Wächst der UTMB auf Kosten des Leistungssports?

Immer mehr Rennen. Immer mehr Events. Die UTMB World Series wächst unaufhaltsam. Das Geschäftsmodell von Ironman und UTMB scheint eindeutig. Doch wer und was bleibt dabei auf der Strecke? Der Leistungssport? Die Teilnehmenden? Und was passiert mit einer Sportart, wenn die wirtschaftliche Logik eines Unternehmens zunehmend ihre Entwicklung bestimmt?

Erst kürzlich wurde wieder ein neues Event im Reigen der UTMB World Series Events vorgestellt. Kein Geringeres als das Event Skyline Scotland trägt nun das by UTMB-Banner. Noch prestigeträchtiger sind wahrscheinlich die Namen der einzelnen Rennen, die irgendwann unter dem Titel Skyline Scotland subsumiert wurden: Glen Coe Skyline, Ben Nevis Ultra und Ring of Steall Skyrace. Erst vor wenigen Wochen, im März 2026, stellte der bisherige Veranstalter, Ourea Events, aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten den Geschäftsbetrieb ein und ging kurz darauf in Administration – ein britisches Insolvenzverfahren. Viele in der Trailrunning-Szene dürften erleichtert sein, dass das Skyline Scotland erhalten bleibt. Rettet der UTMB hier ein traditionelles und international anerkanntes britisches Trailrunning-Event?

66 Trailrunning-Events weltweit gehören mittlerweile zur UTMB World Series. Die Ultra Trail World Tour, die ein letztes Mal 2021 stattfand und die man als Vorgängerserie der UTMB World Series bezeichnen könnte, umfasste im Jahr 2021 noch 28 Events. Im Jahr 2024, zwei Jahre nach dem Start der Kooperation zwischen Ironman und der UTMB Group, umfasste die Serie noch 42 Events.

Ein bemerkenswertes Wachstum, wenn man bedenkt, dass all diese Events von der Ironman Group gekauft und anschließend in die UTMB World Series integriert werden. Und das Wachstum dürfte noch lange nicht abgeschlossen sein. Über 100 Events werden angestrebt, so hört man. Nach oben hin gibt es keine Grenze.

Je größer die UTMB World Series wird, desto wichtiger wird eine Frage: Wächst hier der Sport – oder vor allem ein Geschäftsmodell?

Letztes Jahr im November wurde der Verkauf des größten deutschen Trailrunning-Events, dem Zugspitz Ultratrail, an die Ironman Group bekannt gegeben. Uns ist aus sicheren Quellen bekannt, dass die Ironman Group fieberhaft auf der Suche nach weiteren deutschen Events ist. Aber nicht nur in Deutschland. Wahrscheinlich wird es in Österreich im kommenden Jahr neben dem Mozart 100 und dem KAT100 mindestens ein weiteres UTMB World Series Event geben. Sehr gerne hätten wir mit Rennorganisatoren, die ihr Event an die Ironman Group verkauften oder im Augenblick mit ihr verhandeln, gesprochen. Leider war keiner bereit, mit uns über Details zu sprechen. Verhindert wird dies durch eine umfangreiche NDA (Non-Disclosure Agreement), die jeder unterschreiben muss, bevor er mit der Ironman Group in Verhandlung tritt.

Dass der Trailrunningsport hier zunehmend Teil der Wachstumsstrategie eines einzelnen Unternehmens wird, ist zunächst nichts Besonderes. Jedes Unternehmen, das Rennen veranstaltet oder Produkte verkauft, ist gezwungen, wirtschaftlich und wachstumsorientiert zu agieren. Allerdings sind die Dimensionen in diesem Fall doch andere. Wer einen Großteil der bedeutendsten Trailrunning-Events kontrolliert, ist in der Lage, den Sport in einem Maß zu formen, das vieles Bisherige übertrifft.

Aber wie formen und möglicherweise verändern UTMB und Ironman den Trailrunning-Sport? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf das Geschäftsmodell. Jenes setzt vor allem auf eine Karte: die Teilnehmenden von Trailrunning-Events. Das liegt in der Natur des Sports: Trailrunning ist in erster Linie ein Teilnehmersport. Kaum jemand, der den Sport nicht selbst aktiv betreibt, verfolgt das sportliche Geschehen auf schmalen Pfaden. Für die Ironman Group liegt das größte Maximierungsversprechen also genau dort: in der Gewinnung immer weiterer Teilnehmender weltweit. Sei es durch den Aufkauf von Events oder durch die Implementierung cleverer Lock-in-Systeme wie den Running Stones.

Eine ganz andere Strategie verfolgt die Golden Trail World Series. Seit letztem Jahr kooperiert Salomon, der Eigentümer der Serie, mit dem internationalen TV- und Streamingvermarkter Warner Bros. Discovery. Die Strategie: die Vermarktung eines attraktiven Profisports über TV-Rechte bei Eurosport. Aber auch die Vermarktung von Tourismusdestinationen über diesen Weg spielt eine Rolle. Wie wir aus Branchenkreisen erfahren haben, ist für die Aufnahme eines Rennens in die Golden Trail Series inklusive des von Warner Bros. Discovery bereitgestellten Medien- und Vermarktungspakets ein mittlerer sechsstelliger Betrag fällig. Ob diese Strategie langfristig aufgeht, bleibt fraglich. Dazu steckt die Attraktivität des Zuschauersports Trailrunning noch zu sehr in den Kinderschuhen.

Bei UTMB und Ironman glaubt man ganz offensichtlich nicht an diesen Weg. Zwar hat man mit dem Finale in Chamonix das vielleicht attraktivste Leistungssport-Event im Trailrunning geschaffen, darüber hinaus sind aber bislang keine Bestrebungen zu erkennen, die UTMB World Series als Sportformat, das man auch von der Couch daheim aus verfolgen kann, zu vermarkten. Im Gegenteil: Nach Informationen aus der Szene wird intern darüber diskutiert, die kostenintensiven Livestream-Produktionen außerhalb von Chamonix komplett einzustellen.

Aus der Sicht der Konzernstrategie scheint dies folgerichtig, denn beides – Trailrunning als Teilnehmersport und als Zuschauersport – ist nur schwer unter einen Hut zu bekommen. Wer die Teilnehmerzahl immer weiter maximieren will, ist auf immer mehr Events angewiesen. Und da Trailrunning bekanntermaßen auf Wegen und in Naturräumen stattfindet, die von der Kapazität begrenzt sind, auch auf immer mehr Segmentierung auf verschiedene Distanzen innerhalb eines Events. Fast alle UTMB-Events setzen daher auf eine Handvoll oder noch mehr Wettkampf-Distanzen. Mehr Events, mehr Distanzen – all das führt zu einer stärkeren Verteilung der Elitefelder und damit zu einem Verlust sportlicher Übersichtlichkeit. Und letztlich zu einem Verlust an sportlicher Attraktivität.

Der UTMB: Elite und Hobbyathleten gemeinsam am Start © UTMB

Die Gefahr, dass der UTMB World Series deswegen die Elitesportler abhandenkommen, besteht dennoch nicht. Zu groß ist die Strahlkraft des UTMB und zu groß der Lock-in-Effekt des Qualifikationssystems auf die Elite, die alles daran setzt, den Sehnsuchtsort Chamonix überhaupt zu erreichen. Dafür muss der UTMB nicht einmal hohe Preisgelder ausrufen. Bei den meisten UTMB World Series Events gibt es ohnehin keinen Cent. Zwar versuchen andere Rennen, diese Lücke zu schließen – beim Broken Arrow Skyrace wurde dieses Jahr, unterstützt vom Hauptsponsor ACG, ein sehr hohes Preisgeld ausgelobt –, aber insgesamt läuft die Finanzierung der Elitesportler dafür zu stark über individuelle Sponsoren. Diese wiederum sind abhängig von der medialen Strahlkraft des UTMB. Bei manchen namhaften Trailrunnern sorgt diese Entwicklung inzwischen durchaus für Fragezeichen.

Auch Hannes Namberger beobachtet ein Ungleichgewicht: „Was ich mir wünsche, sind starke Elitefelder. In Chamonix ist das der Fall, abseits davon verteilt sich die Spitze jedoch auf zu viele Rennen. Ich sehe den UTMB deshalb in der Pflicht, stärker in den Leistungssport zu investieren. Momentan ist das eine Einbahnstraße: Wir Athletinnen und Athleten sorgen – finanziert über unsere Sponsoren – selbst für einen Großteil der medialen Aufmerksamkeit, bekommen dafür aber vergleichsweise wenig zurück. Gleichzeitig profitieren die Veranstaltungen davon, dass alle mit den großen Namen des Sports an einer Startlinie stehen wollen. Fallen diese Identifikationsfiguren weg, wird das langfristig auch für die Veranstalter zum Problem.«

" Wir Athletinnen und Athleten sorgen – finanziert über unsere Sponsoren – selbst für einen Großteil der medialen Aufmerksamkeit, bekommen dafür aber vergleichsweise wenig zurück. "

Hannes Namberger

Viele Trailrunner werden nun einwenden: Warum sollte mich das überhaupt interessieren? Schließlich nehme ich selbst an Rennen teil und profitiere von professionell organisierten Veranstaltungen. Durchaus. Wer würde bestreiten, dass UTMB und Ironman ein attraktives Angebot weltweit professionell organisierter Events anbieten? Das Problem, das Teilnehmende mit dem UTMB haben, ist wahrscheinlich weniger die fehlende Fokussierung auf den Leistungssport als vielmehr die große Marktmacht des UTMB, die sich immer mehr einem Monopol annähert. Denn wer keine Konkurrenz mehr zu befürchten hat und Teilnehmende durch ein geschicktes Belohnungssystem (Stones) und reichweitenstarkes Marketing (heutzutage übernehmen das Social Media und nicht mehr Eurosport oder die Sportschau) gebunden hat, kann sich eine Profitmaximierung (hohe Preise, Kostenreduzierung auf Seiten der Veranstalter) erlauben, die letztendlich auch die Teilnehmenden zu spüren bekommen werden.

Der UTMB wird den Trailrunning-Sport auch künftig wachsen lassen. Mehr Rennen, mehr Teilnehmende, mehr Reichweite. Doch Geschäftsmodelle sind nie neutral. Sie bestimmen, welche Ziele wirtschaftlich im Vordergrund stehen – und prägen damit zwangsläufig auch die Entwicklung einer Sportart. Fest steht: Ein Geschäftsmodell, das nahezu ausschließlich auf die Gewinnung möglichst vieler Teilnehmender ausgerichtet ist, setzt andere Prioritäten als eines, das den sportlichen Wettbewerb in den Mittelpunkt stellt. Die Folgen davon sind bereits heute sichtbar: zersplitterte Elitefelder, geringe Preisgelder, sinkende Investitionen in die mediale Inszenierung des Sports und eine stetig wachsende Marktmacht eines einzelnen Akteurs. Nicht, weil jemand dem Trailrunning schaden möchte, sondern weil genau diese Entwicklung der wirtschaftlichen Logik des Systems folgt.

Die größte Gefahr für den Trailrunning-Sport ist nicht das Wachstum des UTMB. Sondern dass sich der Erfolg einer ganzen Sportart zunehmend an den wirtschaftlichen Interessen eines einzelnen Marktführers orientiert.

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