Tschirgant Skyrun: 1.500 Höhenmeter zwischen Gratpassage und Freibad-Pommes

Unser Autor Adrian steht für Alles Laufbar meist hinter der Kamera und überlässt anderen die Rolle des Protagonisten. Für diesen Rennbericht tauschen wir die Perspektive: Adrian absolvierte beim Tschirgant Skyrun die TS26 über 26 Kilometer und knapp 2.000 Höhenmeter und berichtet von einem Rennen zwischen seilversicherten Gratpassagen und Freibad-Pommes im Ziel.

Wer rund um Imst unterwegs ist, kommt an ihm kaum vorbei. Der Tschirgant steht wie ein gewaltiger Riegel zwischen dem Inntal und dem Gurgltal und prägt die Silhouette der Region schon von Weitem. Von unten wirkt der Berg oft eher unscheinbar. Wer allerdings einmal auf seinen steilen Flanken unterwegs war, weiß: Der Tschirgant hat es in sich.

Genau deshalb eignet er sich perfekt für ein Skyrace.

Oben am Gipfel eröffnet sich ein beeindruckender Rundumblick auf die Tiroler Bergwelt. Nach hinten Richtung Osten zu schauen, traue ich mich allerdings nicht. Denn dort wartet das, worauf ich mich den ganzen Tag gefreut habe – und wovor ich gleichzeitig gehörigen Respekt habe: ein rasanter Downhill. Genau jener Abschnitt, für den ich mir in diesem Rennen einiges vorgenommen hatte.

Der Anstieg zuvor war extrem steil und zäh. Mir war bewusst, dass ich auf dem Abschnitt von der Karröster Alm bis zum Gipfel etwas Zeit liegen gelassen hatte. Meine Laune und der Genuss im seilversicherten Gelände wurden dadurch aber keineswegs getrübt – dafür macht dieser Abschnitt einfach viel zu viel Spaß.

Aber spulen wir erst einmal etwas zurück.

Der Tschirgant: Ein Berg mit Weitblicken und spektakulären Trails © Johannes Brunner

Beim Tschirgant war ich bereits zweimal zuvor am Start. Deshalb konnte ich eigentlich nur „Ja“ sagen, als Benni mich fragte, ob ich Lust auf das Skyrace hätte. Vor allem die unschlagbare After-Race-Kombination aus Freibad und Zielbereich sprach für sich.

Die Wochen zuvor waren allerdings gut gefüllt. Erst eine Woche vor dem Rennen stand noch das Hochkönig Skyrace auf dem Programm. Mit Blick auf mein Sommerprojekt war das zwar ein perfekter Trainingsreiz, aber Wettkämpfe bleiben Wettkämpfe: Sobald der Startschuss fällt, wird aus der Trainingseinheit ein Rennen.

So war es auch diesmal.

Um 7:30 Uhr ging es los. Davor noch gefrühstückt, kurz eingelaufen, mit Freunden und bekannten Gesichtern gequatscht – und plötzlich stand ich schon an der Startlinie.

Die ersten zwei bis drei Kilometer verlaufen relativ flach, teilweise sogar leicht bergab in Richtung des ersten Anstiegs. Das liegt mir. Ich fand schnell einen guten Rhythmus.

Nach den schnellen Asphaltkilometern folgen rund zehn Kilometer mit mehr als 1.500 Höhenmetern bergauf. Anfangs noch wellig und vergleichsweise moderat über einen schönen Mix aus Trails und Forstwegen bis nach Karrösten, bevor es dort richtig ernst wird.

Von da an bleibt es steil.

Autor Adrian Niski in neben und auf dem Tschirgant © privat und Johannes Brunner

Mittlerweile hatte ich eine Pace gefunden, die mich – so hoffte ich – kontrolliert bis zum Gipfelanstieg bringen würde. Mein Plan war klar: bergauf etwas zurückhalten und dafür bergab richtig laufen lassen. Vor allem deshalb, weil ich den ersten steilen Downhill ins Tal nicht kannte und dort möglichst frisch ankommen wollte.

An der zweiten Verpflegungsstation bei der Karröster Alm konnte ich die beiden Führenden, Daniele Roccon und Andreas Schindler, noch sehen. Gleichzeitig wurde das Gelände immer steiler. Und plötzlich kam völlig unerwartet David Wöhrer an mir vorbeigeflogen.

Es sah komplett mühelos aus, wie er die brutalen Rampen oberhalb der Alm hinauflief. In diesem Moment fühlte ich mich, als würde ich stehen. Wahrscheinlich noch die schweren Beine vom Hochkönig, redete ich mir ein.

Im weiteren Verlauf des Anstiegs holte David sogar noch die beiden Führenden ein und ging als Erster in den Downhill.

Ich selbst befand mich zu diesem Zeitpunkt noch im Gipfelaufschwung über die seilversicherte Passage. Dort traf man immer wieder auf Starter des T52, die vor uns gestartet waren.

Bergauf war das kein Problem. Im Gelände konnte man meist problemlos vorbeihuschen. Im Downhill sah das anders aus – das merkte ich sofort, als ich endlich in dem Abschnitt angekommen war, auf den ich mich den ganzen Tag gefreut hatte.

" Sobald ich im richtigen Mindset bin, existieren nur noch die Schritte direkt vor mir. Alles andere verschwimmt oder wird schlicht ausgeblendet. "

Adrian

© Johannes Brunner

Eigentlich bin ich ein sehr rücksichtsvoller Läufer. Ich warte lieber einmal zu viel, als mich irgendwo vorbeizudrängen. Diesmal machte ich mich aber schon von Weitem bemerkbar, um möglichst effizient an den Ultraläufern vorbeizukommen. Die Hoffnung, vielleicht doch noch zu den Athleten vor mir aufzuschließen, war einfach zu groß.

„Yes, endlich geht’s runter!“

Ich fühlte mich noch richtig stark, nahm zwei Schluck aus meiner Zuckermischung in der Softflask und stürzte mich in den ersten steilen Teil des Downhills.

Der war alles andere als einfach zu laufen – besonders, wenn man ihn noch nie zuvor gelaufen ist.

Später meinte ein Freund im Freibad zu mir:

„Ganz schön ausgesetzt und abschüssig an manchen Stellen.“

Davon hatte ich während des Rennens allerdings kaum etwas mitbekommen.

Sobald ich im richtigen Mindset bin, existieren nur noch die Schritte direkt vor mir. Alles andere verschwimmt oder wird schlicht ausgeblendet. Im Uphill funktioniert das mit dem Landschaftsschauen noch ganz gut. Im Downhill eines Skyraces sind Konzentration und Koordination dagegen auf einem völlig anderen Level gefragt.

Ich kam gut voran und hatte gleichzeitig das Gefühl, noch schneller laufen zu können. Irgendwie wollte ich das Risiko aber nicht eingehen.

„Easy, es sind noch über 1.200 Höhenmeter bergab.“

Auch ein langer Downhill kostet Kraft und muss genauso eingeteilt werden wie ein Uphill.

Das Gratabenteuer am Tschirgant © Johannes Brunner

Als ich schließlich die Forststraße erreichte, konnte ich die Handbremse komplett lösen. Von dort rollte ich beinahe im Leerlauf talwärts.

Und ich muss sagen: Auch das liebe ich.

Dieses ständige Wechseln der Untergründe und die Notwendigkeit, sich immer wieder neu auf die Bedingungen einzustellen. Besonders Spaß machten die Direttissimas, die immer wieder von der Forststraße auf den Trail und zurück führten.

Irgendwo nach einer dieser Direttissimas stand Anna und feuerte mich an. Sie rief mir einen Abstand zu, aber ich verstand kein Wort und drückte einfach weiter aufs Gas.

Bei einem kurzen Gegenanstieg hoffte ich noch einmal, einen Läufer vor mir zu sehen. Nichts.

Oft läuft man gegen Ende eines Rennens mit der Sorge, von hinten noch eingeholt zu werden. Ich dagegen orientierte mich die ganze Zeit nach vorne und hoffte, weil sich das Laufen so gut anfühlte, vielleicht doch noch jemanden einzusammeln.

Diese Hoffnung blieb bis zuletzt.

Erst als ich den letzten Trailabschnitt verließ und auf die Straße kam, wo noch rund 1,5 Kilometer und die letzten Höhenmeter bis ins Ziel warteten, fragte ich einen Streckenposten:

„Wie weit ist der Nächste vor mir weg?“

Seine Antwort:

„Ach, den kriegst du nicht mehr.“

Irgendwie wollte ich das nicht glauben.

Doch im langgezogenen Schlussanstieg sah ich keinen Läufer vor mir und wusste, dass da nichts mehr zu machen war. Also verwaltete ich meinen Blechmedaillenplatz bis ins Ziel. Zumindest an diesem Tag wurde meine Jagd nicht belohnt. Halb so wild. Podium hin oder her, mein verdientes After-Race-Programm lasse ich mir nicht nehmen.

Der traditionelle Supermarktbesuch und die anschließenden Freibad-Pommes zusammen mit Anna sind schließlich obligatorisch. Spätestens dann ist das verpasste Podium auch schon wieder vergessen.

Parallel zum Lauf fanden direkt neben dem Start-Ziel-Areal ein Kletterwettkampf und ein Schwimmwettkampf im Freibad statt. Was für ein Sportwochenende für die Region Imst.

Am Ende bleibt das Tschirgant Skyrace genau das, was es verspricht: ein forderndes, steiles und zugleich abwechslungsreiches Trailrace mit echtem Skyrunning-Charakter. Lange Anstiege, technische Passagen, weite Ausblicke sowie Grat- und Seilpassagen prägen die Strecke – ergänzt durch einen Downhill, der volle Konzentration verlangt.

Hinzu kommt die besondere Atmosphäre im Zielbereich: ein Freibad, parallel laufende Bewerbe und eine entspannte, familiäre Stimmung nach dem Rennen. Diese Kombination bildet einen reizvollen Kontrast zu den ganz großen Events, muss sich in puncto Organisation und Professionalität aber keineswegs verstecken.

die verdienten Freibad-Pommes

Vollzeitjob Supporter: Die unsichtbare Leistung hinter dem Zieleinlauf

Wächst der UTMB auf Kosten des Leistungssports?