Lernen fürs Leben – Trailrunning als mein Wegweiser für die Krise

Bei unserem Autor Daniel wurde im März dieses Jahres eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert. Seitdem darf er keinen Sport treiben und hat viel Zeit, um nachzudenken. Auch darüber, wie ihn Trailrunning auf diese unvorhersehbare und schwierige Krise vorbereitet haben könnte und ihm als Wegweiser dient.

Wenn das Leben beschließt, dich vor ungeahnte Herausforderungen zu stellen, dann beginnt irgendwann die Suche nach Werkzeugen, nach Fähigkeiten, die einem helfen, halbwegs zielsicher durch diese Krisen zu navigieren. Diese Fähigkeiten zu entwickeln, ist schwer. Sie anzuwenden, ist die Königsdisziplin. Bei mir selbst wurde im März dieses Jahres eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert. Zufällig und nur drei Tage nach einem fordernden Berglauf. Es lagen nicht allzu viele Momente zwischen Maximalpuls im Downhill und dem Krankenbett in der Zentralen Notaufnahme. Wer meinen kleinen Blog verfolgt, weiß: Leider gestaltet sich meine Erholung nicht so wie erwünscht und ich sehe mich nun der bisher größten gesundheitlichen Krise meines Lebens gegenüber.

Streift man die Ernüchterung und die Wehmut beiseite, war ich jedoch aufrichtig überrascht, welche Erkenntnisse ich aus dem Trailsport in meinen Alltag übertragen konnte. Und manchmal vielleicht sogar musste.

Krisen kommen unerwartet

Weder im Trailsport noch im Leben wird sich jede Krise ankündigen. Meine größten Krisen in Trainingsläufen wie in Wettkämpfen folgten zu Zeitpunkten, an denen ich nicht damit rechnete. War ich zuvor noch im Flow eines märchenhaften Trails, kämpfte mich kraftvoll einen langen Anstieg hoch oder genoss es, auf einem flachen Abschnitt ordentlich Tempo zu machen, so zog es mir nach so manchem Hochgefühl erbarmungslos den Stecker. Als alte Hasen des Laufsports wissen wir, dass diese Krisen kommen. Wir wissen nur oft nicht so genau, wann sie sich äußern und wie heftig sie zuschlagen.

Manche Krisen sind gewieft und zeigen sich taktisch geschickt, um dich genau im richtigen Moment aus dem Tritt zu bringen. Andere wiederum schlagen schwankend um sich wie ein Rummelboxer. Selbst schon taumelnd, aber gewillt, alles und jeden – in jedem Fall dich – mit herunterzureißen. Den Rummelboxer traf ich oft auf den letzten Kilometern eines Rennens, wenn ich zwar angeschlagen, aber bereits siegesgewiss war. Ich unterschätzte häufig die letzten kraftvollen Hiebe. Nicht viele davon treffen ihr Ziel, aber die, die treffen, die sitzen.

Meine eigene Krise verdiente ihr Preisgeld nicht auf dem Rummel. Sie war ein Schwergewichtschampion. Taktisch raffiniert und mit einem unvergleichbaren Hieb traf sie meinen Rumpf. Von Krisen kann man sich erholen. Manchmal passiert es in der Rundenpause, in Wettkämpfen gelingt es uns sogar innerhalb von Minuten. Doch: Selten passiert es von allein. Wir müssen uns unserer Krise stellen und ihr entgegentreten, denn vom Zurückweichen allein schwindet sie nicht. Im Gegenteil: Krisen müssen beschäftigt werden, und wenn sie Luft holen, werden sie groß. Wir sind vielleicht keine Boxer, aber kämpfen können wir alle.

Daniel läuft in Rodgau 2025. Foto: David Rott

Du wirst stolpern

Egal ob ausgewachsene Krise oder kleiner Fehltritt, wir alle geraten einmal ins Stolpern. Das ist normal. Ob erfahrene:r Profiathlet:in oder absoluter Rookie, spielt keine Rolle. Wir laufen durch unwegsames Gelände, und wo das Gelände unwegsam ist, da wächst das Potenzial für Fehltritte. Spannend ist jedoch der Blick dahin, wo wir tatsächlich stolpern. Könnt ihr euch noch daran erinnern, wann ihr zuletzt gestolpert, ja vielleicht sogar gefallen seid? Ich erinnere mich an beinahe jedes Mal noch sehr gut. Und es passierte selten dort, wo ich es erwartete.

Ich war kein besonders herausragender Trailläufer und in technischem Terrain fühlte ich mich nie besonders wohl. Dementsprechend groß war meine Anspannung, wenn man ganz besonders darauf achten muss, wo man den nächsten Fuß hinsetzt. Manchmal wuchs sie ins Unermessliche. Dieser Hyperfokus auf meine Umgebung war oftmals etwas unangenehm, aber sorgte dafür, dass ich mich meist einigermaßen sicher über die Pfade navigierte. In solchen Situationen fiel ich praktisch nie. Wenn ich ins Stolpern geriet, dann war es, als der Fokus nachließ. Meine schwersten Stürze hatte ich auf Forststraßen. Ein Stolperer führt nicht immer in eine Krise, aber sie beide haben eines gemein: Es passiert oft dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

" Meine schwersten Stürze hatte ich auf Forststraßen. Ein Stolperer führt nicht immer in eine Krise, aber sie beide haben eines gemein: Es passiert oft dann, wenn man es am wenigsten erwartet. "

Wenn wir im Leben stolpern, erwächst darauf nicht automatisch eine Krise. Aber vielleicht ist es ein Vorbote. Auch im Alltag geraten wir oftmals dann ins Stolpern, wenn wir am wenigsten damit rechnen. Vor der großen Präsentation im Büro, der Abnahme des Gesellenstücks oder im Vorstellungsgespräch sind wir besonders fokussiert und aufmerksam. Der restliche Alltag entspricht eher der Forststraße. Mit dem Blick in die Baumkronen lassen wir los und übersehen dabei Dinge. Dinge, die uns auf dem falschen Fuß erwischen und aus der Balance bringen.

Manchmal finden wir uns dann unerwartet auf dem Hosenboden wieder. Auch das ist normal. Wichtig ist es wieder aufzustehen, denn je länger wir sitzen, desto schwieriger wird es weiterzumachen. Die meisten von uns werden das Gefühl gut kennen. Diese Unsicherheit nach einem Sturz, wenn wir unsicher versuchen mit unseren shaky Legs weiterzulaufen. Was uns oft nicht so präsent ist, ist das Gefühl, wenn die shaky Legs wieder zu standfesten Laufbeinen werden. Es sind die Momente, die wir nicht sehen, aber sehen sollten.

Wenn wir im Alltag stolpern, bekommen wir auch shaky Legs. Aber wenn wir nur genug Schritte gehen, finden wir vielleicht wieder einen sicheren Stand.

Daniel beim Berglauf Wiesbaden im März 2026. Foto: Anthony Horyna

Gute Ausrüstung ist klasse. Aber du musst auch damit umgehen können.

Als Läufer:innen wissen wir gute Ausrüstung zu schätzen. Und wir alle haben sie auch schon einmal vermisst. Ich selbst erinnere mich noch gut daran, wie ich nach Stunden in dem ergiebigsten aller Dauerregen ausgekühlt und nass, als wäre ich in einen Fluss gefallen, versuchte, mich aus meinen Klamotten zu schälen. Schon in der rettenden Badewanne klickte ich mich durch Produktempfehlungen und Onlineshops, um mir endlich mal eine richtige Regenjacke zu kaufen. Es wurde Zeit. Sicher braucht es sie nicht, um draußen laufen zu gehen, und David Goggins würde dem Regen vermutlich mit nichts Weiterem als seinem bloßen Willen entgegnen. Mindestens. Aber offensichtlich war ich nicht David Goggins und wollte es auch nicht sein.

Ich wollte mir die Läufe nicht härter machen, als sie sein mussten. Unser Sport ist oft schon hart genug und das Geld ist in vernünftige Ausrüstung sicher gut investiert. Aber du musst mit dieser Ausrüstung auch umgehen können. Keine Regenjacke hilft, wenn ich nicht weiß, wie ich den Reißverschluss verschließe. Die Laufstöcke bieten keine Unterstützung, wenn ich nicht schnalle, wie ich sie ausklappen kann, und selbst die beste Laufuhr wird zur einfachen Taschenuhr, wenn ich nicht kapiere, wie ich sie einrichte. Was bringen mir drei verschiedene Satellitensysteme, wenn ich nicht einmal weiß, wie ich die Karte drauflade?

" Ich vergleiche mich und frage mich, was ich falsch gemacht habe. Aber die traurige Wahrheit ist: Vermutlich nichts. "

In allen Lebenskrisen werden wir merken, dass wir verschiedene Werkzeuge zur Hand haben. Manche stellt man uns zur Verfügung und manche können wir uns selbst kaufen. Und ganz gewiss gibt es manche, die sind sogar immateriell. Doch das Problem liegt auf der Hand: Wenn ich den Umgang nicht beherrsche, dann ist selbst das beste Werkzeug nur ein Stück Metall in einer großen Kiste. Ich finde, unsere Gesellschaft ist leider nicht darauf ausgelegt, uns in solchen Situationen zu helfen. Geschweige denn uns zur Selbsthilfe anzuleiten. Im besten Fall stellt man uns die Mittel zur Verfügung und wir müssen sehen, wie wir sie einsetzen. Das ist oftmals besser als nichts, aber bringt uns oft auch nicht erheblich weiter.

In meiner aktuellen Krise fiel es mir schwer, mit meiner Ausrüstung umzugehen. Doch was würde ich tun, wenn ich nicht verstand, wie ich meinen Pulsgurt mit meiner Laufuhr verband? Richtig, ich recherchierte. Oder fragte nach. Und das tat ich auch jetzt. Ich ließ mir meine Lage erklären, bis man mich aus der Sprechstunde schob, und bei Therapeuten ließ ich mir erläutern, wie ich mit meinem emotionalen Equipment besser umgehen konnte. Ich glaube, auch jetzt beherrsche ich bei Weitem nicht alle Funktionen. Aber fürs Gröbste fühle ich mich gewappnet.

Niemand trägt die Verantwortung – außer dir selbst

Immer häufiger holen wir uns Unterstützung und ich finde das absolut legitim. Seien es Coaches, die uns in unserer Trainingsplanung unterstützen, oder die leidenschaftliche Supportcrew, die uns aufopferungsvoll durch die Verpflegungszone zerrt. Manchmal sogar vermeintlich gegen unseren Willen. Viel zu leicht fällt es da, zu glauben, dass die Verantwortung gar nicht mehr bei mir selbst liegt. Die Verantwortung für eine Überlastungsverletzung liegt bei meiner Trainerin, und dass ich stundenlang ohne Freude durch die schönsten Berge des deutschsprachigen Alpenraums krieche, liegt an meiner Crew, die mich nicht aufhält. Es ist verführerisch und vielleicht sogar logisch, die Verantwortung für unser Handeln in andere Hände zu übertragen. Doch egal, wie sehr wir schieben, die Verantwortung für unser Handeln bleibt letztlich immer bei uns. Niemand wird sie uns nehmen können.

Natürlich wird meine Trainerin immer auch einen Teil der Verantwortung haben, wenn sie mich auf die Strecke schickt, obwohl ich doch eigentlich schon seit Wochen am Limit bin, und das darf und sollte ich vielleicht sogar schlecht finden. Aber die Entscheidung, die Laufschuhe zu schnüren, treffe ich stets selbst. Genauso kann mich niemand zwingen, mich am Ende einer Verpflegungszone wieder auf die Wettkampfstrecke zu begeben. Immer kann ich mich entscheiden, sitzen zu bleiben. Vielleicht schaue ich dann in enttäuschte, ja sogar traurige Gesichter, aber es bleibt meine Entscheidung, ob ich aufstehe oder nicht.

Genauso ist es in unserem Leben doch auch, und ich glaube, manchmal fehlt es uns hier an Bewusstsein. Insbesondere, wenn Krisen und Schicksalsschläge auftreten, ist es verlockend, sich aus der Verantwortung ziehen zu wollen. Aber die bittere Wahrheit ist: Wir können ganz sicher nicht immer unser Schicksal beeinflussen, aber wir können immer entscheiden, wie wir damit umgehen. Das ist nicht immer toll und erst recht nicht leicht. Und man muss es auch nicht allein tun. Doch auch sich Hilfe zu holen, ist eine bewusste Entscheidung und ein Weg, seine Verantwortung wahrzunehmen. Meine Supportcrew besteht derzeit aus Freund:innen und Ärzt:innen. Es gibt Tage, da spüre ich verstärkt den Druck, mich wieder auf die Strecke zu schicken. Es bleibt jedoch ganz allein meine Entscheidung, ob ich bereit bin, da wieder rauszugehen, oder ob ich noch etwas meine Kräfte sammeln muss. Ich allein trage die Verantwortung für meine Entscheidungen und ich allein trage auch die Konsequenzen.

Daniel im winterlichen Wald. Foto: Maria Breivogel

Hör auf dich zu vergleichen

Es ist so simpel und doch gelingt es uns praktisch nie. Keine Sorge, das wird hier an dieser Stelle kein Strava Rant. Und ganz ehrlich, ich verstehe auch den Reiz des Vergleichens. Spätestens, wenn wir wettkampforientiert laufen, tun wir es doch alle an irgendeinem Punkt. Es geht doch auch gar nicht anders. Neben jedem Finish steht auch immer eine Zahl und da wir keine Maschinen sind, bekommen Zahlen auch häufig eine Bewertung. Eine 4 in der Deutschklausur war gar nicht mehr so schlimm, wenn der Klassenschnitt bei 3,9 lag. Und dennoch ist es tückisch. Denn, egal ob bei Strava, Instagram oder im Social Run Club: Wir sind immer vergleichbar und setzen uns Vergleichen aus.

Welche Pace läufst du? Wie viele Trainingskilometer läufst du pro Woche? Nächste Woche ist dein erster Hunderter? Krass! Wir vergleichen und vergleichen uns und verlieren dabei den Blick für uns selbst und die Realität. Wir vergleichen immer nur nach oben und dort oben entsteht ein verzerrtes Bild. Unsere Mona Lisa trägt ein schiefes Lächeln. Ein Lächeln immer noch, denn Laufen macht uns Freude. Aber ein Teil verzieht sich zur Grimasse, denn der stetige Blick auf andere zerrt an ihrem Mundwinkel und trübt unseren Stolz.

Im Sport wie im echten Leben wissen wir oft wenig über die individuellen Ausgangssituationen. Auch im Alltag vergleichen wir uns gern. Wir fragen uns, ob wir nicht auch schon verheiratet im Eigenheim sitzen sollten oder wie der Störenfried von der Schulbank hinter uns es geschafft hat, nun bereits Abteilungsleiter zu sein. Wir vergessen dabei oft, dass ein jeder von uns ganz individuelle Umstände hat. Manch einer hat gute Voraussetzungen, manch andere haben Glück und ein paar wenige haben sogar beides. Mir geht es derzeit oft so, dass ich sehe, wie andere mit vergleichbaren Erkrankungen einen sehr viel besseren Genesungsweg hatten.

Ich vergleiche mich und frage mich, was ich falsch gemacht habe. Aber die traurige Wahrheit ist: Vermutlich nichts. Und selbst wenn, dann wäre es wohl etwas, das ich jetzt nicht mehr ändern könnte. Ich bin dazu verdammt, das Beste aus meiner eigenen Situation zu machen. Natürlich macht es mich traurig, zu sehen, dass andere mit derselben Erkrankung bereits nach kürzester Zeit wieder mitten im Leben und vielleicht sogar in ihren Laufschuhen stehen. Aber ich lebe nicht das Leben der anderen, sondern ich lebe meins. Und ob ich will oder nicht, ich kann es nur in meinem Tempo leben. Das Tempo anderer ist für mich nicht von Belang.

Daniel auf seinem letzten Longrun vor der Krise im März 2026. Foto: privat

Vergiss nie die Topographie

Die letzte Lektion aus dem Trailrunning ins Leben zu übertragen, fällt mir am schwersten. Es hilft ungemein, sich zu vergegenwärtigen, dass wir nicht ewig bergauf laufen. Genauso wenig laufen wir ewig bergab. Unser Sport bewegt sich, ebenso wie das Leben, in Wellen und Hügeln. Auf die Gefahr hin, das Phrasenschwein zu füllen, aber es geht tatsächlich nach jedem Abstieg irgendwann einmal wieder bergauf. Manchmal ist uns die Strecke nicht ganz bekannt. Vielleicht gibt es gar einen Fehler im Track. Vielleicht kommt der Anstieg später, als man denkt, vielleicht verlaufen wir uns sogar. Ich kann mir den nächsten Anstieg nicht einfach her wünschen, aber es hilft schon ungemein, zu wissen, dass er irgendwann einmal kommt. Die Welt ist nicht so gebaut, dass wir stetig bergab laufen. Die Topographie war die wichtigste Lehrerin, die ich im Trailrunning hatte. Die Topographie lässt sich nicht verhandeln. Aber ich kann entscheiden, wie ich ihr begegne.

Bis dahin gebe ich mich ihr hin.

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