Steinernes Meer. Anfang Juni. Über die Weißbachlscharte bin ich in diese einzigartige alpine Welt vorgedrungen. Eine verkarstete Hochfläche auf über 2000 Metern, durchzogen von Rissen und Spalten, Kalkgestein so weit das Auge reicht. So hatte ich es zumindest gehört. Als ich den kurzen, verblockten Downhill von der Scharte hinablaufe, sehe ich vor allem eines: Weiß. Mindestens 70 Prozent des Steinernen Meers sind noch von Altschnee bedeckt. Fiesem Altschnee. Nur in schattigen Bereichen ist er noch fest genug, um halbwegs vernünftig darauf laufen zu können.
Ich kämpfe mich voran. Es ist mühsam. Aber ist es nicht genau das, was ich am Trailrunning so liebe? Antizipieren, springen, abfedern, ausgleichen, die Balance halten. Kurz gesagt: die Laufbewegung ständig an das Gelände anzupassen. Der Schnee stellt diese Leidenschaft heute gehörig auf die Probe.
Kaum etwas ist tückischer als eine von der Sonne aufgeweichte und von unzähligen Fußspuren zerfurchte Altschneedecke. An manchen Stellen trägt sie dich. Vielleicht. An anderen sinkst du bis zur Hüfte ein. Was wann passiert, lässt sich kaum vorhersagen. Dazu kommt, dass das Gelände meist flach oder nur sanft ansteigend ist. Eigentlich ideal, um zügig im Laufschritt voranzukommen. Wäre da nicht der Untergrund.
Mehrmals sacke ich tiefer in den Schnee ein, als mir lieb ist. Dann passiert es. Vielleicht sinkt mein linker Fuß diesmal besonders tief ein. Jedenfalls verliere ich das Gleichgewicht und muss den Sturz mit beiden Händen abfangen, die tief in die weiche Schneedecke eintauchen. Mein rechter Daumen hat Pech. Er küsst einen der vielen spitzen Kalksteine, die sich unter dem Schnee verstecken.
Ein stechender Schmerz schießt mir in den Finger. Viel Aufmerksamkeit schenke ich ihm zunächst nicht und laufe weiter. Erst als das Gelände etwas einfacher wird, werfe ich einen genaueren Blick darauf.
Zwischen Fingernagel und Finger klafft eine deutliche Lücke. Aus ihr rinnt unablässig Blut.











