Western States-Preview: Beste Bedingungen für Streckenrekorde?

It’s Western Time! Am Wochenende findet der legendäre Western States 100 statt. Wie immer sind die Startfelder mit hochkarätigen Namen besetzt. Wer die besten Chancen hat, lest ihr in unserer Vorschau.

Redaktionelle Mitarbeit von Saskia Maul

Nächstes Wochenende ist es soweit: it’s Western Time! Das Wochenende des Western States Endurance Run (WSER), des traditionsreichsten 100‑Meilen‑Laufs der Welt, ist etwas ganz Besonderes. „States‑mas“, wie ihn manche nennen, ist ein Feiertag wie Weihnachten. Beim kalifornischen 100‑Meilen‑Lauf von Olympic Valley nach Auburn versammeln sich einige der besten Athlet*innen, um die begehrte Cougar‑Trophäe (ein Abbild eines in der Region lebenden Berglöwen) zu gewinnen. Auch dieses Jahr ist die Startliste gespickt mit zahlreichen großen und vielversprechenden Namen.

Der Start des WSER (5 Uhr Ortszeit). Foto: UTMB

Die Bedingungen sprechen für schnelle Zeiten

Bevor wir euch die Favoritinnen und Favoriten vorstellen, blicken wir auf die Temperatur-Vorhersage. Denn beim WSER laufen die Teilnehmenden nicht nur gegen die Konkurrenz oder gegen die Uhr, nein, auch die typischerweise zu dieser Jahreszeit vorhandene Hitze ist ein großer Faktor. Hitzetraining, Hitzeadaption, Hitzemanagement – all das sind Themen mit denen sich ein Athlet auseinandersetzen sollte, möchte er das Ziel auf der Tartanbahn der Placer High School in Auburn erreichen. Soviel steht jetzt, am Mittwoch vor dem Rennen, schon fest: ein Hitzejahr wird es nicht. Im Gegenteil, es werden ungewöhnlich niedrige Temperaturen erwartet.

Für Auburn ist eine Tageshöchsttemperatur von 25°C angekündigt. In den berühmt-berüchtigten Canyons, in denen sich die Hitze staut, wird es dennoch über 30°C heiß werden, aber die durchschnittliche Temperatur auf die ganze Strecke gesehen wird dieses Jahr unterm Western States-Schnitt liegen. Ein Vorteil für die Europäer/innen? Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass „nicht über die Maßen heiß“ immer noch „heiß“ bedeutet und der Umgang mit den Temperaturen auch dieses Jahr ein großer Faktor sein wird, aber eben nicht der größte. Es scheint als würde die Fitness und Schnelligkeit dieses Jahr das Rennen mehr entscheiden, als die Cooling-Strategie auf der Strecke.

Welche Folgen haben die guten Bedingungen für die Zielzeiten? Es gibt Experten, die sehr schnelle Zeiten prognostizieren. Die aktuellen Streckenrekorde halten Courtney Dauwalter (15:29, 2023) und Jim Walmsley (14:09, 2019). Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese dieses Jahr wackeln könnten. Ob es Athlet*innen gibt, die explizit dieses Ziel verfolgen und ihre Zwischenzeiten dafür ausgelegt haben, ist uns nicht bekannt. Es dürfte also nicht überraschen, wenn das Rennen entsprechend schnell beginnt.

Emily Hawgood wird mit kalten Wasser gekühlt. Sie ist dieses Jahr wieder am Start. Foto: UTMB

Das Frauenfeld

Das diesjährige Frauenfeld ist absolut hochkarätig besetzt. 9 der 10 Top-Ten-Finisherinnen aus dem Jahr 2025 treten erneut an. Die Titelverteidigern ist erneut am Start. Mit Courtney Dauwalter und Katie Schide fehlen zwei bekannte Namen, die das Rennen in den letzten Jahren entscheidend mitgeprägt haben. Aber konzentrieren wir uns im folgenden auf die Frauen, die an der Startlinie stehen werden.

  • Unter ihnen ist die Siegerin aus dem letzten Jahr, Abby Hall, die versuchen wird, ihren Erfolg zu wiederholen. Das ist zuletzt Ellie Greenwood 2011/2012 gelungen. Halls Zielzeit von 16:37 Stunden ist die viertschnellste aller Zeiten. In Interviews vor dem Rennen hat Abby Hall gesagt, dass sie glaubt, besonders im letzten Drittel des Rennens noch schneller laufen zu können, wenn es nötig ist. Sie habe ihren Vorsprung letztes Jahr strategisch verteidigt, ohne unnötige Risiken einzugehen. Mit Abby Hall ist ganz sicher zu rechnen. Sie weiß, was es braucht, um dieses Rennen zu gewinnen. Ihre Trainingsumfänge waren dieses Jahr besonders hoch: Die Terrex‑Athletin lief teilweise 150 Meilen (241 km) pro Woche in der Vorbereitung. Wird ihr jemand gefährlich werden können?

  • Glaubt man den amerikanischen Trail‑Podcasts, dann wird Jennifer Lichter eine große Rolle spielen. Lichter hat mit einem beeindruckenden Streckenrekord beim Black Canyon Ultra im Februar ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Als aktuell beste amerikanische Ultraläuferin wurde sie daraufhin von manchen bezeichnet. Wir sind gespannt. Gegen sie spricht höchstens ihre Unerfahrenheit auf den ganz langen Strecken: Der Black Canyon war Lichters 100‑km‑Debüt. Auf 100 Meilen ist sie dementsprechend völlig unerfahren. Das muss nichts heißen; es gab in der Vergangenheit 100‑Meilen‑Debütantinnen und ‑Debütanten, die den WSER gewinnen konnten (z. B. Adam Petermann 2022 oder Magdalena Boulet 2015), aber wir wollten es hier nicht unerwähnt lassen.

  • Eine weitere interessante 100 Meilen-Debütantin ist Molly Seidel. Seidel gewann im Olympischen Marathon 2020 eine Bronzemedaille für die USA. Anfang dieses Jahres lief sie ihre ersten Trailrennen (u. a. Platz 4 beim Black Canyon 100k). In Interviews hat sie gesagt, dass sie ihr Bestes geben wird, dieses Jahr aber primär Erfahrung sammeln möchte. Stapelt sie tief, um dann bei moderaten Temperaturen im sehr laufbaren Schlussteil ihre Straßenlauf‑Speed auszupacken?

  • Fu‑Zhao Xiang wurde 2024 und 2025 jeweils Zweite. Die Vorbereitung lief offenbar gut: Die Chinesin gewann im März den Buffalo Stampede 100k in Australien. Anfang Juni absolvierte sie einen langen Trainingslauf im Grand Canyon (den Klassiker „Rim‑to‑Rim‑to‑Rim“). Ob sie es erneut aufs Podium schafft? Übrigens mit von der Partie im Grand Canyon war Marianne Hogan, die ebenfalls am Start steht. Die US‑Amerikanerin wurde 2025 Dritte; 2024 war sie Dritte beim UTMB. Ein Sieg bei einem ganz großen Ultra fehlt ihr noch – das wird sie dieses Jahr ändern wollen.

  • Etwas gutmachen will Tara Dower. Sie musste letztes Jahr das Rennen wegen eines Infekts dramatisch beenden: Sie stand bereits angeschlagen am Start, versuchte es dennoch und musste dann der körperlichen Schwäche Tribut zollen. Im Herbst zeigte sie beim Javelina Jundred, dass sie schnelle 100 Meilen laufen kann, indem sie dort den Streckenrekord unterbot. Tara Dower ist ein Phänomen. Wenn sie läuft, kann man sicher sein, dass sie über 100 % hinausgehen wird. Dieses Jahr darf allerdings ein Fragezeichen hinter ihrem Namen stehen, denn Dower wird bereits zwei Wochen nach dem WSER den Hardrock 100 laufen. Selten lagen die beiden Rennen so nah beieinander. Ein Double, das aufgrund der unterschiedlichen Strecken extrem herausfordernd sein wird. Wird Tara Dower beim WSER den Hardrock im Hinterkopf haben und sich deshalb nicht (wie sonst) komplett verausgaben?

  • Blicken wir auf die Europäerinnen. Da hätten wir natürlich die Deutsche Lotti Brinks, die von manchen amerikanischen Experten (wie dem Singletrack‑Podcast) als Kandidatin für die Top 3 gehandelt wird. Lotti ist in bestechender Form. Im April gewann sie den Gorge Waterfalls 100k in Streckenrekordzeit. Für sie spricht, dass sie den Western States 2024 bereits gelaufen ist (damals Platz 14). Vor zwei Jahren hat sie die letzten 20 Meilen ins Ziel gewandert/getrabt. Wenn sie dieses Mal bis zur Ziellinie durchzieht – und davon ist sie überzeugt – wird eine sehr gute Zeit rausspringen. Sie läuft, um zu gewinnen, hat sie im Freetrail-Podcast zu Dylan Bowman gesagt. Es ist ihr erster 100 Meiler.

  • Die Britin Fiona Pascall (die jüngere Schwester der Western‑States‑Siegerin 2021, Beth Pascall) wurde letztes Jahr Fünfte. Sie hat dieses Jahr schon drei Siege eingefahren (u. a. Lake Sonoma 100k) und dürfte von den niedrigeren Temperaturen besonders profitieren.

  • Die CCC‑Siegerin 2025 Martyna Młynarczyk aus Polen ist ebenfalls am Start. Młynarczyk hatte letztes Jahr ein DNF beim WSER und hat dementsprechend noch eine Rechnung offen. Leider plagten sie seit ihrem CCC Verletzungen. Sie scheint jedoch wieder fit und gesund zu sein, denn sie konnte dieses Jahr bereits den Trail Alsace 50k gewinnen. Wer den mutmaßlich kompetitivsten 100‑km‑Wettbewerb der Welt, die CCC, gewinnen kann, ist auf allen Ultratrails der Welt automatisch Mitfavorit*in.

  • Ähnliches gilt für die Norwegerin Yngvild Kaspersen. Ihr Sieg bei der CCC liegt drei Jahre zurück. Die 31‑jährige, als Medizinerin arbeitende Kaspersen konnte bereits Western‑States‑Erfahrung sammeln (2024 wurde sie Fünfte). Dieses Jahr belegte sie beim Chianti Ultra 120k Platz 2, keine zwei Minuten hinter Courtney Dauwalter.

  • Weitere Läuferinnen, die ganz weit nach vorne laufen können: Hậu Hà, Hannah Allgood, Caitlin Fielder, Emily Hawgood, Riley Brady.

Jim Walmsley, "Mr. Western States", ist dieses Jahr dabei und ist der Top-Favorit. Hier ein Foto aus dem Jahr seines letzten WSER-Sieges 2024. Foto: Hoka

Das Männerfeld

Der aktuelle Streckenrekord bei den Männern liegt bei 14:09 Stunden, aufgestellt von Jim Walmsley im Jahr 2019. Dass es eines von Jims Lebenszielen ist, die Strecke einmal in unter 14 Stunden zu laufen, hat er bereits mehrfach verkündet. In diesem Jahr stehen die Chancen dank der kühlen Temperaturen ausgesprochen gut. Ein Professor der Stanford University hat in seinem Modell sogar eine Siegerzeit von 13:42 Stunden vorausgesagt. Ein Wahnsinn! Im Gegensatz zu den Frauen kehren nur sechs der letztjährigen Top-Ten-Finisher in diesem Jahr an die Startlinie des Western States zurück. Der Vorjahressieger Caleb Olson wird nicht laufen, genauso wenig wie der Zweitplatzierte des vergangenen Jahres, Chris Myers.

  • Dafür wird Kilian Jornet an der Startlinie stehen. Letztes Jahr hatte der Katalane eine perfekte Vorbereitung, aber am Ende kein perfektes Rennen. Trotz einiger Probleme reichte es für den Ausnahmeläufer am Ende für einen Podestplatz. In diesem Jahr wird sein Handicap allerdings deutlich größer sein. Vor sechs Wochen lief der zehnmalige Zegama-Sieger bei eben jenem Rennen nur auf Rang 44. Eine Knieverletzung bremste ihn aus. Auch in den darauffolgenden Wochen zwang ihn diese Verletzung zu einer Laufpause. Aber Kilian wäre nicht Kilian, wenn er dies nicht lediglich als zusätzliche Herausforderung auf dem Weg zum Western States verstehen würde. So wird der Western-States-Sieger von 2011 mit nur zwei Wochen Lauftraining an der Startlinie stehen. Für Normalsterbliche wäre es unter diesen Voraussetzungen ein schier unmögliches Unterfangen, eine Top-Platzierung zu erlaufen. Aber wenn es einer schaffen kann, dann wahrscheinlich Kilian.

  • Der absolute Top-Favorit auf den Sieg kann nur Jim Walmsley sein. Doch auch hinter der Fitness des viermaligen Western-States-Siegers stehen einige Fragezeichen. Nach seinen Siegen beim OCC und bei der Weltmeisterschaft in Canfranc im vergangenen Jahr hatte auch er mit einer Knieverletzung zu kämpfen. In diesem Jahr ist er bislang noch kein einziges Rennen gelaufen. Den Startplatz erhielt der Hoka-Athlet über einen ungewöhnlichen Weg: Kein Golden Ticket und keine Top-Ten-Platzierung aus dem Vorjahr, sondern eine Wildcard über den Hauptsponsor des Rennens, Hoka, sicherten ihm den Startplatz. Wie fit und gesund Walmsley im Olympic Valley an der Startlinie stehen wird, ist die wahrscheinlich spannendste Unbekannte der diesjährigen Austragung.

  • Adam Peterman ist neben Kilian und Jim der dritte ehemalige Western-States-Sieger im Feld. Er gewann das Rennen 2022. Im vergangenen Jahr hatte er einen harten Tag und wanderte auf Platz 49 ins Ziel. In diesem Jahr scheint er allerdings in Topform zu sein. Im April gewann er den stark besetzten Canyons 100K, der zu großen Teilen auf den Trails des Western States verläuft.

  • Francesco Puppi gibt beim Western States sein Debüt über die 100-Meilen-Distanz. Der Italiener hatte ein herausragendes Jahr 2025 mit Siegen beim Canyons 100K und CCC. In diesem Jahr lief es bislang noch nicht ganz so rund. Beim Black Canyon im Februar musste er nach einem Sturz aussteigen. Kurz darauf brach er sich bei einem Trainingslauf das Handgelenk. Seine jüngsten Strava-Daten weisen jedoch darauf hin, dass er in den vergangenen Wochen sehr gut und sehr viel trainieren konnte – wenn auch mit zahlreichen Radkilometern. Puppi ist ein schneller und intelligenter Läufer, dem trotz fehlender Western-States- und 100-Meilen-Erfahrung alles zuzutrauen ist.

  • Hans „The Kid“ Troyer ist der jüngste Athlet im Favoritenfeld. Im vergangenen Jahr lief er auf Rang acht, nachdem er eine für ihn schwierige zweite Rennhälfte erlebt hatte. Für Aufsehen sorgte er bereits in diesem Jahr: Beim Black Canyon 100K im Februar stellte er einen neuen Streckenrekord auf. Mit der Erfahrung aus dem vergangenen Jahr ist zu erwarten, dass er diese Leistung noch einmal deutlich steigern kann. Ob es für den Hoka-Athleten sogar für das Podium reicht?

  • Es ist fast nicht zu glauben, aber Zach Miller wird in diesem Jahr seinen allerersten Western States 100 laufen. Der erfahrene Athlet bevorzugte im vergangenen Jahrzehnt eher höhenmeterreiche Rennen wie den Hardrock 100 oder den UTMB. In den vergangenen zwei Jahren bestritt er nach einer langwierigen Verletzung nur sporadisch Wettkämpfe. Im vergangenen Jahr wurde er Fünfter beim Hardrock und belegte Rang 18 bei der Trailrunning-Weltmeisterschaft. Viele würden den Publikumsliebling mit seinem beherzten und emotionsgetriebenen Rennstil gerne wieder ganz weit vorne sehen. Ob das bei diesem stark besetzten Rennen und ohne entsprechende Western-States-Erfahrung möglich ist, bleibt allerdings fraglich.

  • Hayden Hawks lief beim Western States bereits zweimal aufs Podium. 2022 wurde er Zweiter, 2024 Dritter. Beim diesjährigen Canyons 100K im April belegte er hinter Adam Peterman und Zach Miller Rang drei. Ein Sieg beim Western States fehlt dem erfahrenen Hoka-Athleten zwar noch in seiner beeindruckenden Vita, wäre in diesem Jahr aber dennoch eine Überraschung.

  • Weitere starke US-Athleten aus den Top Ten des vergangenen Jahres sind Daniel Jones, Ryan Montgomery und Jeff Mogavero – allesamt mit Chancen auf absolute Top-Platzierungen, wenn nicht sogar auf den Sieg.

  • Aus Europa hoffen neben Jornet und Puppi vor allem zwei Athleten auf eine Spitzenplatzierung: der UTMB-Sieger 2024 Vincent Bouillard und der Franzose Thomas Cardin.

  • Weitere Favoriten sind Hiroki Kai, Anthony Costales, Will Murray, Tracen Knopp, Jeshurun Small und Canyon Woodward.

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