Die letzten beiden Anstiege machen trotzdem noch einmal deutlich, dass ich mich vielleicht nicht zu früh freuen sollte. La Giète ist steil und zäh. La Flégère setzt noch einen drauf. Besonders die technische Querung kommt ziemlich spät. Das ist das technischste Teilstück der ganzen Runde. Hier hat man schon rund 165 Kilometer in den Beinen.
Eigentlich müsste ich müde sein. Bin ich auch. Aber ich fühle mich noch verdammt gut.
Der letzte Downhill ist noch einmal richtig schön. Leider ist es dunkel, aber dann sehe ich Chamonix. Die Stadt liegt unter mir und leuchtet. Nach Stunden in der Dunkelheit ist das ein ziemlich guter Anblick. Ich weiß, dass es jetzt nicht mehr weit ist. Und ich weiß, was dort wartet.
Pizza.
Das Erstaunlichste an diesem Zieleinlauf ist, dass er sich gleichzeitig groß und völlig unspektakulär anfühlt. Ich komme nach Chamonix. Menschen tauchen auf.
Straßen. Lichter. Geräusche. Es sitzen sogar noch ein paar Leute in den Bars und Restaurants und feuern mich an – sie denken wohl, ich wäre ein Nachzügler des offiziellen Rennens. Ich nehme die Anfeuerung dennoch dankend an.
Vor wenigen Stunden stand ich hier noch und habe Ben Dhiman beim offiziellen Zieleinlauf gesehen. Ich erinnere mich an den Jubel, die Musik und die Gänsehaut. Jetzt komme ich selbst zurück. Die Stimmung ist jedoch eine ganz andere. Der Startbogen wird gerade abgebaut, keine Startnummer, keine Moderation.
Aber es warten ein paar liebe Menschen auf mich – das kam überraschend.
Und dann stehe ich wieder vor der Kirche.
175 Kilometer.
Ich hatte nicht mit großen Emotionen gerechnet, aber im Ziel war da eigentlich fast nichts. Ich war halt da. Auf der Treppe sitzend, Pizza, Eistee. Das war’s.
Das ist mir bei solchen Aktionen aber schon des Öfteren so ergangen – irgendwie finde ich den Fakt interessant. Emotionen sind toll und man lässt sich anstecken – ohne die Emotionen des UTMB-Zielbogens hätte ich wohl selbst nicht Lust gehabt, die Runde zu laufen. Aber das Tolle ist: Wenn man das Ganze nicht so emotionalisiert, misst man dem Ganzen nicht eine höhere Bedeutung bei, als sie eigentlich hat.
Es muss nicht alles eine Grenzerfahrung sein. Es muss nicht alles lebensverändernd sein. Ich muss nicht nach 175 Kilometern mit einer großen Erkenntnis über mich selbst nach Hause gehen. Ich muss nicht plötzlich wissen, wer ich bin, was ich kann oder was ich im Leben verändern sollte. Manchmal ist es auch einfach nur ein Lauf.
Ich wollte diese Runde einfach laufen. Nicht für die Community, nicht für den UTMB, sondern für mich. Das Besondere waren die Momente unterwegs – im Ziel angekommen zu sein, hat immer eine traurige Note, weil das Wesentliche des Ganzen zu Ende ist: die Sache selbst.