Altersklassen im Trailrunning: Zwischen Fairness und Pragmatismus

Altersklassen bei Trailrunning-Veranstaltungen ist ein komplexeres Thema als man auf den ersten Blick vermuten würde. Eine Analyse und eigene Meinung zwischen den bekannten Diskurspunkten lange Siegerehrungen, große Altersklassenintervalle und dünner werdende Starterfelder liefert unsere 60-jährige Autorin Sabine Heiland.

Mir sind nicht viele Siegerehrungen nach Trailrunning-Veranstaltungen im Gedächtnis geblieben. Oft sind sie mir zu lang, zu laut, zu unpersönlich. Aber an eine Siegerehrung erinnere ich mich bis heute.

Eiger Ultra Trail 2017. Siegerehrung für den E101. Kategorie Damen Seniors III – also Läuferinnen jenseits der 60. Ganz oben auf dem Podest steht eine 63-jährige Läuferin. Allein.

Als ich ihr gratuliere, sagt sie fast entschuldigend: „Eigentlich bin ich ja allein gelaufen.“ Eine zweite Läuferin sei zwar gemeldet gewesen, aber nicht angetreten.

Für mich ist jedoch völlig klar: Diese Siegerehrung ist verdient. Wer 101 Kilometer im alpinen Gelände läuft und den Cutoff souverän unterbietet, hat etwas geleistet – unabhängig davon, wie viele andere in derselben Altersklasse gestartet sind.

Diese Szene ist mir im Kopf geblieben, weil sie eine Frage aufwirft, die im Ausdauersport und speziell im Trail- und Ultrarunning erstaunlich selten offen diskutiert wird: Wie gehen wir eigentlich mit Alter, Leistung und Respekt im Wettkampf um?

Altersklassen – eine Wissenschaft für sich

Wer regelmäßig an Trailrunning-Events teilnimmt und der sogenannten Hauptklasse (23–34 Jahre) entwachsen ist, mag die Routine kennen: Nach dem Zieleinlauf folgt der Blick auf die Ergebnisliste – zuerst mal wird aber gefiltert nach der eigenen Altersklasse.

Doch wie sehr werden diese Kategorien der tatsächlichen Leistungsveränderung im Alter gerecht? Und wie fair sind sie wirklich?

In der Leichtathletik und bei einigen großen Trailrunning-Veranstaltungen werden jenseits der Hauptklasse die Alterskategorien in Fünf-Jahres-Schritten eingeteilt. Viele andere Trailrunning-Veranstaltungen arbeiten jedoch mit größeren Altersklassen: Master (40-49), Senior Master (50-59) und Grand Master (60+). Die zugrunde liegende Idee ist nachvollziehbar: Altersklassen sollen ausreichend besetzt sein, um überhaupt Wertungen zu ermöglichen.

Was praktikabel klingt, birgt jedoch ein fundamentales Gerechtigkeitsproblem. Studien zeigen, dass selbst innerhalb von Fünf-Jahres-Klassen deutliche Leistungsunterschiede bestehen – insbesondere in höherem Alter. Ein 50-Jähriger hat gegenüber einem 54-Jährigen messbare physiologische Vorteile. In Zehn-Jahres-Klassen verstärkt sich dieser Effekt weiter.

Die Folge ist systematisch: Jüngere Athletinnen und Athleten dominieren die Podestplätze, während ältere strukturell benachteiligt sind. Nicht mangelndes Training trennt sie vom Erfolg, sondern die Biologie.

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Die wissenschaftliche Lösung: Adaptive Altersklassen

Aus sportwissenschaftlicher Sicht wirkt die Lösung zunächst naheliegend: Altersklassen müssten sich an der biologischen Realität orientieren. Je stärker die Leistungsfähigkeit mit dem Alter abnimmt, desto feiner sollten die Intervalle werden. Gerade ab etwa 60 Jahren könnten kleinere Klassen für deutlich mehr Chancengleichheit sorgen.

Im Ansatz folgen die gängigen Altersklassensysteme dieser Logik sogar. Die Hauptklasse ist bewusst breit gefasst – meist von 23 bis 34 Jahren, im Trailrunning häufig sogar bis 39. Das ist plausibel, denn in diesem Lebensabschnitt verändert sich die Leistungsfähigkeit kaum – insbesondere auf längeren Distanzen.

Problematisch wird es dort, wo diese Logik nicht weitergedacht wird. Während der biologische Einfluss des Alters zunimmt, bleiben die Altersklassen konstant groß. Was organisatorisch einfach ist, wird sportlich zunehmend fragwürdig.

Das Dilemma der hohen Altersklassen

Würde man die biologische Logik konsequent in das Design der Altersklassen anwenden, entstünden jedoch schnell praktische Probleme. Denn Alter wirkt nicht nur leistungsbegrenzend, sondern auch selektiv: Mit jedem Lebensjahrzehnt stehen weniger Läuferinnen und Läufer am Start – und noch weniger erreichen das Ziel.

Die Zahlen sind eindeutig. Laut ITRA-Statistiken sind lediglich 6,3 % aller Aktiven älter als 60 Jahre, bei Frauen sogar nur 4,1 %. Entsprechend dünn besetzt sind die höheren Altersklassen vieler Veranstaltungen.

Damit stellt sich eine unbequeme, aber legitime Frage: Finden hier noch klassische Wettkämpfe um Platzierungen statt – oder geht es in den höchsten Altersklassen zunehmend darum, überhaupt noch anzutreten und ins Ziel zu kommen?

Der Elefant im Raum: Die Siegerehrung

Wer schon einmal bei einem Volkslauf mit ausführlichen Altersklassen-Ehrungen war, kennt das Phänomen: Die Siegerehrung dauert mitunter länger als manche Läufer für ihre Strecke gebraucht haben. Das ist nicht nur eine Geduldsprobe für alle Beteiligten, sondern führt zunehmend dazu, dass Veranstalter Altersklassen zusammenlegen – insbesondere dann, wenn Mindestteilnehmerzahlen nicht erreicht werden. Ausgerechnet dort, wo die Leistungsunterschiede am größten sind, wird das Raster damit weiter vergröbert. Das ist kein neutraler Organisationsakt, sondern eine sportpolitische Entscheidung.

Dabei gäbe es Alternativen. Nicht jede Altersklasse muss einzeln auf das Podest. Gemeinsame Ehrungen, klar strukturierte Ergebnislisten oder digitale Würdigungen über Event-Plattformen können Leistungen sichtbar machen, ohne Abläufe unnötig zu verlängern. Effizienz in der Präsentation und Respekt vor der Leistung schließen sich nicht aus.

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Respekt vor der Leistung – in jedem Alter

Sport soll uns fürs Leben etwas lehren, heißt es oft. Im Laufsport liegt diese Lehre nicht nur im Umgang mit der körperlichen und mentalen Belastung, sondern auch im Umgang miteinander. Leistung ist hier selten eine Momentaufnahme, sondern fast immer das Ergebnis einer langen Entwicklung.

Gerade im Ausdauersport gilt häufig: Das wichtigste Ziel ist, überhaupt gesund und unverletzt an der Startlinie zu stehen. Für ältere Athletinnen und Athleten bedeutet das, nicht nur gegen Strecke und Uhr anzutreten, sondern auch gegen biologische Realitäten. Ihre Leistung bemisst sich daher nicht allein an Platzierungen, sondern an der Gesamtheit dessen, was nötig war, um ins Ziel zu kommen.

In einer Zeit, in der Respektlosigkeit – auch gegenüber dem Alter – zunehmend salonfähig erscheint, könnte der Laufsport ein Gegengewicht bilden. Nicht durch längere Siegerehrungen oder symbolische Gesten, sondern durch klare, faire und zeitgemäße Strukturen.

Für die Altersklassenwertung bedeutet das aus meiner Sicht: kleinere Intervalle statt grober Zusammenlegungen. Fünfjährige Altersklassen tragen den biologischen Gegebenheiten deutlich besser Rechnung als Zehn-Jahres-Blöcke – gerade dort, wo die Leistungsunterschiede mit jedem Jahr größer werden. Kleine Teilnehmerfelder sind dabei kein Argument gegen Differenzierung, sondern Ausdruck der Realität dieses Sports.

Die Debatte um Altersklassen im Trailrunning ist damit mehr als eine organisatorische Detailfrage. Sie berührt grundlegende Werte: Fairness, Respekt und Pragmatismus. Vielleicht liegt die Antwort nicht in der perfekten Systematik, sondern in einer Haltung, die Altersleistungen bewusster würdigt – und versteht, dass ein Finish mit 70 Jahren unter Umständen mehr aussagt als so mancher Altersklassensieg.

Der Trail lehrt uns Respekt: vor der Natur, dem Wetter, dem eigenen Körper. Es wäre nur konsequent, diesen Respekt auch im Umgang mit älteren Athletinnen und Athleten zu zeigen.

Zu alt für den Trail?