Von Ebermannstadt nach Innsbruck – was eine Woche Trailrunning über den Sport erzählt

Unser Autor Robert Wortmann war innerhalb von sieben Tagen sowohl beim UTFS als auch beim IATF unterwegs – als Läufer und als Supporter. Die kontrastreichen Erfahrungen dieser beiden Events führten ihn zu einer nachdenklichen Analyse eines Sports im Wandel. Zwischen Stau und Streckenkapazitäten, zwischen Content und Carbon, zwischen Wachstum und Verlust.

Manchmal reicht eine einzige Woche, um sich zu fragen, wohin ein Sport eigentlich gerade läuft, oder genauer gesagt: wohin er steuert.

Vor einer Woche war ich selbst beim Ultra Trail Fränkische Schweiz in Ebermannstadt unterwegs. Eine Woche später war ich in Innsbruck beim IATF, diesmal nicht als Läufer, sondern als Support, da meine Frau dort gelaufen ist. Bevor ich irgendetwas Kritisches über Innsbruck schreibe, muss genau das vorne stehen: Bei allem, was mich dort irritiert, beschäftigt oder auch genervt hat, überwiegt am Ende mein Stolz auf ihre Leistung. Sie hat ein starkes Rennen gemacht. Während ich in der Regel über jede Blase an meinen butterweichen Füßen heule, reißt sie als dreifache Mutter diese Dinge ab.

Crew zu sein bedeutet für mich, den ganzen Tag zwischen Nervosität, Rucksacklogistik, Wetter-App, Streckenprofil und der Frage zu pendeln, ob man gerade genug hilft oder schon nervt. Spoiler: Man nervt wahrscheinlich immer ein bisschen, aber aus Liebe.

Ein unfairer Vergleich

Gerade deshalb war Innsbruck für mich interessant, weil ich nicht selbst am Rennen teilnahm, sondern von außen dabei sein konnte. So hatte ich Zeit, zu schauen, zu beobachten und zu vergleichen. Vielleicht war genau das auch das Problem, denn wer selbst läuft, verzeiht einem Rennen oft viel, weil man ohnehin damit beschäftigt ist, die eigene Existenz auf einen halbwegs stabilen Pulsbereich zu reduzieren. Als Crew sieht man hingegen mehr, manchmal vielleicht zu viel.

Und der Kontrast war heftig.

Den Ultra Trail Fränkische Schweiz und das Innsbruck Alpine Trailrun Festival direkt miteinander zu vergleichen, ist natürlich unfair, da es sich um zwei völlig unterschiedliche Veranstaltungen handelt: andere Größenordnung, andere Region, andere Zielsetzung, andere wirtschaftliche Logik. Ebermannstadt ist nicht Innsbruck, die Fränkische Schweiz ist nicht Tirol und der Marktplatz ist nicht die große Festivalfläche. Insofern ist das natürlich ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen, wobei Äpfel und Birnen immerhin beide Obst sind. Hier vergleicht man eher Streuobstwiese mit einer internationalen Smoothie-Marke.

Aber manchmal ist genau so ein schiefer Vergleich hilfreich, weil er etwas sichtbar macht.

Beim UTFS hatte ich eine Woche vorher dieses Gefühl, das sich nur schwer künstlich erzeugen lässt. Das Veranstalterteam hat dort etwas aufgebaut, das familiär wirkt, ohne klein zu sein. Das Rennen ist gewachsen, zieht längst Menschen von außerhalb an und verfügt über Sponsoren, Organisation, Professionalität und Reichweite. Es ist also nicht das romantische „fünf Leute laufen durch den Wald und am Ende gibt es Apfelschorle aus einem alten Kanister“-Ding. Und trotzdem hatte ich in Ebermannstadt sehr stark das Gefühl, dass dieses Rennen aus der Region, aus der Community und aus einer Idee heraus entstanden ist und nicht aus einer Aktivierungsstrategie.

Trailrunnerdichte in Ebermannstadt © Gerhard Illig

Ich habe nichts gegen Kommerz

Das heißt nicht, dass dort alles perfekt ist, denn kein Rennen ist perfekt. Mir geht es auch nicht darum, den UTFS als moralisch reine Gegenwelt zum bösen Kommerz zu verklären. Dafür bin ich selbst viel zu sehr in diesen Sport involviert, kaufe Schuhe, Westen, Gels, Stöcke und andere Dinge, die ich mir anschließend schönrede, nur weil auf der Produktseite „Race Ready“ steht. Ich folge Marken, lasse mich von schönen Bergbildern beeinflussen und bin Teil dieses Systems. Ich stehe nicht draußen am Zaun und rufe „Kommerz raus!“, während ich in einem Baumwollshirt aus dem Jahr 1998 barfuß über Kalkstein laufe.

Ich habe nichts gegen Kommerz, wirklich nicht, und ich bin selbst Kapitalist genug, um zu verstehen, dass Rennen Geld brauchen, Marken verkaufen wollen und professionelle Strukturen nicht durch gute Wünsche bezahlt werden. Sponsoring ist nicht das Problem, Wachstum ist nicht automatisch das Problem, Sichtbarkeit auch nicht. Aber Innsbruck hat sich für mich an einigen Stellen nach zu viel angefühlt.

Nicht in einem einzelnen Moment, sondern in der Summe: Zu viele Menschen auf den Strecken, zu viel Gedränge, Verpflegungspunkte, die teilweise an Bilder vom UTMB erinnerten, aber ohne die gleiche spürbare Steuerung von Crews, Laufwegen, Zonen oder Abläufen. Die vielen Helferinnen und Helfer waren ausgesprochen freundlich, motiviert und engagiert. Das muss man ausdrücklich sagen, weil sich Kritik an so einem Event schnell so anhört, als würde man die Leute meinen, die dort stundenlang stehen und helfen. Genau die meine ich nicht, im Gegenteil, denn ohne diese Menschen würde das alles sofort zusammenfallen.

Downhill-Stau

Mein Problem lag eher in der Planung und in der Eventlogik. Am Abend vor dem Rennen bin ich den ersten Anstieg hochgelaufen – nicht als Streckenexperte, denn ich bin alles andere als einer, sondern eher als jemand, der manchmal denkt, er habe das Gelände verstanden, bis das Gelände ihm sehr sachlich erklärt, dass es anderer Meinung ist. Aber selbst ich stand da und dachte, dass das niemals ohne Stau funktionieren würde, weil es zu viele Menschen waren, die zu früh an einem zu engen Ort waren und sich nicht ausreichend verteilen konnten; und genau so kam es dann auch. Einen Stau am Anfang kann man noch unter „nervig, aber erwartbar“ verbuchen, gerade bei großen Rennen. Wenn es aber später sogar im letzten Downhill staut, wird es schwierig. Ein Downhill ist schließlich kein dekoratives Element zwischen zwei Verpflegungspunkten, sondern Teil des Rennens, Teil der sportlichen Erfahrung und Teil der Herausforderung. Wenn man dort steht oder ausgebremst wird, ist das nicht nur ärgerlich, sondern verändert das gesamte Rennen.

Und ja, natürlich wird es bei sehr großen Events immer Engstellen geben, denn Trailrunning findet nun mal nicht auf sechsspurigen Bundesstraßen statt, zum Glück. Aber genau deshalb muss man sich fragen, wie viele Menschen eine Strecke und die Natur vertragen, nicht theoretisch und nicht in einer Excel-Tabelle, sondern praktisch: auf diesem Trail, an diesem Anstieg, in diesem Downhill, mit diesen Startwellen und bei diesem Leistungsgefälle.

Carbon-Treter beim Trail Debüt – Hauptsache Content

Hinzu kam die Festival- und Markenwelt mit viel Content, vielen Creatorn, vielen Reels, vielen Interaktionen und großer Sichtbarkeit. Und irgendwo stand eben auch ein VIP-Zelt an der Finish Line. Ich weiß, dass das im modernen Sport normal ist und dass Sponsoren, Partner, Medien und bestimmte Gäste irgendwo untergebracht werden müssen. Trotzdem fand ich diesen Anblick seltsam, nicht dramatisch oder skandalös, sondern einfach nur seltsam. Trailrunning verkauft sich schließlich gerne als Sport der Erdung, der Einfachheit, der Nähe zur Natur und der Community. Und dann steht eben ein VIP-Zelt an der Ziellinie. Vielleicht bin ich altmodisch, vielleicht bin ich auch einfach nicht wichtig genug, um eingeladen zu werden. Das spielt sicher ebenfalls eine Rolle.

Die Social-Media-Seite der Sache fand ich noch unangenehmer. Es geht nicht darum, einzelne Creator anzugreifen. Warum sollten Menschen nicht kommen, wenn sie eingeladen werden? Warum sollten sie nicht posten, wenn das ihr Job oder Hobby ist? Warum sollten sie nicht begeistert sein, wenn sie ein großartiges Wochenende in Innsbruck erleben? Das wäre absurd. Es geht auch nicht darum, dass Marken keine kommerziellen Ziele verfolgen dürfen. Natürlich wollen Schuhhersteller Schuhe verkaufen. Ein Hersteller, der Schuhe produziert und anschließend hofft, dass niemand sie kauft, hätte ein eher eigenwilliges Geschäftsmodell.

Aber die Gesamterzählung ist entscheidend.

Wenn gefühlt jede zweite Person mit Kamera unterwegs ist, wenn der erste Trailrun direkt als Content-Event inszeniert wird, wenn Menschen mit maximaler medialer Verwertbarkeit und teilweise fragwürdiger Materialwahl in diesen Sport hineingeschoben werden, dann muss man zumindest fragen dürfen, welche Geschichte wir hier eigentlich erzählen und wem sie hilft. Carbon-Treter für den ersten Trailrun sind vielleicht ein gutes Bild für dieses Spannungsfeld. Nicht, weil Carbon böse ist oder schnelle Schuhe verboten gehören, sondern weil sie sinnbildlich dafür stehen, dass der Sport manchmal von der Spitze her erzählt wird: vom Produkt, vom Tempo, vom Bild und vom Versprechen. Doch Trailrunning beginnt für viele Menschen nicht mit Performance, sondern mit Unsicherheit, Stolpern, zu schnellem Loslaufen, zu wenig Essen und dem ersten Downhill, bei dem sie merken, dass die Schwerkraft zwar zuverlässig, aber nicht zwingend empathisch ist.

Und genau da braucht es gute Begleitung statt Belehrung, denn ich glaube stark an Eigenverantwortung. Aber Eigenverantwortung braucht Kontext, und dieser entsteht nicht automatisch durch ein Reel, ein Paar Schuhe und ein „LFG“.

Wollen wir Trailrunning als Sport präsentieren, in den man langsam hineinwächst, oder als Bühne, auf der man möglichst schnell sichtbar wird? Wollen wir Menschen vorsichtig an Berge heranführen oder möglichst viele Menschen möglichst schnell in ein gut filmbares Erlebnisformat bringen?

Und wann haben wir eigentlich damit angefangen, völlig unironisch mit Fahnen von Schuhherstellern auf Bergen zu stehen – oft sogar ohne dafür bezahlt zu werden? Das ist vielleicht keine zentrale sportethische Frage des 21. Jahrhunderts, aber ganz unwichtig ist sie auch nicht. Irgendwann steht man da oben, hält ein Logo in den Wind und denkt daran, dass Menschen früher Fahnen auf Gipfel getragen haben, um Expeditionen zu markieren, während wir es heute tun, damit ein Brand Manager in einer Präsentation „authentic community reach” schreiben kann. Das ist lustig und ein bisschen traurig, aber vermutlich auch einfach Gegenwart.

Trailrunnerdichte in Innsbruck © peakpixelcafe

Wachstumsverluste? Es ist kompliziert!

Was mich an Ebermannstadt in der Woche davor so begeistert hat, war nicht, dass dort alles klein, rein und kommerzfrei gewesen wäre – das stimmt nämlich nicht –, sondern dass ich dort das Gefühl hatte, dass die Reihenfolge noch stimmt: erst die Strecke, dann die Region, dann die Menschen, dann das Rennen und schließlich der Rest. Bei Innsbruck hatte ich stellenweise das Gefühl, dass der Rest sehr groß geworden ist.

Vielleicht ist meine Sicht auf Innsbruck verzerrt, weil ich eine Woche zuvor ein emotional intensives Rennen erlebt habe und weil man als Support ohnehin genauer hinschaut, wenn die eigene Frau auf der Strecke ist. Trotzdem bleibt die Frage, wie groß Trailrunning werden kann, ohne sein eigenes Versprechen an manchen Stellen zu verlieren. Ich möchte keine großen Rennen abschaffen und niemandem vorschreiben, welche Events er läuft, welche Schuhe er trägt oder welche Inhalte er postet. Aber wir sollten ehrlicher darüber sprechen, was Wachstum kostet – sportlich, kulturell und atmosphärisch.

Denn größer ist nicht automatisch besser, kleiner nicht automatisch echter, kommerziell nicht automatisch schlecht und familiär nicht automatisch gut organisiert. Man spürt aber ziemlich schnell, ob ein Rennen aus einer Idee heraus wächst oder ob eine Idee nachträglich um ein Event herum erzählt wird.

In Innsbruck war vieles beeindruckend: die Kulisse sowieso, die Leistung meiner Frau erst recht. Am Ende bleibt dieser Stolz das stärkste Gefühl des Wochenendes, nicht der Ärger über Stau, VIP-Zelte oder Content-Maschinerie. Vielleicht macht genau das die Sache kompliziert: Es war nicht einfach schlecht, sondern groß, emotional, professionell, überladen, schön und befremdlich zugleich.

Nach dieser Woche bin ich nicht grundsätzlich gegen große Events, aber ich bin sehr dafür, genauer hinzuschauen: auf Streckenkapazitäten, Startwellen, Crew-Steuerung, Einsteigerformate und die Geschichten, die wir erzählen. Trailrunning darf gerne groß, professionell und kommerziell sein, sollte aber nicht vergessen, was viele von uns ursprünglich daran geliebt haben: Draußen sein, sich bewegen, sich verschätzen, weitergehen, ankommen, Menschen treffen, Cola trinken und mit einem vermutlich abklärungsbedürftigen Körpergefühl herumlaufen.

Und manchmal reicht dafür ein Marktplatz in Ebermannstadt – nicht als Gegenmodell zu allem, sondern als Erinnerung daran, dass Wachstum nur dann gut ist, wenn unterwegs nicht das verloren geht, weswegen wir überhaupt losgelaufen sind.

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