The State of Trailrunning: Kilian Jornet analysiert den Sport in 10 Punkten

Kilian Jornet hat einen langen Text geschrieben, in dem er den Status des Sportes Trailrunning im Jahr 2026 analysiert. Es ist eher eine strukturelle Analyse als ein emotionales Pamphlet. Wir haben die 10 Punkte Kilians zusammengefasst.

Es handelt sich um einen rund 40.000 Zeichen umfassenden Text, den Kilian Jornet am 20. Januar auf seiner Homepage veröffentlicht hat. Sein ambitioniertes Ziel: nicht weniger als den aktuellen Zustand des schnell wachsenden und sich rasant verändernden Sports Trailrunning zu analysieren. Seine Ausführungen sind größtenteils geprägt von analytischer Präzision und einer nüchternen, weitgehend wertungsfreien Beschreibung. Nur vereinzelt lässt er erkennen, welche Entwicklungen er begrüßt und welche er kritisch sieht – etwa wenn er das WM-Rennen in Canfranc als nicht technisch einstuft oder seine Sorge vor dem Ausschluss sozioökonomisch weniger privilegierter Bevölkerungsgruppen formuliert.

Wir haben alle zehn Punkte für euch zusammengefasst:

  • Der olympische Traum

    Ein olympischer Status würde Trailrunning weder automatisch populärer machen noch die Teilnehmerzahlen steigern. Erfahrungen aus anderen Sportarten wie Skibergsteigen zeigen, dass Olympia zwar Sichtbarkeit und Förderung für Top-Athleten bringt, aber oft zu einer Entfremdung der Breite vom Leistungssport führt. Für Trailrunning würde Olympia sehr wahrscheinlich nur eine einzige, stark standardisierte Disziplin bedeuten, die aus TV- und Zuschauergründen auf kurze Rundenformate setzt. Dadurch droht ein Verlust an Vielfalt, technischer Tiefe und Identität. Der Sport ist jedoch stabil genug, um olympische und nicht-olympische Formate parallel existieren zu lassen.

  • Elite-Finanzen: Preisgeld vs. Sponsoring

    Im Vergleich zu vielen olympischen Sportarten ist Trailrunning finanziell überraschend gesund, da eine relevante Anzahl von Athleten davon leben kann. Die Haupteinnahmequelle sind dabei nicht Preisgelder, sondern Sponsorenverträge, da Trailrunning ein Teilnehmer-Sport und kein Zuschauer-Sport ist, in dem die Zielgruppe selbst aktiv ist. Viele der wichtigsten Rennen werden nicht gewinnorientiert organisiert, was hohe und skalierbare Preisgelder begrenzt. Historisch zeigt sich, dass selbst hohe Preisgelder nicht zwingend die besten Athleten anziehen. Entscheidend bleibt der Ruf der Rennen und ihre Bedeutung für Sponsoren und Community.

  • Das Verschwinden technischer Rennen

    Extrem technische Trailrennen verschwinden zunehmend, nicht wegen fehlender Genehmigungen, sondern wegen Sicherheits-, Haftungs- und Versicherungsrisiken. Mit der starken Öffnung des Sports für neue Zielgruppen fehlt vielen Teilnehmenden heute die alpine Erfahrung früherer Generationen. Gleichzeitig gibt es keine verlässlichen Systeme, um technische Fähigkeiten objektiv zu bewerten. Aktuelle Leistungsindizes von ITRA oder UTMB berücksichtigen Distanz und Höhenmeter, vernachlässigen jedoch den technischen Anspruch vollständig. Ohne ein drittes Bewertungskriterium droht Trailrunning langfristig zu einer Art Crosslauf mit Höhenmetern zu werden.

  • Antidoping-Herausforderung

    Mit steigenden Preisgeldern und Professionalisierung nimmt auch Doping im Trailrunning zu. Zwar gibt es Wettkampfkontrollen bei großen Rennen, doch ein einheitliches Off-Competition-Testsystem fehlt bislang. Die fragmentierte Struktur des Sports mit verschiedenen Verbänden und privaten Serien erschwert eine zentrale Lösung. Im Vergleich zu anderen Ausdauersportarten fehlen biologische Pässe und regelmäßige Bluttests. Positiv ist, dass sich die wichtigsten Akteure inzwischen annähern und eine Einführung solcher Systeme absehbar ist.

  • Die „Triathlonisierung“ des Trailrunnings

    Trailrunning entwickelt sich zunehmend zu einem kostenintensiven Sport für wohlhabendere, ältere Teilnehmer. Hohe Startgelder, Pflichtausrüstung und Reisekosten verdrängen kleine, lokale Rennen und erschweren jungen oder weniger privilegierten Läufern den Einstieg. Gleichzeitig wächst die internationale Vielfalt im Elitefeld, während die Breite sozial homogener bleibt. Ein klarer Erfolg ist die massive Steigerung der Frauenbeteiligung, auch wenn diese mit zunehmender Distanz wieder stark abnimmt. Die zentrale Herausforderung liegt darin, Wachstum und Professionalität mit Zugänglichkeit und Inklusion zu verbinden.

Kilian Jornet beim Western States 2025 © Coros

  • Rückkehr zu lokalen Communities

    In einer Welt der Informationsüberflutung und unechter KI-generierter Inhalte verlieren globale Narrative an Bedeutung, während lokale Erlebnisse wieder an Wert gewinnen. Läufer identifizieren sich stärker mit dem, was sie selbst erleben und in ihrer Umgebung verstehen können. Lokale Rennen, FKTs und Community-Formate schaffen Sinn, Identität und Engagement jenseits globaler Rankings. Diese lokalen Strukturen fördern auch ehrenamtliches Engagement und nachhaltige lokale Trailkultur.

  • Teamstrukturen und Rennlandschaft

    Kilian beobachtet im Rahmen der zunehmenden Professionalisiierung des Sports eine Entwicklung die den klassischen Leistungsdruck auf die Athleten und Athletinnen erhöht. Vertragslaufzeiten werden kürzer, Karrieren volatiler und der Einfluss der Sponsoren auf Rennkalender größer. Athleten verlieren damit einen Teil ihrer Freiheit bei der Projekt- und Rennwahl. Abenteuer und kreative Formate treten im Profibereich zunehmend in den Hintergrund.

  • Der Athlet als Medienhaus

    Athleten entwickeln sich immer stärker zu eigenständigen Medienplattformen. Lange Formate wie Blogs, Podcasts und YouTube erleben eine Renaissance, da sie tiefere Einblicke und authentische Geschichten ermöglichen. Die Content-Produktion verlagert sich von Marken zu den Athleten selbst. Sponsoren treten zunehmend als Partner einzelner Formate auf, nicht nur als Logo-Geber. Diese Entwicklung verändert grundlegend die Beziehung zwischen Athlet, Marke und Publikum.

  • Trailrunning blickt nach China

    Während die USA kulturell und medial prägend bleiben und Europa strukturell führend ist, entwickelt sich China zum wirtschaftlichen Zentrum des Trailrunnings. Große Teilnehmerzahlen, wachsende Märkte und hohe Preisgelder ziehen Veranstalter, Serien und Sponsoren an. Internationale Rennserien investieren gezielt in asiatische Standorte. Chinesische Athleten werden sowohl im Elite- als auch im Amateurbereich sichtbarer. Regionen wie Afrika und Südamerika bleiben trotz großen Potenzials strukturell benachteiligt.

  • Trainingstrends

    Der Sport ist geprägt von immer neuen Trainings- und Technologiehypes, die schnelle Leistungssteigerung versprechen. Viele dieser Trends sind jedoch schwer verständlich, individuell kaum nutzbar oder wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Die Faszination für „Quick Fixes“ verdeckt oft die Grundlagen der Leistungsentwicklung. Tatsächlich entsteht der Großteil der Leistungsfähigkeit durch einfache, individuelle und kontinuierliche Trainingsarbeit. Kilian plädiert für eine Rückbesinnung auf Basics, Regeneration, mentale Gesundheit und nachhaltige Trainingskulturen.

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