Strava. Herzfrequenz, Pace und Höhenmeter kann man nicht inszenieren. Sie stehen da, schwarz auf weiß. Und das komplett nüchtern – keine Wertung, keine Agenda, keine Dramaturgie. Wie wohltuend in Zeiten der ständigen Überhöhung und Emotionalisierung.
Ich will wissen, wo genau mein Kumpel dieses tolle Gipfel-Selfie aufgenommen hat? Strava sagt es mir. Ich will wissen, wie fit mein Bürokollege, mit dem ich eine interne Challenge am Laufen habe, gerade ist? Strava sagt es mir. Ich will wissen, wie schnell Kilian Jornet bei Kilometer 112 des Western States gelaufen ist? Strava sagt es mir. Ich will wissen, wie unlaufbar dieser eine Bergweg ganz oben am Grat ist? Strava – und die Segmentgeschwindigkeiten der User – sagen es mir. Ich könnte endlos so weitermachen. Und ich könnte endlos Zeit bei Strava verbringen. Mich immer tiefer verlieren in diesem Rabbit Hole aus Routen-Inspirationen, Pace-Splits, Segmentlisten und Jahresumfängen.
Natürlich lade ich mein komplettes Training bei Strava hoch. Jeder sieht, wie weit, wie schnell, wie hoch und wie lange ich laufe. Warum? Für Anerkennung und Kudos? Vielleicht ein bisschen. Es ist nett, ein paar anerkennende Worte für eine starke Race-Performance zu erhalten. Andererseits erscheinen auch die Trainingseinheiten auf meinem Strava, die ich lieber verstecken würde: das DNF beim letzten Rennen oder der geplante Long Run, den ich nach fünf Kilometern abbrechen musste. Glück und Leid – beides ist gleichermaßen sichtbar.
Nichts frustriert mich mehr als Strava-User, die nur den schönen oder interessanten Teil ihres Laufalltags hochladen. Nein, ich will alles sehen. Ich genieße die komplette Transparenz über Fitnesszustand, Laufumfang, Trainingsmethodik und die Wahl der Urlaubsdestinationen meiner Strava-Bekanntschaften. Das gesagt, ist es natürlich unerlässlich, dass auch ich meine Daten ebenso transparent und vollumfänglich zur Verfügung stelle.
Ich kann es verstehen, wenn Läuferinnen und Läufer ihr Training lieber nicht vollständig exponieren wollen. Schließlich ist das eigene Laufen auch ein ziemlich intimes Unterfangen, das man nicht unbedingt der Beurteilung Bekannter oder Dritter aussetzen möchte. Und dennoch plädiere ich für ein schamloses Teilen der Laufvita auf Strava. Nicht, um zu zeigen, wie schnell man ist oder wie oft und weit man laufen kann – sondern um uns gegenseitig teilhaben zu lassen am ehrlichen Laufalltag des Gegenübers.
Wenn ich meinen besten Freund anrufe, lasse ich die Begrüßung weg und steige direkt ein mit: „4 × 8 Minuten gestern? HolladieWaldfee. Was sagen die Beine heute?“ Ist doch nett, oder nicht?


