Ich hatte mein Lauf-Warum gefunden. Es war nicht die reine Bewegung, nicht der Laufschritt an sich. Es war nicht der Wettkampf oder das Streben danach, eine willkürlich festgelegte Kilometerzahl so schnell wie möglich zu absolvieren. All das hätte ich auch in Berlin finden können. Doch erst in den Bergen entflammte meine Laufliebe.
Ich muss ein Geständnis machen: Ich bin kein Läufer. Zumindest ist es nicht das reine Laufen selbst, das mir Befriedigung verschafft. Es gibt diese Menschen, die nur um des Laufens willen laufen, und manchmal beneide ich sie. Florian Neuschwander ist so einer. Ich bin es nicht. Laufen ist für mich ein Vehikel. Es ist für mich die schönste Art und Weise, das zu erfahren, was man nur selten im Leben erfährt: tiefe Zufriedenheit, innere Ruhe und bedingungslose Verbundenheit. Und gleichzeitig ist da ein gewisser Adrenalinschub, wenn man im beschleunigten Schritt über lose Steine entlang steiler Abhänge springt. Kurzum: Ich laufe, um zu entdecken. Ich laufe, um zu erleben.
Entdecken und Erleben – es ist diese Sehnsucht, die mein Laufen maßgeblich prägt. Wenn ich vom Tal auf einen Berggipfel schaue, will ich wissen, wie der Weg nach oben aussieht. Wenn sich vor mir eine Bergkette auftut, will ich wissen, wie es dahinter aussieht. Neugier – einerseits. Gleichzeitig ist da dieses nur schwer in Worte zu fassende Gefühl, das ich nur draußen in der Natur erfahre: der Wind, der einem um die Ohren pfeift, die Landschaft, die an einem vorbeizieht, die archaische Ruhe, wenn im Hochgebirge kein Zeichen von Zivilisation in sichtbarer Reichweite ist. Ich bin süchtig nach diesem Gefühl.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat dafür einen guten Begriff geprägt. Er nennt es Resonanz. Ein Begriff, der eigentlich aus der Physik stammt, den der Soziologe aber auf Beziehungen anwendet – Beziehungen, die eine erfüllende Schwingungsebene beschreiben. Beziehungen zwischen Personen, aber auch zwischen Mensch und Musik oder eben Mensch und Natur. Wenn ich draußen bin, spüre ich diese Resonanzerfahrung. Wenn ich lange Zeit zwischen vier Wänden verbringe, werde ich nervös.