Vollzeitjob Supporter: Die unsichtbare Leistung hinter dem Zieleinlauf

Wie ist es eigentlich, einen Ultraläufer zu supporten? Excel-Tabellen, Verpflegungsstrategien und Logistik gehören genauso dazu wie Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, im richtigen Moment Nähe zu geben. Die Leistung eines Supporters bei einem Ultratrail ist manchmal kaum geringer einzuschätzen als die des Läufers selbst. Nora supportete ihren Vater in Innsbruck eine ganze Nacht und einen halben Tag lang. Wie sie diese Erfahrung geprägt hat und worauf es beim Supporten wirklich ankommt, beschreibt sie in diesem Erfahrungsbericht.

„Wie geht’s dir?“

„Mhmm, joa“, antwortet mein Papa.

Ziemlich besorgt schaue ich ihn an. Nicht nur ich, auch meine Schwester, mein Bruder und meine Mama. Die letzten paar Kilometer vom Herzsee nach Hall ist er quasi gegangen, weil er solche Schmerzen in bestimmten Muskeln in den Beinen hatte.

„Mein Unterschenkel zieht ganz schön.“

„Wie, wenn er krampft?“

„Weiß nicht.“

„Iss was, vielleicht sind deine Muskeln unterversorgt.“

Ich drücke ihm einen Riegel und Gummibärchen in die Hand.

„Mach das leer, du musst was zu dir nehmen.“

Papa kaut in Zeitlupe, seine Augen sind schon ziemlich leer. Ich schaue meine Schwester über ihn hinweg an, ihre Miene widerspiegelt meine Gedanken: Sorge und fieberhaftes Überlegen, was wir noch tun könnten.

„Nimm dir Zeit, der Cut-off ist noch weit weg. Eike und ich begleiten dich ein Stück.“

„Ich weiß nicht, ob ich noch kann.“

„Wieso?“

„Weil meine Muskeln so wehtun.“

„Du hast gesagt, du läufst, bis dein Körper es nicht mehr hergibt, da sind wir noch nicht. Wir gehen ganz langsam weiter und schauen, wie es sich entwickelt. Du kannst das!“

Eine leichte Verzweiflung überkommt mich, ich darf mir aber auf keinen Fall etwas anmerken lassen und feuere meinen Papa fröhlich an, während ich ihn humpelnd aus der Verpflegungsstation begleite …

Ultralaufen ist mittlerweile an einem kompetitiven Level angekommen, bei dem man ohne ein Team, das einen vor, während und nach dem Lauf unterstützt, kaum noch vorne mitspielen kann. Unterschiedlichste Profis der Szene, wie Courtney Dauwalter oder Tom Evans, erzählen, wie wichtig das Team um sie herum ist, und gehen teilweise sogar so weit, Ultrarunning als Teamsport zu bezeichnen.

Klar ist: Ohne Supporter könnten Rennen ziemlich anders verlaufen. Sie unterstützen ihre Läufer mit der richtigen Verpflegung, dem regelmäßigen Kühlen bei Hitze und nicht zu vergessen den passenden Worten im entscheidenden Moment. Doch wie fühlt sich das eigentlich an? Wie sieht ein Renntag aus der Perspektive der Menschen aus, die selbst keine Finisher-Medaille umgehängt bekommen?

Autorin Nora und ihr Papa, den sie beim IATF 110K supportete

Schon die Tage vor dem eigentlichen Rennen gibt es viel zu tun. Als ersten Schritt braucht man eine Übersicht darüber, wann man wo sein sollte. Wann ist der Start? Wo? Wo genau sind die VPs? Wie kommt man dorthin? Welche VPs darf man überhaupt extern verpflegen? Wann wird unser Läufer wahrscheinlich dort sein? Um nicht den Überblick zu verlieren, kann eine Excel-Tabelle sehr sinnvoll sein. Wenn man den Luxus hat, zu zweit zu sein, kann es eine Überlegung wert sein, sich aufzuteilen. Manche VPs erreicht man nur bei ein- bis dreistündigen Wanderungen zu einer Alm – teilweise bei Nacht. Ein Fahrrad kann wertvolle Minuten verschaffen. Wenn man hingegen nicht so flexibel sein kann, weil man vielleicht alleine oder im Zweifel ohne Auto supportet, hilft es, sich mit seinem Läufer hinzusetzen und zu überlegen, welche die wirklich wichtigen VPs sind, die man dann gezielt verpflegt.

Jetzt geht es an die Verpflegung: Welches Gel und wie viele davon werden an welcher VP gebraucht? Wie viele Soft Flasks mit welchem Inhalt müssen wo ausgetauscht werden? Viele Läufer:innen planen das selber und packen beschriftete „Päckchen“ mit der passenden Verpflegung für jede VP. Da aber bekanntlich kaum ein Ultra nach Plan läuft, sind Backup-Gels sehr praktisch. Vielleicht verträgt der Läufer das geplante Gel in dem Moment nicht oder hat doch mehr Lust auf etwas Salziges. Die ganze Planung kann je nach Rennen ein logistisches Meisterwerk sein. Bei einem gemütlichen Planungsabend mit einem kühlen (alkoholfreien) Bier kann es aber auch richtig Spaß machen.

Eigentlich ist die Vorbereitung somit geschafft. Trotzdem versuche ich, mich auch mental darauf vorzubereiten. Vielleicht steht mein Läufer irgendwann vor mir, schaut auf den Boden und sagt, dass er nicht mehr weiterlaufen will. Vielleicht ist er gereizt, vielleicht völlig übermüdet oder einfach nur leer. In solchen Momenten hilft es, nicht erst überlegen zu müssen, wie man reagiert.

Wer seinen Läufer menschlich gut kennt, kann ihn auch in einer Extremsituation besser verpflegen. Oft reicht ein Blick in das angestrengte Gesicht, um zu sehen, ob aufbauende Worte, Ruhe oder doch ein schlechter Witz in dem Moment helfen.

Schließlich ist die Zeit des Starts gekommen. Eine letzte feste Umarmung.

„Wir sehen uns bei der nächsten VP – versprochen!“

„Ich bin so aufgeregt und hab so Bock zu laufen.“

Top, so soll es sein. Ausrüstungscheck. Ein Blick ins nervöse Starterfeld. Der Countdown. Und es geht los.

Wenn ich selber laufe, ist das der Punkt, an dem ich mir sage, dass meine Arbeit getan ist. Jetzt darf ich nur noch einen Tag lang laufen. Und das ist ja schließlich meine Lieblingsbeschäftigung. Natürlich stimmt das nicht ganz, aber ein kleines bisschen schon.

Supporterszenen beim Transgrancanaria ©peakpixelcafe

Für die Supporter geht jetzt der Stress erst richtig los. Der Plan, der vor dem Rennen so perfekt gewirkt hat, entpuppt sich zu einem Marathon der Improvisation. Manchmal sorgen Straßensperren des Veranstalters für einen großen Umweg, um an eine Verpflegungsstation zu kommen. Anstatt gemütlich zu einer Alm zu wandern, sieht man sich plötzlich selber joggen.

„Nora, siehst du Papa im Tracking?“

„Nein, keine Ahnung, ich glaube, wir müssen uns noch mehr beeilen.“

Die Gesichter sind müde, gezeichnet von einer schlaflosen Nacht. Wenn die ersten Sonnenstrahlen den Himmel bunt färben, vergisst man jedoch die kalten Hände an der VP. Trotz allem macht es unglaublich viel Spaß – vielleicht gerade wegen des ganzen Aufwands. Vor allem aber, weil man mit einem Menschen mitfiebert, den man wirklich gern hat.

Hierzu eine kleine Anekdote: Beim diesjährigen Innsbruck Alpine Trailrun Festival durfte ich die 110 Kilometer verpflegen. Nach einer langen Nacht musste ich früh morgens mit der Straßenbahn von Mutters nach Innsbruck fahren, um rechtzeitig am Bretterkeller zu sein. Kaum hatte ich mich hingesetzt, fielen mir die Augen zu. Die Kombination aus Schlafmangel, der warmen Straßenbahn und der kurzen Ruhepause war stärker als jeder Vorsatz, wach zu bleiben. Als ich plötzlich aus dem Schlaf hochschrecken, schlossen sich gerade die Türen einer Station. Einen Moment hatte ich keine Ahnung, wo ich war. Nach zweimal Blinzeln realisierte ich, dass es meine Station war. Ich schnappte meinen Rucksack und stolperte mehr aus der Bahn heraus, als dass ich ausstieg. Ein paar Sekunden später und ich wäre vermutlich einmal quer durch Innsbruck gefahren.

Nora supportet ihren Papa

 An den VPs selber geht alles meistens sehr schnell: Flaschen tauschen. „Der letzte Downhill war so cool!“ Neue Gels. „Schön. Hier, nimm noch den Riegel mit.“ Müll wegpacken. “Brauche ich nicht.” Gummibärchen oder Kartoffeln. Ok, dann allez, du machst das gut.“ Zwei Minuten Chaos. Die richtigen Worte finden. Wobei Letzteres gar nicht immer so leicht ist. Hilft Anfeuern oder doch lieber ruhig auf den Läufer einreden? Motivieren, aufbauen oder loben? In manchen Stadien des Rennens ist das sogar wichtiger als die Verpflegung selber.

Den emotionalen Rollercoaster, den ein Läufer während eines Ultras durchmacht, macht man als Supporter komplett mit. Jeder Tiefpunkt des Läufers wird auch ein Stück weit zum eigenen Tiefpunkt. Ich fühle mich verantwortlich, die richtigen Worte zu finden, den Läufer aus seinem Loch herauszuholen, und überlege fieberhaft, wie man Schwierigkeiten wie Hitze, Kälte oder einen schlechten Magen des Läufers lösen kann. Jeder Supporter ist für seinen Läufer eine Stütze.

Nach einem DNF sitzt oft ein völlig erschöpfter Mensch da und versucht zu begreifen, warum Monate der Vorbereitung heute nicht aufgegangen sind. Dann ist es viel wert, jemanden neben sich zu haben, der den ganzen Tag mitgegangen ist. Der jedes Tief gesehen hat, jede Schwierigkeit mitbekommen hat und deshalb keine Erklärung braucht. Dieses Verständnis ist sehr viel wert, genauso wie zu wissen, dass man wertgeschätzt wird – unabhängig vom schlechten Resultat.

" Zwei Minuten Chaos. Die richtigen Worte finden. Wobei Letzteres gar nicht immer so leicht ist. Hilft Anfeuern oder doch lieber ruhig auf den Läufer einreden? "

Der Ziellinienmoment ist natürlich genauso emotional. Nach Stunden des Mitfieberns, Improvisierens und Wartens fällt plötzlich die Anspannung ab. Und irgendwie fühlt es sich auch für mich an, als würde man selbst ebenfalls über eine Ziellinie laufen. Das Lächeln vor Stolz verschwindet nicht mehr aus dem Gesicht. Bei mir ist das meist auch der Moment, in dem vor Rührung die ersten Tränen kommen.

Als ich meinen Papa beim IATF 2026 verpflegt habe, war es das leider nicht. Ungefähr 5 km hinter Hall, nur noch 10 km bis ins Ziel, bleibt er immer wieder stehen und stützt sich erschöpft auf seine Stöcke.

„Ich kann nicht mehr.“

„Woran liegt es?“

„Die Beine, jeder Schritt tut so stark im Fußspann weh.“

„Kannst du dich mehr auf deine Stöcke stützen?“

„Ich muss mich setzen.“

Vorsichtig helfe ich ihm, sich ins Gras zu setzen, sein Gesicht schmerzverzerrt.

„Wir sitzen hier jetzt einfach ein bisschen und lassen dein Bein sich beruhigen, vielleicht wird es dann besser.“

„Nora, ich schaffe es nicht mehr, ich habe alles gegeben, ich bin so weit gelaufen, mein Körper will nicht mehr.“

„Du darfst die Entscheidung zum Aussteigen treffen, wenn wir es noch einmal versuchen, aber wir sind alle da und wir begleiten dich auch, wenn’s nur ganz, ganz langsam ist.“

Nach einer Weile des „einfach nur in die Landschaft Schauens“ und dem quasi die ganzen 95 km sehen, die Papa schon gelaufen ist, motiviere ich ihn noch, ein paar Schritte zu gehen. Stöhnend versucht er aufzustehen, mein Bruder Eike und ich helfen ihm dabei. Ein Schritt geht, dann knickt er ein und bekommt einen Krampf.

Der Körper hat die Entscheidung getroffen.

Kein Schritt weiter.

DNF.

Das tut weh! Ich habe in dem Moment sehr mit den Tränen gekämpft, weil ich wusste, wie viel Arbeit und Energie in den Monaten davor gesteckt hat. Aber mein Papa ist einfach nur stolz. Keine Unzufriedenheit, sondern die Vorfreude, an den Schwächen zu arbeiten:

„Ich bin unglaublich dankbar, das mit euch erlebt haben zu dürfen.“

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