Die gegen das Cutoff kämpft: Trailrunning am (Zeit-)Limit

In dieser Porträtreihe stellen wir drei Trailrunner vor, die im April als Team „Alles Laufbar“ beim Ultratrail Fränkische Schweiz (UTFS) starten werden. Aus über 300 Bewerbungen haben wir drei ausgewählt und sie gebeten, uns ihre Geschichte zu erzählen. Pia ist keine schnelle Läuferin, war sie noch nie. Für gewöhnlich kämpft sie gegen das Cutoff. Ihrer Leidenschaft fürs Trailrunning tut das keinen Abbruch – im Gegenteil.

„Wartet nicht auf mich, lauft ruhig vor“, ruft Pia den anderen aus der Gruppe zu. Ich drehe mich zu Pia um. Mit konzentrierten, ruhigen Schritten arbeitet sich die 33-jährige Fränkin den Anstieg hinauf. Ein paar winzige Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn, die Wangen sind leicht gerötet, in ihren Augen ein Funkeln. „Ich war noch nie die Schnellste“, erzählt Pia, mittlerweile hörbar aus der Puste, „aber daran bin ich gewöhnt.“

Pia ist nicht zum ersten Mal auf den Trails des UTFS unterwegs. Vor drei Jahren ist sie bereits die 33 km der Speedtrail-Strecke gelaufen. Etwas über sieben Stunden hat die damals frischgebackene Mutter für die Distanz gebraucht – und ist damit tatsächlich als Allerletzte ins Ziel gekommen. Oder wie es auch heißt: als „DFL“ (Dead Fucking Last). „Das war mein erstes Rennen nach der Geburt“, erinnert sie sich, das R typisch fränkisch gerollt. „Ich war auf einmal zehn Kilo schwerer. Die Kilos trage ich noch heute mit mir rum.“ Was wie ein Versuch einer Erklärung oder gar Rechtfertigung klingt, ist nicht so gemeint. Pia ist niemand, der sich beschwert oder die Schuld woanders sucht. Die selbstbewusste Trailrunnerin weiß ganz genau, wer sie ist und was sie kann – auf und neben den Trails.

Team Alles Laufbar-Mitglied Pia © Gerhard Illig

„Wie oft habe ich den Satz schon gehört: ‚Du schaust gar nicht so aus, als würdest du so viel laufen?‘“ Diese Erfahrungen teilt sie als „trail.gril.pia“ auf Instagram. Ohne Scham schreibt sie dort, dass ihre Wohlfühlpace aktuell bei 8:45 min/km liegt, sie mit ihrem Gewicht hadert, aber dennoch eine riesige Freude am Laufen hat. Augenzwinkernd fügt sie hinzu: „Unterschätze niemals eine Frau, die ein paar Kilos mehr hat beim Ultralaufen.“

Die mittelgroß gewachsene Läuferin, die ihre langen braunen Haare zum Pferdeschwanz gebunden hat, ist für unsere 10‑km‑Runde voll ausgestattet und hat genug Essen und Trinken dabei, falls es länger dauern sollte als gedacht. Vorbereitung ist alles. Eine Lektion, die Pia auf die harte Tour lernen musste. Nicht selten kam es vor, dass sie während eines Rennens vor einer halb leeren Verpflegungsstelle stand und improvisieren musste. Kein Einzelfall für Trailrunner, die das Zeitlimit eines Wettkampfs voll ausschöpfen. „Dabei sind es ja wir, die besonders darauf angewiesen sind“, gibt sie zu bedenken. Immerhin seien sie ja oft doppelt so lange unterwegs wie die Topläufer ganz vorne. Hier beim UTFS, das ist ihr wichtig zu sagen, sei das aber nicht der Fall gewesen. Das ist einer der vielen Gründe, warum sie nun, drei Jahre später, endlich auch die Ultradistanz laufen möchte.

Pia auf den Trails des Ultratrail Fränkische Schweiz © Gerhard Illig

Ob sie es schaffen wird? Wenn ich eines aus meiner Begegnung mit Pia gelernt habe, dann die Erkenntnis, dass sie über eine enorme mentale Stärke zu verfügen scheint und dadurch in der Lage ist, die ein oder andere Formschwäche in Ausdauerfragen zu kompensieren. Anders gesagt: Pia ist immer für eine Überraschung gut. Zum Beispiel, wenn sie ganz beiläufig erzählt, dass sie in ihren Zwanzigern „auch mal“ Einrad gefahren ist. Wie sich erst durch hartnäckiges Nachfragen herausstellt, tat sie das auf hohem Niveau. Sie nahm an Europa- und Weltmeisterschaften teil, große Medien wie die F.A.Z. interviewten sie.

Mit ihren Erfolgen zu prahlen, ist der Ex‑Einradlerin fremd. Vielmehr strahlt sie ein sympathisches Understatement aus, um dann, wenn es darauf ankommt, alle mit einem starken Willen zu überraschen.

© Gerhard Illig

So auch beim Transalpine Run 2019. Den läuft sie nur ein Jahr, nachdem sie durch einen neu gegründeten Lauftreff im Dorf mit dem Laufen begonnen hatte. Am Anfang habe sie mit Ach und Krach die wöchentliche Runde mit der Laufgruppe geschafft. „Danach war ich immer komplett Game Over“, lacht sie. Doch durch ihre Teilnahme an einem Laufcamp und die dortige Filmvorführung eines Transalpine Run‑Films entstand die Idee, die anspruchsvolle Alpenquerung zu wagen. 2018 noch auf der zweitägigen RUN2. Pia und Bernd schaffen es kurz vor dem Zeitlimit als Letzte ins Ziel. Ein Jahr später starteten beide dann über die volle Distanz.

" Wie oft habe ich den Satz schon gehört: ‚Du schaust gar nicht so aus, als würdest du so viel laufen?‘ "

Pia

Ich frage Pias Ehemann und TAR‑Laufpartner Bernd, zu dem wir langsam aufschließen, wie es damals lief. Bernd erinnert sich gerne an die acht aufregenden Tage: „Wir haben beim TAR jeden Tag bei jeder Verpflegungsstelle um das Cutoff gekämpft. Es war Nervenkitzel pur. Wie sie da jeden Tag am Leistungslimit gelaufen ist, hat mich echt beeindruckt. Ich bewundere sie total dafür, dass sie nie aufgibt und immer ihr Bestes gibt.“ Ihr Teamname: „Bis einer weint“. Geweint wurde dann tatsächlich – aber nicht aus Trauer, sondern aus Freude, weil sie es nach all den Strapazen gemeinsam ins Ziel geschafft hatten. Übrigens nicht als Letzte. Nach 64 Stunden Laufzeit in einer Woche erreichen Pia und Bernd, glücklich und völlig erschöpft, zusammen das Ziel – als Vorletzte.

Nein, die schnellste war Pia noch nie, aber beim Thema Durchhaltewillen können selbst Eliteläufer noch was von ihr lernen.

Lennard, Simon und Pia – die drei Team-Mitglieder des Alles Laufbar Teams zusammen mit den Redakteuren Benni und Christian © Gerhard Illig

Lest in der kommenden Woche die spannende Geschichte von Lennard. Er ist Anfang 20 und fegt wie ein Wirbelwind über die Trails. Letztes Jahr lief er beim UTFS als Zweiter aufs Podium. Wird es dieses Mal für noch mehr reichen?

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