Bergpfad, Bordstein oder beides? Der schmale Grat zwischen Trailrunning und Straßenlauf

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Trail oder Straße? Diese Diskussion wird zwischen Berg- und Asphaltmenschen oft so erbittert geführt wie der Streit um die Frage Apple oder Android. Oder Pepsi gegen Cola. Auf beiden Seiten gibt es die Puristen, die im Trailrunning oder im Straßenlauf die einzige Wahrheit vermuten.

Für die einen ist jeder noch so kleine Anstieg und jede Wurzel ein unüberwindbares Hindernis. Für die anderen gibt es stattdessen eine schier grenzenlose Verachtung für lange Geraden, Asphalt und flache Laufstrecken. Ein Beispiel? Als ich 2017 zum ersten Mal beim Superbowl des Trailrunnings, dem Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB), dabei war, wurde in unserer Unterkunft Kritik an diesem Megaevent laut. Dabei ging es nicht wie zuletzt um den Vorwurf der Kommerzialisierung oder die Monopolstellung des UTMB, sondern um die Beschaffenheit der Strecke. Einer der Anwesenden sagte: „Ich laufe den UTMB nicht mehr, das ist ein reiner Straßenlauf“, worauf eine andere Person meinte: „Ich bleibe hier in der Gegend und laufe in 3 Wochen dann den Tor des Géants. Das ist wenigstens ein richtiger Ultratrail im Gegensatz zum UTMB“.

" Solange du keine anständigen Zeiten auf der Straße gelaufen bist, hast du auf den Trails nichts verloren. "

Ich selbst war damals alles andere als ein erfahrener Trailläufer. Ich hatte gerade erst meine ersten Gehversuche – im wahrsten Sinne des Wortes – in den Bergen hinter mir und verstand überhaupt nicht, wovon diese Leute sprachen. Egal in welche Richtung ich aus unserer Unterkunft in Chamonix blickte, ich schaute auf die höchsten Berge, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ein Straßenlauf? Kein richtiger Ultratrail? Ehrlich jetzt? Ein ganz ähnliches Gespräch führte ich damals auch mit der gegnerischen Seite. Eine namentlich nicht genannte Person machte sich in meiner Gegenwart über Trailläufer lustig. „Völlig unfit, bis an die Zähne bewaffnet wie ein Astronaut auf dem Weg ins All, wandern sie kurz vor dem Cut-Off durch die Trailrennen und feiern sich danach als große Bergkrieger“, so die Hasstirade. „Solange du keine anständigen Zeiten auf der Straße gelaufen bist …“ – mein Gegenüber hatte sehr konkrete Vorstellungen davon, was er unter ‚anständig‘ verstand – „… hast du auf den Trails nichts verloren.“

Okay. Ist notiert: anständige Zeiten. Check.

Foto: Nils Laengner

Eine Frage der Identität

Schnell lernte ich, dass es für viele Läuferinnen und Läufer eine identitätsstiftende Entscheidung ist, sich entweder für die Straße oder für das Laufen in den Bergen zu entscheiden. Und das am besten endgültig.

Eigentlich bin ich auch so ein „Ganz oder gar nicht“ Typ. Wenn ich beispielsweise auf Tierprodukte, Alkohol oder Drogen verzichte, gibt es für mich keine Ausnahmen. Aber beim Laufen stehe ich seit jeher zwischen den Stühlen. Zwischen Trail und Straße.

Glücklicherweise habe ich trotz der oben beschriebenen Erfahrungen schon vor Jahren meinen Frieden damit gemacht und pendle zwischen den beiden Sportarten hin und her. Ja, so fühlt es sich manchmal an. Wie zwei vollkommen unterschiedliche Sportarten. Beide sprechen mich auf ganz unterschiedliche Weise an. Während Trailrunning meinen Freiheitsdrang, meinen Entdeckergeist und auch meine Risikobereitschaft weckt, bringt mir Straßenlauf Kontinuität, messbare Erfolge und ein Gefühl von Ordnung. Nicht nur in meinem Sport, sondern in meinem ganzen Leben. Ich möchte also keine der beiden Facetten unseres Sports missen, stelle aber immer wieder fest, dass diese Zweigleisigkeit auch einige Probleme mit sich bringt.

Im Rhythmus der Jahreszeiten

Die größte Schwierigkeit, zumindest für mich, besteht darin, aus diesen beiden Laufleidenschaften eine halbwegs sinnvolle Saisonplanung mit entsprechendem Training zu basteln. Zum Glück gibt es die Jahreszeiten. Sie helfen mir als Taktgeber für den Wechsel zwischen Straße und Trail. In der Regel wird das Laufen in den Bergen ab November, spätestens Dezember aufgrund der sinkenden Schneefallgrenze schwierig bis unmöglich. Gleichzeitig kann man in den dunklen Wintertagen hervorragend auf der Straße trainieren. Das graue Wetter passt für mich perfekt zum grauen Asphalt und ich sehne mich nach einer gewissen Monotonie. Nach einem flachen Frühjahrswettkampf geht es dann spätestens im April oder Mai, wenn der Schnee geschmolzen ist, wieder mit dem Trailrunning los. Frei nach dem Motto: „Alles laufbar“.

Voneinander lernen

Dabei können Trailrunning und Straßenlauf wunderbar voneinander profitieren. Auf der Straße lassen sich aerobe Ausdauer, Schnelligkeit und Laufökonomie gezielt verbessern. Auf den Trails werden Stabilität und Gleichgewichtssinn trainiert und eine ganze Reihe von Beinmuskeln angesprochen, die beim Straßenlauf weniger oder gar nicht beansprucht werden. Aber auch für den Kopf kann der regelmäßige Wechsel zwischen Trail und Asphalt Vorteile bringen. Während die Monotonie auf der Straße die mentale Stärke und das Durchhaltevermögen stärken kann, ist die Abwechslung, die Freiheit und die Nähe zur Natur beim Laufen in den Bergen ein echter Befreiungsschlag, der neue Motivation bringt.

Freiheit und Inklusivität

Wenn ich heute an die Diskussion beim UTMB 2017 zurückdenke, empfinde ich die Positionen und Argumente der Trailrunning-Puristen und -Puristinnen als überzogen und engstirnig. Genauso engstirnig finde ich die Forderung, dass bestimmte sportliche Kriterien aus dem Straßenlauf erfüllt sein müssen, bevor man mit dem Trailrunning beginnen kann.

Gerade gegenüber noch unerfahrenen Läuferinnen und Läufern, wie ich es damals war, wird durch solche Diskussionen der Druck aufgebaut, sich zwischen Straße und Berg entscheiden zu müssen. Dem ist aber nicht so.

Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen für den Laufsport entscheiden. Aber einer der wichtigsten ist die leichte Zugänglichkeit. Diese Freiheit und Inklusivität sollten wir niemals infrage stellen, egal ob wir lieber auf Asphalt oder in den Bergen laufen. Oder beides.

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