VO₂max-Einheiten sind fester Bestandteil fast jedes Lauftrainingsplans. Selbst viele Ultratrailläufer schieben einmal im Jahr – meist im Winter – einen spezifischen VO₂max-Block ein. Das gängige Paradigma lautet: Erst muss das „Dach“ angehoben werden, damit das „Haus“ höher werden kann – sprich: die VO₂max steigern, um die Schwellenleistung zu erhöhen. Klingt einleuchtend.
Scott Johnston sieht das anders. In seinem Podcast Evoke erklärt er anhand von vier Punkten, warum er auf VO₂max-Training verzichtet.
1. Die Korrelation zwischen VO₂max und Ausdauerleistung ist gering
„Jemand mit einer VO₂max von 70 wird immer jemanden mit einer VO₂max von 40 schlagen“, stellt Scott klar. Das sind zwei verschiedene Welten. Doch Studien zeigen: Selbst in heterogenen Gruppen (mit großer VO₂max-Streuung) liegt die Korrelation zwischen Rennresultaten und VO₂max nur bei etwa 65 %. Die Korrelation zwischen Rennresultaten und Schwellenleistung hingegen liegt bei 80–90 %. In homogenen Gruppen – also bei ähnlicher VO₂max – sinkt die Korrelation sogar auf rund 50 %, während sie bei der Schwellenleistung bei 95 % liegt.
Johnston verweist zudem auf Athleten, deren Ausdauerleistung sich deutlich verbesserte, obwohl ihre VO₂max gleich blieb oder sogar sank – etwa Paula Radcliffe, die 16 Jahre den Marathon-Weltrekord hielt, oder Lance Armstrong, dessen VO₂max während seiner sieben Tour-de-France-Siege abnahm.
2. Die VO₂max ist nur begrenzt trainierbar
Johnston räumt ein, dass untrainierte Sportler stark von VO₂max-Training profitieren. Studien zeigen Steigerungen um bis zu 15 % in den ersten 24 Trainingswochen. Danach stagniert der Wert aber, obwohl die Leistung weiter zunimmt.
Der Grund: Die VO₂max ist genetisch stark limitiert. Ursächlich hierfür ist, laut Johnston, vorrangig der Herzbeutel, welcher wie ein unelastischer Sack das Herz umschließt und eine weitere Schlagvolumenzunahme (Steigerung des Herzzeitvolumens) verhindert.
Bei austrainierten Athleten lässt sich die VO₂max kaum mehr steigern. Leistungszuwächse durch VO₂max-Training entstehen daher laut Johnston vor allem durch eine verbesserte muskuläre Ausdauer, nicht durch eine tatsächliche Erhöhung der maximalen Sauerstoffaufnahme.
3. VO₂max-Training erzeugt enormen globalen Stress
VO₂max-Einheiten sind brutal anstrengend. „Was dich nicht umbringt, macht dich stark“ – ein Sprichwort, das Scott Johnston wohl nicht unterschreiben würde. Er erkennt zwar die kurzfristigen Leistungsreize, warnt aber vor den hohen Kosten:
„Der globale Stress solcher Einheiten ist unfassbar hoch.“
Kurzum: VO₂max-Training macht extrem müde. Dadurch ergeben sich zwei Probleme: Die Erholungszeit verlängert sich dramatisch und das Intensitätsvolumen das innerhalb einer Einheit möglich ist, sinkt ebenfalls.
4. Trailrunning findet in deutlich niedrigeren Intensitäten statt
Selbst die kürzesten Trailrennen dauern meist um die zwei Stunden – die meisten deutlich länger. Die Wettkampfintensität bewegt sich daher zwischen erster und zweiter Schwelle, also bei 60–80 % der VO₂max. Bei dieser Intensität hat das Herz weit mehr Kapazitäten Sauerstoff zu transportieren, als die Muskeln überhaupt brauchen.
Warum also auf ein Training setzen, das primär das Herzzeitvolumen verbessern soll? Johnston meint: „Training, welches zu 100% unterhalb der anaeroben Schwelle stattfindet, kann das Gesamttrainingsvolumen um ein vielfaches erhöhen, weil es den Stress um ein vielfaches reduziert.“