Mein Lauf-Warum: Ich laufe, um zu hoffen

Warum laufe ich eigentlich? Die Antwort auf diese Frage, ist höchst individuell. Es lohnt sich aber auf jeden Fall sie zu stellen. Christian von Alles Laufbar beantwortet die Frage philosophisch: Ich laufe, um zu hoffen. Warum er glaubt, dass Laufen als Bollwerk gegen die Hoffnungslosigkeit taugt, lest ihr hier.

„Warum?“ Diese Frage stellt mir meine knapp dreijährige Tochter derzeit permanent. Egal, was ich antworte, zum Beispiel auf die Frage, warum es nachts dunkel wird, warum Gummibärchen so lecker schmecken oder warum Papas Laufschuhe so schmutzig sind, sie gibt sich mit keiner Antwort zufrieden. Es folgt zuverlässig die anschließende Nachfrage: Warum? Über diese unersättliche kindliche Neugierde haben Comedians bereits Sketche geschrieben. Abseits der fraglos vorhandenen Komik fordert mich das nagende Nachbohren mitunter dazu auf, tatsächlich genauer über die tieferen Zusammenhänge von allem nachzudenken. Ja, Kinder sind kleine Philosophen, die mit ihrem Warum eine essenziell wichtige Frage stellen. Kürzlich hat mich meine Tochter gefragt, warum ich laufe.

Ich: Na ja, ich laufe eben gerne.
Sie: Warum?
Ich: Es macht mir Spaß.
Sie: Warum?
Ich: Weil ich mich gerne an der frischen Luft bewege.
Sie: Warum?
Ich: Weil ich mich dann gut fühle.
Sie: Warum?

Und so weiter …

Auf der anschließenden Hausrunde habe ich mich selbst befragt. Warum laufe ich eigentlich genau? Ich möchte eine möglichst präzise Antwort von mir hören. Kein Drumherumgerede, Floskeln verboten. Nach einigen Kilometern Grübeln habe ich meine Antwort gefunden.

Ich laufe, um zu hoffen.

Ein kürzlich bei iRunFar erschienener Artikel der Läuferin und Philosophin Sabrina Little (in dieser Vom Laufen-Folge sprachen wir bereits über sie) mit dem Titel „Training is a hopeful act“ hat mir den Gedankenanstoß dazu gegeben. Jeder Lauf ist ein Ausdruck von Hoffnung, oder sagen wir, der Ausdruck eines Wunsches nach einem hoffnungsvollen Dasein.

Genau das ist mein Warum. Exakt deswegen laufe ich. Was ist damit gemeint?

Der Autor beim Laufen bzw. Hoffen. Foto: Sportshot

Mit jedem Lauf nähre ich die Tugend Hoffnung

Sabrina Little schreibt, dass Hoffnung nicht nur ein Gefühl ist, sondern eine tugendhafte Eigenschaft, die wir kultivieren können, indem wir zum Beispiel in der Zukunft liegende läuferische Ziele definieren und entschlossen daran arbeiten, diese zu erreichen. Das Laufen in der Gegenwart ist in diesem Fall mit der Hoffnung auf ein zukünftiges zu erlangendes positives Gut gerichtet. Deshalb gilt der Satz von Sabrina Little: Training ist ein hoffnungsvoller Akt.

Ich würde ergänzen: Jeder tagtägliche Lauf ist, auch ohne definiertes Ziel in der Zukunft, mit Hoffnung verbunden. Bei fehlender Anfangsmotivation kann auf die Hoffnung gesetzt werden, dass nach der Überwindung zu Beginn doch Freude aufkommen kann, dass das Gefühl nach dem Laufen garantiert besser sein wird als vorher etc.

Wichtig ist, dass Hoffnung nicht mit Optimismus gleichzusetzen ist. „Optimismus ist nicht verankerte Positivität“, schreibt Little. Er sei, ähnlich wie sein Gegenstück der Pessimismus, nicht in der Realität verwurzelt. Hoffnung ist bodenständiger, hemdsärmeliger, konkreter, nicht naiv, sondern mit Aktivität anstatt Passivität verknüpft.

In Anlehnung an den Philosophen René Descartes könnte man sagen: Ich laufe, also hoffe ich. Oder andersherum: Ich hoffe, also laufe ich. Und ich will hoffen. Ich will die Hoffnung nicht nur nicht verlieren, ich will sie kultivieren, fördern, stärken. Mit jedem Lauf nähre ich die Tugend namens Hoffnung, selbst wenn äußere Umstände bisweilen hoffnungslos erscheinen mögen.

Man muss kein Philosophiestudium absolviert haben, um diese einfache Tatsache zu verstehen: Laufen ist, auf seine Essenz heruntergebrochen, eine Form der Fortbewegung, die üblicherweise nach vorne gerichtet ist (ja, es gibt tatsächlich die Nische des Rückwärtslaufens). Etwas, das in Bewegung ist, kann per Definition nicht stillstehen. Sowohl physisch als auch psychisch bedeutet Laufen innere und äußere Mobilität, die aus diesem Grund nicht umsonst zur Behandlung und Prävention von psychischen Erkrankungen wie Depressionen eingesetzt wird.

Der Autor beim Laufen bzw. Hoffen. Foto: Sportshot

Ein Bollwerk gegen die Hoffnungslosigkeit

Wer schon einmal an der Startlinie eines Laufwettkampfs stand, wird das ergreifende Gefühl der kollektiven Hoffnung kennen, das alle Teilnehmenden vereint. Wer schon einmal am Rand einer Veranstaltung Läuferinnen und Läufer beobachtet hat, wird von der auf der Strecke in Laufbewegung übersetzte Hoffnung berührt worden sein – im Laufsport manifestiert sich die Hoffnung auf ein gelingendes und gutes Leben, ob alleine auf der Hausrunde oder mit Tausenden anderen im Wettkampf.

Als jemand, der chronisch an sich und der Welt zweifelt, der vom Charakter her viel zu oft dem wehmutsvollen Gefühl der Aussichtslosigkeit nachgeben möchte, ist das Laufen als unerschütterliches Bollwerk gegen die Hoffnungslosigkeit unverzichtbar geworden. Solange ich laufe, trotze ich der Negativität. Hoffentlich. Auch hier gilt: Übung macht den Meister. „Wir entwickeln Tugenden, indem wir sie wiederholt ausüben. Glücklicherweise bietet das Laufen reichlich Gelegenheit, unsere Hoffnungen zu praktizieren“, schreibt Sabrina Little.

Wenn mich meine Tochter also das nächste Mal fragt, warum ich laufe, weiß ich, was ich antworten werde: Weil ich Hoffnung habe. Warum? Weil ich laufe. Warum? Ach, lassen wir das …

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