Zahlen und Storylines von der Watzmann-FKT, der Trail-Weltmeisterschaft, Nizza by UTMB und dem Adamello Trail

Immer montags präsentieren wir euch die Zahlen des vergangenen Wettkampfwochenendes. Hinter jeder Zahl verbirgt sich eine kleine Geschichte, die interessant, spannend, lustig oder einfach nur informativ ist. An diesem Wochenende schauen wir auf die Watzmann-FKT, die Trail-WM, Nizza by UTMB und den Adamello Trail.

Neue Watzmann-FKT: ZWANZIG Minuten

Johanna „Jojo“ Ehrenklau hat am Sonntag eine neue Fastest Known Time (FKT) auf der beliebten Watzmann-Route (Wimbachbrücke – Watzmannhaus – Wimbachgrieshütte – Wimbachbrücke) aufgestellt. Nach einigen FKT-Aktivitäten am Jubiläumsgrat in letzter Zeit – nun also wieder der Watzmann! Keineswegs ein leichtes Unterfangen, denn erst letztes Jahr hat Clara Carste eine starke Zeit von 4:13 Stunden auf der 23 km langen und 2.200 hm umfassenden Route vorgelegt. Johanna hatte ursprünglich vor, eine Unsupported FKT aufzustellen, entschied sich aber kurzfristig doch für die Supported-Variante. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem The North Face-Teamkollegen Constantin Leinekugel und Philipp Reiter. Sie wurde unterwegs mit vollen Flasks versorgt, und auch der Helm wurde ihr erst am Einstieg der Gratüberschreitung übergeben. Die in Farchant wohnhafte Zahnärztin, die erst vor zwei Wochen zusammen mit Arne-Christian Wolff die Mixed-Kategorie des Transalpine Run gewonnen hat, hatte die Watzmann-FKT schon länger im Kopf – jetzt hat es endlich geklappt.

„Ich habe lange gedacht, ich schaffe es nicht wegen der Zeit. Hoch bin ich voll an meine Grenze gegangen. Dabei war ich noch sehr nah an Claras Zeit.“ Genau eine Minute betrug Johannas Vorsprung auf Clara Carstes Zeit nach dem Anstieg zum Watzmannhaus (siehe Strava-Segment). Oben war die Stimmung frostig: Der Fels und die Seile waren teilweise gefroren. Für Johanna war klar: Kein Risiko eingehen. „Über den Grat bin ich zügig, aber kontrolliert rüber“, berichtet sie uns. „Und am Ende konnte ich noch pushen.“ Das stimmt, denn sie lief die sehr laufbaren 10 km durch das Wimbachgries in rund 36 Minuten und erreichte bei manchen Kilometern eine Pace zwischen 3:20 und 3:30 – das nach einer nicht unerheblichen Vorbelastung am Berg.

Am Ende steht eine neue Bestzeit von 3:52:58 Stunden. „Ich habe einen guten Tag erwischt, und es hat alles gepasst“, bilanziert eine zufriedene Johanna Ehrenklau. Herzlichen Glückwunsch!

Alles Fotos: The Adventure Bakery

ELFTAUSEND Pyrenäen-Höhenmeter

Satte 11.000 Höhenmeter kamen über alle fünf Wettbewerbe der WMTRC in Canfranc zusammen. Schon die Trailrunning-Kurse vor zwei Jahren in Innsbruck waren alpin und anspruchsvoll. In den spanischen Pyrenäen wurde das allerdings noch einmal getoppt. Ein winziger Ort in den abgelegenen Pyrenäen? Viele zweifelten, ob dies der richtige Ort für eine Weltmeisterschaft sei. Nach diesen vier Tagen kann man sagen: Sie wurden eines Besseren belehrt. Beim Trailrunning und Berglauf will man vor allem eines sehen: hohe Berge und wilde Natur. Nur selten findet man dies in der Umgebung von Metropolen. Kultur und Historie wurden in Canfranc trotz fehlendem Großstadt-Flair dennoch geboten. Der ehemalige Bahnhof, inzwischen zum Luxushotel umfunktioniert und einst als Umschlagpunkt nach Frankreich genutzt, bot eine angemessene Kulisse und einen spannenden historischen Rahmen.

Doch der eigentliche Star dieser WM blieb die wilde Bergwelt rund um den markanten Gipfel Pic du Midi d’Ossau, inklusive der schmalen und gleichzeitig ruppigen Trails, die sich durch dieses Gelände schlängelten. Perfekt in Szene gesetzt wurden sowohl Landschaft als auch Renngeschehen durch den Livestream. Wer meint, 10-stündiges Trailrunning und Livebilder schließen sich aus, irrt gewaltig. Dank des schönen Wetters und der spärlichen Vegetation konnten wir das Geschehen über Drohnen perfekt verfolgen. Die Kommentatoren Jonathan Wyatt und Martin Gaffuri im englischen Stream sorgten zudem dafür, dass der geneigte Trailrunning-Fan spannende Insights, viel Expertise und gelegentlich auch kontroverse Diskussionen geliefert bekam. Zehn Stunden müssen ja gefüllt werden – da ist auch Zeit, über Carbonplatten und Profi-Verträge zu philosophieren.

Befreit vom Druck, möglichst viele Teilnehmende über dieses schroffe Gelände bringen zu müssen, konnte sich diese WM darauf konzentrieren, die volle Schönheit dieses Sports zu präsentieren: nicht schnell, action-fokussiert und austauschbar auf künstlich angelegten Rundkursen, sondern ästhetisch, sportlich hochklassig und manchmal angenehm langatmig auf langen Runden durch die ursprüngliche Bergwelt der Pyrenäen.

© WMTRC Canfranc

DREI mal Gold – Deutschland Berglauf-Nation?

Nina Engelhard scheint aktuell weltweit in ihrer eigenen Liga zu laufen. Beim Vertical Gold sah es noch so aus, als könnte ihr die Finnin Susanna Saapunki gefährlich werden. In der Classic-Disziplin dominierte sie jedoch unangefochten mit zwei Minuten Vorsprung. Trotz ihrer Weltklasse-Leistung ist es, sofern keine internationalen Meisterschaften anstehen, ruhig um die Kasselerin. Social Media hat sie nicht, große Sponsoren ebenfalls nicht. Wer die doppelte Gold-Gewinnerin kennenlernen möchte, sollte unser Podcast-Interview mit ihr hören, das wir nach ihrem EM-Doppelgold letztes Jahr führten. Für eine weitere Gold-Medaille sorgte Julia Ehrle in der U20-Kategorie. Vielleicht wäre noch eine weitere Medaille hinzugekommen, wenn ihr Bruder Lukas Ehrle seinen Start nicht kurzfristig hätte absagen müssen.

In den beiden Berglauf-Disziplinen ist Deutschland damit weitaus erfolgreicher als in den Trailrunning-Disziplinen. Hier gab es im Gegensatz zu Innsbruck (zwei Mal Silber im Long Trail; Frauen-Mannschaft und Katharina Hartmuth) keine Medaillen – nicht einmal eine Top-Ten-Platzierung. Sind wir also zumindest eine Berglauf-, wenn auch keine Trailrunning-Nation? Die Antwort lautet wohl leider: weder noch. Die herausragenden Leistungen von Nina Engelhard und den Ehrle-Geschwistern basieren keineswegs auf einem ausgeklügelten Förderungssystem oder einer tiefen Sporthistorie, sondern sind bemerkenswerte Einzelfälle. Dafür spricht auch, dass es keine Mannschaftsmedaille im Berglauf gab.

Nina Engelhard vor dem ehemaligen Bahnhof von Canfranc © Tobias Oemus

SECHZIG Minuten Zeitstrafe und EINE abgekürzte Kurve

Verbände und Regularien – das geht oft Hand in Hand. Die Trailrunning-Weltmeisterschaft wird von drei kooperierenden Verbänden ausgetragen. Internationale Wettkampfregeln des Leichtathletik-Verbandes sind vorhanden. Ab Seite 248 finden sich Bestimmungen zu Cross-, Landschafts- und Bergläufen. Das Wort „Trail“ hat es allerdings noch nicht ins Reglement geschafft, und trailrunningspezifische Bestimmungen sind eher Mangelware.

Einige wenige Vorkommnisse bei der WM zeigten, dass in diesem Bereich noch Diskussionsbedarf besteht. Der deutsche Ultratrail-Läufer Johannes Dörr erhielt beispielsweise eine einstündige Zeitstrafe, weil er seine Stirnlampe, die er nur in der ersten Rennstunde benötigte, nicht bis zum Schluss bei sich trug. Regeln sind Regeln – dennoch erscheint eine Stunde für dieses vergleichsweise harmlose Delikt sehr viel. Im Ranking belegte Johannes den 99. Rang; ohne Zeitstrafe wäre es der 57. Rang geworden.

Eine andere, vielleicht gröbere Unsportlichkeit wurde hingegen nicht geahndet: Ein Instagram-Reel zeigte, wie eine Läuferin im Classic-Rennen eine Spitzkehre im Downhill abkürzte und sich so rund 20 Meter Laufstrecke sparte. Da an dieser Stelle keine Markierung vorhanden war, war das Abschneiden der Strecke nicht ausdrücklich verboten – eine Bestrafung blieb aus.

Zweimal Silber gab es beim Long Trail. Noch im Livestream diskutierten die Kommentatoren, ob eine geteilte Silber-Medaille für die beiden Franzosen, die Hand in Hand ins Ziel liefen, vorgesehen sei. Tatsächlich findet sich im Regelwerk folgender Satz: „Ein Gleichstand beim Zieleinlauf ist zulässig, wenn es eindeutig durch die Absicht der Athleten erwiesen ist.“ Schön für Louison Coffet und Benjamin Roubiol, die es sicher unschön gefunden hätten, wenn die Zeitmessmatte auf Hundertstelsekunden hätte achten müssen, um einmal Silber und einmal Bronze zu definieren. Wir finden: Wer so lange auf diesem unfassbar hohen Niveau läuft, muss am Ende keinen Sieger aussprinten, sondern darf auch gemeinsam feiern.

Geteiltes Silber: Benjamin Roubiol und Louison Coffet ©WMTRC Canfranc

Kimi Schreiber siegt in Nizza: FÜNF-SECHSUNDVIERZIGER-Pace

Kimi Schreiber siegt auf der 55 km-Strecke des Nice Côte d’Azur by UTMB. Bei ihrem bereits fünften Sieg im Jahr 2025 überzeugt die Münchnerin auch auf internationaler Bühne. Nach 5:16 Stunden überquert die Adidas Terrex-Athletin die Ziellinie an der Strandpromenade von Nizza. Das bedeutet eine 5:46er-Pace für die 55 km und 2.200 hm – eine Zeit, die sie auf den 11.Platz im Overall-Ranking katapultiert. Ebenfalls eine starke Leistung zeigt die Deutsche Vanessa Schätzle, die eine Viertelstunde nach Kimi Schreiber, auf Platz 2 einläuft.

Nicht uninteressant: Ein weiterer bekannter Deutscher Ausdauersportler ist in Nizza seinen allerersten Ultra-Trail gelaufen. Und zwar niemand geringere als Triatlon-Legende Jan Frodeno. Frodeno fasst seinen Lauf sachlich auf Instagram zusammen: „Well, it was a long time on my feet.“ Stimmt. Aber gar nicht so lange für einen Ultra-Debütanten. Als 15. Mann kommt der Ex-Iron Man-Weltmeister in einer Zeit von 5:27 Stunden ins Ziel. Sein Ziel, einen Qualifikationslauf für den OCC zu finishen, hat Jan Frodeno jedenfalls erreicht.

Foto: UTMB

Beliana Hilberts Sieg NUMMER ZWEI in Adamello

Beliana Hilbert (Team Schamel) hat sich nach einem wetterbedingten Rennabbruch beim Mayrhofen Ultraks vor drei Wochen und einer zähen Verletzungspause im Sommer mit einem Sieg beim Adamello Trail (85 km / 5000 hm) zurückgemeldet. In einer rein-italienischen Top-10 konnte Beliana Hilbert mit einem komfortablen Vorsprung von rund 20 Minuten in 10:54 Stunden gewinnen. Damit siegt sie zum zweiten Mal in Folge beim Adamello – ein Rennen, das ihr liegt. Das Rennen wurde wetterbedingt von 100 km auf 85 km verkürzt. Dieses Mal hatte die Team-Schamel-Läuferin Glück, denn das Rennen wurde nicht abgesagt oder abgebrochen und konnte auf einer angepassten Strecke durchgeführt werden.

Simon Krautloher aus Passau feiert beim superschweren Hundertmeiler über 170 Kilometer seinen ersten großen Ultratrail Sieg. Der ehemalige Kanut hatte dieses jahr schon mit einem vierten Platz beim UTLW und einem zweiten Platz beim Chiemgau Ultratrail auf sich aufmerksam gemacht.

Foto: privat

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