So komplex dieses neuronale Zusammenspiel auch ist – wir sind ihm nicht hilflos ausgeliefert. Wer versteht, wie das System funktioniert, kann es auch ein wenig in die gewünschte Richtung lenken.
Die wahrgenommenen „Kosten“ senken
Eines der wirksamsten Mittel ist ganz einfach: Man kann bei der ständigen Kosten-Nutzen-Kalkulation die Einstiegshürde verkleinern. Der kürzlich verstorbene Lauftrainer Jeff Galloway empfahl, sich innerlich nur auf die ersten 100 Schritte festzulegen, nicht auf den ganzen Lauf.
Eine Läuferin, die aus dieser Haltung fast schon ein Lebensprinzip macht, ist Courtney Dauwalter. Laut ihrer eigenen Aussagen plant sie kaum einen Trainingslauf fest im Voraus. „Ich verlasse einfach meine Haustür und schaue, wohin mich meine Beine an dem Tag tragen.“ Was nach Kokettieren mit unstrukturiertem Training wirkt, ist neurobiologisch eigentlich sehr vernünftig: Wer keinen ambitionierten Plan formuliert, gibt dem Gehirn auch wenig Anlass, den Aufwand hochzurechnen. Die Amygdala bleibt ruhig, der Nucleus accumbens bekommt eine überschaubare Aufgabe präsentiert, und das Dopaminsystem wird fast zwangsläufig positiv überrascht. Das Gehirn lernt: Es war besser als erwartet. Und macht beim nächsten Mal bereitwilliger mit.
Gewohnheiten als Verbündete nutzen
Wer die Laufklamotten schon am Abend oder am Morgen vor der Arbeit bereitlegt, senkt nicht nur die praktischen Kosten des Laufens. Er setzt auch einen Auslösereiz – einen sogenannten Trigger oder Cue -, der im Striatum die passende Gewohnheitsschleife anstößt, noch bevor der präfrontale Cortex überhaupt bewusst eingreift. Der Anblick der bereitgelegten Sachen am Morgen ist kein neutrales Signal. Er aktiviert ein Muster, das das Gehirn bereits kennt: Klamotten liegen da, Laufen folgt zwangsläufig. Die Abwägung hat sich also schon erledigt, bevor sie begonnen hat.
Wie lange der Prozess dauert, bis sich Gewohnheiten bilden, lässt sich nicht pauschal sagen. Eine Studie von Phillippa Lally und Kollegen am University College London untersuchte genau das: Teilnehmer wiederholten ein selbstgewähltes Verhalten täglich im selben Kontext. Die Zeit bis zur echten Automatisierung schwankte zwischen 18 und 254 Tagen. Für Bewegungsgewohnheiten – also auch Laufen – brauchte es im Schnitt etwas länger als für einfachere Verhaltensweisen wie Essen oder Trinken. Eine weitere gute Nachricht aus dieser Studie: Ein einzelner ausgelassener Tag hat kaum Einfluss auf den Prozess.
Was passiert, wenn man erst mal läuft
Wer erst einmal läuft, bekommt Unterstützung von einer anderen Seite. Das Dopaminsystem beginnt, die Erfahrung zu bewerten, und zwar nach dem zuvor beschriebenen „Prediction-Error“-Mechanismus. Fühlt sich der Lauf besser an als erwartet – und das tut er erstaunlich oft –, registriert das Gehirn diese positive Abweichung. Es speichert nicht nur die Erinnerung, sondern justiert auch die nächste Prognose nach oben. Die positive Überraschung löst einen Dopaminausstoß aus, und dieser Dopaminausstoß hilft uns zu lernen. Mit anderen Worten: Jeder Lauf, der besser war als befürchtet, macht den nächsten Go-Impuls ein kleines Stück wahrscheinlicher. Das System lernt, und es arbeitet mit der Zeit zunehmend für uns.