UTFS: Das perfekte Rennen

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Unser Autor läuft nach zweijähriger krankheitsbedingter Pause wieder einen Ultratrail und erreicht völlig überraschend das, was ihm bisher immer verwehrt geblieben ist: Ein perfektes Rennen.

Ich hatte schon viele gute Rennen. Wirklich gute Rennen. Aber perfekt? Nein, ein perfektes Rennen hatte ich eigentlich noch nie. Irgendwas fehlte immer: Ich vertrug die Höhe nicht. Meine Muskulatur versagte einige Kilometer vor der rettenden Ziellinie. Krämpfe, Salzmangel, Magen, Dehydration, falsches Pacing. Es ist unglaublich schwer, alle Falltüren eines Ultratrails zu überlaufen.

Nichts, aber auch wirklich gar nichts sprach dafür, dass es an diesem kalten Aprilsamstag beim Ultratrail Fränkische Schweiz (kurz: UTFS) anders hätte sein sollen. Schließlich bin ich seit fast zwei Jahren keinen Ultratrail mehr gelaufen. Schließlich hatte ich vor einem Jahr nicht mehr daran geglaubt, überhaupt noch mal am Start eines Ultratrails zu stehen (der Autor kämpft nach mehreren großen Thrombosen mit dem post-thrombotischen Syndrom). Schließlich hatte ich gerade ein Unternehmen gegründet, welches ziemlich viel meiner Zeit und Energie in Anspruch nahm.

Benni Bublak und Hemd-Läufer Adrian Niski im Downhill © Sportograf

Knapp über Null im Hawaii-Hemd

20. April, 5 Uhr morgens auf dem Parkplatz in Ebermannstadt. Ich schmeiße die Standheizung des Vans an. Es ist unfassbar kalt für April. Adrian (Niski) und ich haben dennoch gut geschlafen. Hastig verzehren wir die am Vortag gekauften Semmeln mit thüringischem Pflaumenmuss und huschen noch mal unter die warme Decke, bevor wir uns auf dem Weg zum Start dieses Wettkampfes begeben, der für uns beide ein Herzensrennen ist. Das Debüt des Ultratrail Fränkische Schweiz war eines meiner letzten Rennen kurz vor meiner erneuten Thrombose. Ich lief auf Rang zwei, nur wenige Sekunden hinter dem Sieger Alexander Westenberger. Ich war damals topfit, wahrscheinlich weit fitter als jetzt, aber ein perfektes Rennen war dies mitnichten. Schon ab der Hälfte des Rennens kämpfte ich mit muskulären Beschwerden. Auf eben jenen zweiten Platz lief auch Adrian im Jahr danach und musste sich damals nur Alex Dautel geschlagen geben, der das Rennen gewann, aber vor allem optisch, er lief in pinken Vaporflys und mit offenem Hawaii-Hemd, nachhaltige Akzente setzte. Es gab Zeiten, da liefen Adrian und ich für den gleichen Sponsor und im dementsprechend deckungsgleichem Dress. An diesem Tag hätte unsere Ausrüstungswahl nicht unterschiedlicher sein können. Adrian entscheidet sich in Dautel’scher Tradition für das bunte Hemd in Kombination mit einem Bum-Bag (so nennen die Briten die vor allem im Fell Running beliebten Bauchtaschen). Ich entscheide mich aus funktionalen und medizinischen Gründen für eine schwarze DLV-Leichtathletik-Tight und Kompressionsstrümpfe. 

Adrian Niski und Benni Bublak laufen zu beginn zusammen © Gerhard Illig

Auf Verfolgung

Der Start. Nach einem kurzen Schauer ist es glücklicherweise kurz trocken. Die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt. Zum Laufen für mich eigentlich perfekt. Ich erinnere mich an viele gute Rennen bei nass-feuchten und kalten Bedingungen. Über den aufgeweichten Boden mache ich mir keine Sorgen. Meine Schuhwahl ist dementsprechend auf Dämpfungsperformance und nicht auf Grip ausgelegt. Plums liege ich in der ersten Kurve, wir sind noch nicht mal einen Kilometer gelaufen, auf dem Boden. Bis auf eine Schürfwunde am Oberschenkel bleibt aber alles heil. Unsere Führungsgruppe auf den ersten flachen Kilometern ist erstaunlich groß. Als es in den Anstieg und auf die Singletrails geht, merke ich, dass ich heut gute Beine habe. Ich blicke auf die Uhr und erschrecke, als ich den hohen Pulswert sehe, den mir mein Handgelenksbegleiter anzeigt. Dieser deckt sich null mit meiner gefühlten Anstrengung. Ein gutes Zeichen. Dennoch entscheide ich mich dafür lieber ein wenig auf der Bremse zu bleiben. Das Rennen ist schließlich noch lang. Außerdem spüre ich mein rechtes, Venen-kaputtes, Bein etwas. Doch darüber mache ich mir keine Sorgen, da ich inzwischen weiß, dass diese Beschwerden spätestens nach zwei Stunden laufen, passe` sein werden. Ich bin der einzige der führenden Läufer, der Stöcke dabei hat. Eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte. Der amtierende deutsche Meister im Ultratrail Daniel Greiner sowie Alles-Laufbar-Trainingsexperte Markus Brennauer machen gut Tempo und laufen voraus. Letzterer kann sich irgendwann absetzen und entschwindet unserem Sichtfeld. Adrian und ich laufen zusammen. Das ständige Auf und Ab der mal steilen und mal laufbaren, aber stets schnörkeligen Singletrails der Fränkischen Schweiz macht Laune. Es ist eine echte Bromanze. Vergangene Nacht teilten Adrian und ich uns die Ein-Meter-Zwanzig auf der Rückbank im Van, nun die Tempoarbeit. In meinem Kopf tauchen schon die ersten Bilder eines gemeinsamen Finishs auf, da ist Adrian plötzlich weg. Just in dem Moment, als wir auf einer Lichtung den Führenden wenige hundert Meter vor uns zu Gesicht bekommen, lässt der Hemd-Läufer ohne Vorankündigung abreißen. Ich mache noch einen kurzen Boxenstopp, um ihm die Chance zugeben, wieder aufzuschließen. Aber Adrian bleibt verschwunden (später berichtet er mir, dass sein Hüftbeuger zugemacht hat). 

Die Schönheit der UTFS-Trails © Gerhard Illig

Wiesent-Wasser und Stock-Solo

Ich laufe also allein weiter, Markus Brennauer auf den Fersen. Irgendwie bin ich schon zu diesem Zeitpunkt ziemlich überzeugt davon, dass dies heute mein Rennen ist. Dass mir das hier keiner nehmen kann, wenn ich keine Fehler mache. Also achte ich darauf mich gut zu ernähren und nippe regelmäßig an meiner mit dickflüssigem Kohlenhydratgel gefüllten Soft-Flask. Ich hatte mir vorgenommen, an die 100 g Kohlenhydrate pro Stunde aufzunehmen. Die Exekution dieses Vorhabens erfolgt dann aber nach Gefühl. Mein Magen ist nach jedem erneuten Gel-Schluck dezent am Limit. Ich kippe Wasser nach und warte, bis der leichte Druck im Magenbereich verschwunden ist und es sich so gut anfühlt, dass ich die nächste Portion nachschieben kann. Das funktioniert super. An der Burg Rabeneck bei Kilometer 38 wartet die nächste Verpflegungsstation. Ich brauche dringend Wasser. Leider läuft man nicht direkt an der VP vorbei, sondern muss einen kurzen „out and back“- Weg in Kauf nehmen. Ein junges Mädchen steht dort und fragt mich, ob ich Verpflegung bräuchte, dann müsste ich links hinein, wenn nicht, könne ich rechts weiterlaufen. Ich überlege eine Sekunde und entscheide mich für das Risiko und die Zeitersparnis.

" Sch*** drauf“, denke ich und fülle meine Soft-Flask bis zum Rand mit gutem Wisent-Wasser "

Meine Hoffnung, dass irgendwo demnächst eine Quelle auftaucht, erfüllt sich leider nicht. Ein Downhill spuckt mich im Tal wieder aus. Unten auf der Straße sehe ich erstmalig wieder Markus wenige Meter vor mir laufen. Neben ihm die Wiesent. Der Fluss, welcher die Idylle der Fränkischen Schweiz maßgeblich mitprägt, ist durch die starken Regenfälle der letzten Tage gut gefüllt und leicht bräunlich gefärbt. „Sch*** drauf“, denke ich und fülle meine Soft-Flask bis zum Rand mit gutem Wiesent-Wasser. Wieder mit Flüssigkeit versorgt, dauert es nicht lange, bis ich zum Führenden aufschließe. Markus und ich laufen einige Kilometer gemeinsam. Im Flachen bin ich froh, wenn ich dran bleibe. Im Anstieg habe ich heute einen Gang mehr als mein Konkurrent, so kommt es mir vor. Auch dank meiner Stöcke, die nun mit müder werdenden Beinen und an Steilheit zunehmenden Anstiegen immer wertvoller werden. Nach einer kleinen Tempoverschärfung im Anstieg bin ich allein in Führung. In einer Kehre sehe ich, dass mein Vorsprung komfortabel ist. Da sich leichte Ansätze von Krämpfen in meiner hinteren Beinmuskulatur bemerkbar machen, muss ich das Tempo etwas reduzieren. Energie-mäßig fühle ich mich aber weiterhin erstaunlich gut.

Nach einem perfekten Rennen im Ziel: UTFS Sieger Benni Bublak © Gerhard illig

Das perfekte Rennen?

 Viel mehr sollte an diesem Tag nicht passieren. Für einen spannenden Rennbericht mit emotionalen Höhen und Tiefen ist so ein perfektes Rennen vielleicht nicht die beste Grundlage. Aber für mich ist es genau das: Das perfekte Rennen. Der perfekte Sieg. Damit meine ich natürlich die Art und Weise, wie das Rennen gelaufen ist, wie mein Rennplan voll aufgegangen ist. Wie kommt so ein perfektes Rennen zustande? Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Im Gegensatz zu manch anderem Rennen in der Vergangenheit waren meine Erwartungen und Ambitionen sehr beschränkt. Ich wäre wohl auch mit einem soliden Top Ten Finish sehr glücklich gewesen. Vielleicht ist das ein Teil der Wahrheit, vor allem in so einem vielschichtigen Sport wie dem Ultratrailrunning: Perfektion lässt sich nicht planen. Aber wenn man kontinuierlich darauf hinarbeitet und daran glaubt, wird sie irgendwann eintreten. Früher oder später.

Viel mehr aber als ein perfektes Rennen ist dieses Comeback beim Ultratrail Fränkische Schweiz für mich das perfekte Happy End einer zweijährigen Krankheitsodyssee. Ein Ende, an das ich zwischenzeitlich nicht mehr zu glauben wagte. Auch während des Zieleinlaufs sind diese Gedanken in meinem Kopf präsent, wollen sich aber noch nicht in meiner Gemütslage manifestieren. Wie fast immer unmittelbar nach Zieleinläufen muss ich mich erst mal etwas fangen. Der Kontrast, eben noch völlig allein mit mir und meinem Körper auf dem Trail und nun die vielen Menschen, die mich beglückwünschen und mir gut zusprechen, überfordert mich. Erst am nächsten Tag, als ich einen kleinen Beitrag für Social Media verfasse, kullert eine kleine Freudenträne.

Sieger UTFS Ultratrail (66km, 2760hm)
PlatzNameZeit
1Benni Bublak05:52:13
2Florian Felch06:01:06
3Markus Brennauer06:01:49
4Timon Günther06:07:24
5Martin Grill06:12:27
Siegerinnen UTFS Ultratrail (66km, 2760hm)
PlatzNameZeit
1Lisa Wimmer06:27:17
2Beliana Hilbert06:44:45
3Anke Friedl07:15:43
4Marie Kreft07:25:01
5Sonja Brunsmeier07:28:50

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