Die deutsche Meisterschaft im Ultratrail: Ein spannender Fight und ein gekipptes Rennen

Die Deutschen Meisterschaften im Ultratrail fanden dieses Jahr beim Mountainman in Nesselwang statt. Autor Benni Bublak war erneut selbst Teil des dieses Jahr äußerst starken Feldes und berichtet direkt aus dem Rennen – von zu frühen Schuhwechseln, einem plötzlich gekippten Rennerlebnis und einem packenden Meisterschaftskampf an der Spitze.

6 Uhr morgens in Nesselwang. Ich stehe am Start der Deutschen Meisterschaften im Ultratrail. Zweite Startreihe. Neben mir nur Raketen: Pierre, Hannes, Johannes, Macy, Toni und viele mehr. Das Who’s who der deutschen Trailrunning-Szene hat sich versammelt. So stark besetzt war eine deutsche Meisterschaft bis dato noch nie. Keine Selbstverständlichkeit in unserem Sport, in dem am selben Wochenende auch der Transvulcania und der Rennsteig stattfinden. Noch dazu – und so ehrlich muss man sein – unter dem Umstand, dass die Anziehungskraft dieser DLV-Meisterschaft für Eliteathleten fast ausschließlich aus intrinsischer Motivation entspringt, nicht aus externalen Faktoren. Preisgeld gibt es keines, mediale Berichterstattung wenig, und auch die Sponsorenunterstützung ist bei anderen Events mit Sicherheit größer. Umso schöner, dass sich an diesem Morgen trotzdem ein derart starkes Feld im Allgäu eingefunden hat.

Kurz vor dem Start © dirtbag

Alle Register der Ultratrail Klaviatur

Und ich? Ehrlicherweise sind die Tage vorbei, in denen ich mich als Elite-Läufer verstanden habe. Wäre mein Platz als Journalist nicht längst eher hinter der Bande oder am Streckenrand? Nein. Da ist offenbar noch irgendetwas in meinem Trailrunner-Dickschädel, das meint, sich auf diesem Niveau messen zu müssen. Dementsprechend gut vorbereitet gehe ich auch in das Rennen. Natürlich alles im Rahmen meiner Möglichkeiten, aber ich fühle mich gut. Das Training lief gut, die Form passt, der letzte Long Run vor zehn Tagen war sogar perfekt. Seit einigen Wochen stähle ich sogar im Fitnessstudio meine Beine mit schweren Gewichten. Und auch sonst ziehe ich alle Register der Ultratrail-Klaviatur: Koffein, Superschuhe, High Carb … Mein Mantra für dieses Rennen ist trotzdem klar: Ich will diese Leichtigkeit wiederfinden, die ich früher beim Ultratrailrunning gespürt habe. Mit frischen Beinen, guter Form und in bester Gesellschaft – mit dem Großteil des Spitzenfeldes verbindet mich tatsächlich irgendeine Geschichte oder gemeinsame Erinnerung – will ich besonders in der ersten Rennhälfte vor allem eines: Spaß haben.

Der Startschuss fällt. Wir preschen los. Schon nach wenigen hundert Metern ziehe ich die Stöcke aus dem Köcher. Es geht direkt in den ersten steilen Anstieg hinein. Das Tempo an der Spitze ist brutal. Vor zwei Jahren nahm ich zum ersten Mal an einer Deutschen Meisterschaft teil, damals beim Mountainman in Reit im Winkl. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Während dort lange eine große Spitzengruppe in vergleichsweise kontrolliertem Tempo zusammenblieb, wird heute vom ersten Meter an Druck gemacht. Ich ignoriere was vorne passiert komplett. Ich will mein eigenes Rennen laufen.

Schuhwechsel bei Kilometer 20

Das gelingt zunächst gut. Der Anstieg hoch zum Sportheim Böck ist steil. Die Treppen des Wasserfallwegs und die unzähligen Wurzeln des Wurzelsteigs machen den Uphill abwechslungsreich und kurzweilig. Den ersten von mehreren Forststraßen-Downhills laufe ich flott und mit guten Beinen hinunter. Dann überrascht uns ein Regenschauer und verwandelt den Wiesendownhill nach der Kappeler Alp in eine einzige Rutschpartie. Mir kommt das entgegen, ich kann einige Läufer einsammeln. Doch plötzlich – viel zu früh – kippt mein Rennen. Mir wird schwummrig im Kopf, die Beine verlieren jegliche Spannung. Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Vielleicht habe ich es vor dem Start mit dem Koffein übertrieben? Zur Wahrheit, die ich mir manchmal nur ungern eingestehe, gehört aber wohl auch, dass mein gesamtes System seit der wiederholten großen Thrombose vor vier Jahren an Robustheit eingebüßt hat.

Es passiert genau das, was ich um jeden Preis vermeiden wollte: Ich kippe vom Spaß am Ultratraillaufen in den Überlebensmodus. Und das schon nach gerade einmal eineinhalb Stunden Rennzeit. Mit wackeligen Beinen fühlen sich die Superschuhe plötzlich alles andere als gut an. Da das Thema Superschuhe bei mir schon immer ein Ritt auf der Rasierklinge war – entweder grandios oder kompletter Totalausfall –, habe ich meiner Familie, die mich großartig supportet, Ersatzschuhe mitgegeben. Also wechsle ich an VP2 nach nicht einmal 20 Kilometern die Schuhe. Auch das ist für mich ein komplettes Novum. Aber ich will kein Risiko eingehen und das Finish unbedingt absichern.

© dirtbag

Spannender Schlagabtausch an der Spitze

Während ich viel zu früh mit mir selbst kämpfe, entwickelt sich weiter vorne im Feld ein spannender Schlagabtausch, den ich zwar auch nur aus nachgelagerten Erzählungen mitbekomme, euch hier aber nicht vorenthalten möchte. Zur Überraschung vieler sind es zunächst nicht Hannes Namberger oder Pierre Emmanuel Alexandre, die das Tempo bestimmen, sondern Toni Seewald. Der Läufer aus Lenggries, der zwei Wochen zuvor den Ultratrail Fränkische Schweiz gewann, hat nach dem ersten steilen Anstieg bereits über eine Minute Vorsprung, an der ersten VP sogar zwei Minuten. Da setzt einer ein Ausrufezeichen. Erst auf dem langen, sehr laufbaren Abschnitt über den Breitenberg holen die Favoriten wieder auf.

Der Downhill vom Breitenberg ist eine elendig lange Forststraße, auf der man es richtig laufen lassen – aber natürlich auch seine Beine nachhaltig zerstören – kann. Pierre Emmanuel Alexandre hatte erst wenige Tage vor dem Start erfahren, dass sich das Starterfeld noch um einige namhafte Läufer erweitert hatte. Das motivierte ihn offenbar nur zusätzlich, seinen Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen. In eben jenem Forststraßen-Downhill geht der Wahl-Heidelberger voll auf Angriff. Er läuft einen absurden Fünf-Kilometer-Split von 15:29 Minuten und übernimmt die Führung. Hinter ihm formiert sich die Verfolgergruppe: Hannes Namberger und der erst 26-jährige Johannes Wingenfeld. Letzterer erzählt mir später, dass seine Taktik, sich zu Beginn zurückzuhalten und nur das nötigste Tempo mitzugehen, bis dahin perfekt aufgegangen sei. Nach gut 30 Kilometern verspürt er jedoch den Druck des enteilenden Pierre und versucht im kommenden Anstieg aktiv die Lücke zu schließen.

Hannes Namberger kann dieses Tempo nicht mehr mitgehen. Der Dynafit-Athlet spürt von Beginn an, dass die Vorbelastung aus den beiden Trail-Hunt-Wettkämpfen wenige Tage zuvor noch tief in seinen Beinen steckt. Er entscheidet sich, die restliche Saison – und vor allem seinen Start beim Lavaredo – nicht zu gefährden und nimmt Tempo heraus. Es wäre ein Leichtes gewesen, an dieser Stelle komplett auszusteigen. Doch das tut er nicht. Auch ein Hannes Namberger ist sich nicht zu schade, bei einer nationalen Meisterschaft auf Platz fünf ins Ziel zu laufen. Chapeau.

Pierre, Johannes, Macy: Das Meisterschafts-Podium im Anstieg zur Reuterwanne © dirtbag

Geteilte Kilometer

Ein halbwegs anständiges Finish ist inzwischen auch für mich das Einzige, was noch zählt. Die größte Herausforderung in solchen Momenten ist es, die Motivation hochzuhalten. Zumindest hoch genug, um sich weiter vernünftig fortzubewegen und zu verpflegen. Wenn das ursprüngliche Ziel – und damit auch Anspannung und Adrenalin – plötzlich wegbricht, ist das alles andere als einfach. Es hilft ungemein, sich in solchen Situationen ein neues Warum zu suchen. Meines schließt im Anstieg zum Edelsberg – ungefähr bei Marathondistanz – zu mir auf. Lisa Wimmer, die führende Frau, stapft mit flotten Schritten den steilen Berg hinauf. Ich hänge mich hinten rein. Stolz erzählt sie mir, dass sie bis dahin noch nicht gestürzt sei. Eine kleine Anspielung auf den finalen Downhill beim Mayrhofen Ultraks, bei dem Lisa in einem rasanten Zweikampf mit Nadja Fässler mehrfach spektakulär zu Boden ging – direkt vor meiner Kameralinse.

Die folgenden zwei Stunden laufen wir gemeinsam und wechseln immer wieder ein paar Worte. Manchmal gehe ich voraus, meist im Downhill, manchmal Lisa. Es ist mit Abstand der Abschnitt des Rennens, der mir am meisten Spaß macht. Vielleicht auch, weil das Gelände inzwischen deutlich anspruchsvoller wird. Eigentlich hatte ich vom Mountainman Nesselwang einen sehr laufbaren, eher untechnischen Kurs erwartet. Stattdessen werde ich immer wieder von wurzeligen, steilen Downhills überrascht. Besonders der Downhill von der Reuterwanne hat es brutal in sich. Lisa ist richtig stark unterwegs. Vor allem die steilen Uphills marschiert sie mit beeindruckender Power hinauf.

Lisa und Benni im Anstieg zur Reuterwanne © dirtbag

Die letzten Kilometer

Auf der Reuterwanne frage ich Adrian, der ein paar Fotos von uns macht, nach dem aktuellen Rennstand. Johannes Wingenfeld liegt inzwischen in Führung. Der Team-Schamel-Athlet hatte Pierre Emmanuel Alexandre im langen Anstieg zum Edelsberg eingeholt. Nach einigen gemeinsamen Kilometern konnte Johannes im Anstieg zur Reuterwanne schließlich die entscheidende Attacke setzen und sich vom Titelverteidiger lösen. Am Ende gewinnt Johannes Wingenfeld in 6:28:07 Stunden mit neun Minuten Vorsprung vor Pierre Emmanuel Alexandre. Der in Mittenwald stationierte Gebirgsjäger ist so schnell, dass der Veranstalter noch gar nicht mit ihm gerechnet hatte und den neuen Deutschen Meister im Strom der zahlreichen Finisher anderer Distanzen zunächst übersieht. Einen Umstand, den der junge Athlet ohne öffentliches Social-Media-Profil mit sympathischer Gelassenheit hinnimmt.

Die letzten flachen Kilometer vom Grüntensee zurück ins Ziel ziehen sich wie Kaugummi. Ich habe Lisa an der letzten VP ziehen lassen, um noch einmal die Schuhe zu wechseln. Im Nachhinein, eine wahnsinnig dumme Idee. Inzwischen wollen weder Magen noch Beine wirklich mitspielen. Kurz vor dem Ziel wartet noch ein letzter kleiner Anstieg auf einem Höhenweg direkt oberhalb des Zielbereichs. Von dort höre ich, wie der Moderator Lisa Wimmer euphorisch als neue Deutsche Meisterin im Ziel empfängt – nach einer phantastischen Zeit von 7:32:02 Stunden. Kurz darauf erreiche auch ich endlich das Ziel. Vor allem froh darüber, trotz aller Probleme die Moral nicht verloren und das Rennen sauber zu Ende gebracht zu haben.

Hinter Lisa entwickelt sich mit deutlichem Abstand ein harter Kampf um Platz zwei. Nur wenige Sekunden trennen am Ende Sophia Reuß, Evi Gudelius und Miria Meinheit auf den Plätzen zwei, drei und vier. Bei den Männern läuft Marcel Höche ein starkes Rennen, macht in der zweiten Rennhälfte noch einige Plätze gut und finisht auf Rang drei.

Im Ziel des Mountainman Nesselwang: Zweitplatzierter Pierre, Siegerin Lisa und Autor Benni © dirtbag

Und nächstes Jahr?

Bei der Siegerehrung am Abend darf ich dann doch noch aufs Podest und mir DLV-Edelmetall umhängen lassen. Nachdem bei den Gesamtsiegern standesgemäß die Nationalhymne erklang und zahlreiche Altersklassen geehrt wurden, werden auch die Mannschaftswertungen aufgerufen. Mit Johannes Wingenfeld im Team konnten Stefan Meyer und ich uns etwas mehr Zeit lassen, um den Mannschaftstitel für den Ultratrailrunning Erlangen e.V. einzufahren.

Nach dem Rennen genieße ich die Zeit mit vielen bekannten und vertrauten Gesichtern aus der deutschen Trailrunning-Szene. Ich mag diese Gespräche, diesen Austausch, dieses gemeinsame Nerdtum. Für unsere Arbeit mit Alles Laufbar bekomme ich an diesem Tag deutlich mehr Zuspruch als für meine sportliche Leistung. Aber das ist okay. Ja sogar absolut Folgerichtig.

Ist mein Platz also zukünftig doch eher am Streckenrand – journalistisch beobachtend statt mittendrin? Nö. Das Spiel des „Teile zusammensetzens“, dieses Ultratrail-Puzzle-Lösen, wie Courtney Dauwalter es einmal beschrieben hat, macht mir selbst einfach viel zu viel Spaß, um es nur von außen zu begleiten. Vielleicht sollte ich mich künftig aber wieder stärker darauf konzentrieren, die seit Jahren bekannten und offensichtlichen Puzzleteile richtig zusammenzusetzen, statt ständig nach neuen zu suchen. Es muss ja nicht unbedingt bei einer Deutschen Meisterschaft sein. Oder vielleicht doch?

Die nächste findet jedenfalls – wie am Ende der Siegerehrung verkündet wurde – beim O-See-Ultratrail im Oktober 2027 statt. Die etwas abgelegene Lage und der Termin kurz vor der Weltmeisterschaft in Cape Town werden vermutlich ein deutlich schwächeres Feld anziehen als in diesem Jahr. Schade eigentlich. Vielleicht aber auch meine Chance?

In meinem Hinterkopf flimmern jedenfalls schon wieder verschwommene Bilder davon auf, wie ich über die Mittelgebirgstrails des Zittauer Gebirges Richtung Podium stürme. Und das, obwohl die von 4000 Höhenmetern zerstörten Beine noch immer brennen, während ich diese Zeilen in die Tasten haue.

Puzzlen hin oder her. Irgendetwas stimmt doch nicht mit mir.

Top Ten Deutsche Meisterschaft (Frauen)
PlatzNameZeit
1Lisa Wimmer7:32:02
2Sophia Reuß8:02:17
3Evi Gudelius8:02:43
4Miria Meinheit8:02:57
5Pia von Keutz8:20:41
6Stefanie Scherer8:42:18
7Sabine Wurmsam8:47:33
8Susi Reichert9:22:07
9Anna Jansen9:31:00
10Sarah Mexner9:38:17
Top Ten Deutsche Meisterschaft (Männer)
PlatzNameZeit
1Johannes Wingenfeld6:28:08
2Pierre Emmanuel Alexandre6:37:06
3Marcel Höche6:46:09
4Toni Seewald6:51:33
5Hannes Namberger7:06:54
6Matthias Reichart7:13:36
7Fabian Paradies7:14:55
8Leon Kriesmair7:15:09
9Johann Obermüller7:15:42
10Martin Gsödl7:16:21

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