Schnee-Chaos beim Transylvania: Der schmale Grat zwischen Sicherheitserwartungen und Eigenverantwortung

Schnee, Eis, Nebel und Wind haben am vergangenen Wochenende auf manchen Passagen des Transylvania 100 zu chaotischen Zuständen geführt. Die lokale Bergwacht musste mindestens 15 Rettungsaktionen durchführen. Hat der Veranstalter die Sicherheit der Trailrunner aufs Spiel gesetzt, oder hätten sich die Teilnehmenden besser darauf einstellen können? Die Debatte um Eigenverantwortung im Trailrunning ist neu entfacht.

Trailrunner in leichter Laufbekleidung stehen im dichten Nebel auf einem verschneiten Berg und versuchen, sich im heftigen Wind eine dünne Jacke überzuziehen. Weitere Trailrunner versuchen vorsichtig, ein abschüssiges Schneefeld zu queren. Jemand rutscht aus und schlittert ein paar Meter hinab. Die Szenen vom diesjährigen Transylvania 100, das vergangenes Wochenende stattfand, verbreiteten sich schnell in den sozialen Medien. Erste Berichte von Rettungseinsätzen und Verletzten kursieren. Es dauert nicht lange, bis weitere Anschuldigungen aufkommen: Der Veranstalter habe, entgegen dem Rat der örtlichen Bergrettung „Salvamont Brașov“, das Rennen nicht verschoben oder die Route angepasst und die Teilnehmer nicht ausreichend über die zu erwartenden widrigen Streckenverhältnisse informiert.

Im Nachgang des Rennens ist eine grundsätzliche Debatte darüber entfacht, wie hoch das Maß an Eigenverantwortung eines Einzelnen bei der Teilnahme an einem Trailrunning-Event zu sein hat.

Der Augenzeuge Costel Rotaru, selbst Ultraläufer, schreibt auf Instagram: „Ich bin zu wütend über alles, was ich heute gesehen habe. Ich habe selten einen so großen Mangel an Professionalität in Bezug auf die Sicherheit der Teilnehmer gesehen. Es ist schwer zu beschreiben, was es bedeutet, Menschen aus Schluchten um Hilfe rufen zu hören und sie vor den eigenen Augen abrutschen zu sehen, ohne zu wissen, ob sie noch zum Stillstand kommen oder nicht.“ Jemand antwortet: „Wer nicht die Verantwortung übernehmen will, sollte zu Hause bleiben. Niemand zwingt dich teilzunehmen.“

Im Kern geht es um eine Frage, die regelmäßig nach Zwischenfällen bei Trailrennen aufkommt: Bis zu welchem Punkt liegt es in der Verantwortung eines Rennveranstalters, für die Sicherheit der Teilnehmenden zu sorgen? Wir wollen dieser Frage am Beispiel des Transylvania 100 nachgehen.

Screenshots von Instagram-Stories vom diesjährigen Transylvania 100

Das Fallbeispiel Transylvania 100

Kommen wir zunächst zu den Fakten: Der Transylvania 100 findet seit 2014 in den rumänischen Karpaten statt. Die fünf verschiedenen Strecken zwischen 20 und 100 Kilometern gelten in der Szene als technisch anspruchsvoll, besonders die Ultradistanzen. Auf der Website des Wettkampfs werden die 80er- und 100er-Strecke als „sehr schwieriger Ultramarathon“ kategorisiert. Ein Blick ins Höhenprofil verrät: Auf den längsten drei Strecken müssen in den ersten 17 km satte 2.200 hm überwunden werden, und es wird der höchste Punkt des Rennens, der Berg Omu auf 2.507 Metern Höhe, passiert. Rennberichte über vergangene Ausgaben bestätigen das Image der Langdistanz „als einer der rauesten und härtesten 100-km-Läufe“.

Der Veranstalter weist auf seiner Website auf Folgendes hin:

„Alle fünf Rennen haben ein grundlegendes Prinzip der Selbstversorgung beim Berglauf, wobei dies als die Fähigkeit des Teilnehmers definiert wird, zwischen zwei Kontrollpunkten selbstständig zu sein – nicht nur in Bezug auf Verpflegung und Flüssigkeitszufuhr, sondern auch hinsichtlich Kleidung, Ausrüstung und persönlicher Sicherheit.“

Weiterhin schreibt der Veranstalter zum Thema Ausrüstung:

„Die Organisatoren empfehlen den Teilnehmern (zusätzlich zur Pflichtausrüstung), weitere Arten von Kleidung/Ausrüstung mitzubringen, die nützlich sein können, falls die Wetterbedingungen am Renntag dies erfordern, da Schneefall im Mai in den Bucegi-Bergen nicht ungewöhnlich ist und die Temperaturen deutlich unter null Grad Celsius fallen können. Zu dieser Jahreszeit können außerdem Abschnitte mit Schnee und Eis auftreten, weshalb wir Snowspikes (Grödel) und/oder Stöcke empfehlen.“

Screenshot der Website des Transylvania 100 mit Schneebild (28.05.2026)

Passend: Auf der Startseite der Website des Transylvania 100 ist ein großformatiges Bild aus einer vergangenen Edition zu sehen, auf dem Trailrunner in einer sehr steilen Passage, im sogenannten „Kamin“ im Anstieg zum Hornul Marei, im Schnee zu sehen sind. Den Bildern und Videoclips zufolge waren etliche Teilnehmende ohne Grödel unterwegs, manche auch ohne Stöcke, obwohl Schneepassagen in Mailings an die Teilnehmenden angekündigt waren (die Mails liegen uns vor). Wurden manche trotzdem von den winterlichen Bedingungen in den höheren Passagen des Rennens überrascht? Ein Blick in die Ergebnislisten scheint das nicht zu bestätigen. Dies sind die Finisherzahlen der fünf verschiedenen Distanzen aus diesem Jahr:

100 km: 76 %

80 km: 91 %

50 km: 95 %

30 km: 89 %

20 km: 99 %

Das sind über alle Distanzen hinweg ausgesprochen hohe Werte. Letztes Jahr gab es auf den 100 km mit 70 DNFs sogar mehr Trailrunner, die das Ziel nicht erreicht haben, als dieses Jahr (55). Uns wurde allerdings mitgeteilt, dass viele 100-km-Läufer auf die 50-km-Strecke gewechselt haben, als klar wurde, dass sie das Cut-off nicht schaffen würden. Ein Wechsel der Distanzen war offenbar möglich. Wäre dem nicht so gewesen, wäre die DNF-Zahl vermutlich um einiges höher gewesen.

Werfen wir einen Blick auf die Unfälle, die im Rennen passiert sind. Offiziellen Stellungnahmen des Veranstalters, der Bergrettung (Salvamont Braşov) und Medienberichten zufolge gab es mindestens 15 Teilnehmer/innen, die Hilfe von der Bergrettung benötigt haben. Eine offenbar im ersten Teil des Rennens in eine Schlucht abgerutschte Frau befindet sich laut einem Update des Veranstalters nach wie vor im Krankenhaus, habe aber nicht operiert werden müssen und stehe kurz vor der Entlassung. Rumänische Medien sprechen hingegen von einer Beckenfraktur, einem Schädel-Hirn-Traumata und dem Bruch des rechten Arms der betroffenen Läuferin. Der konkrete Gesundheitszustand lässt sich von uns nicht verifizieren. Die anderen Fälle bestanden unserem Vernehmen nach aus unterkühlten und/oder gestürzten Trailrunnern, die glücklicherweise alle keine bleibenden körperlichen Schäden davongetragen haben.

Kritik an der Rennorganisation

Ebenfalls am Start war Christoph Hardes. Christoph ist ein erfahrener Ultraläufer aus Paderborn. Er hat zahlreiche schwere und lange Ultrarennen absolviert, ist die Tor des Géants, die Ultra Tour Monte Rosa und den UTMB gelaufen und sagt, er sei noch nie in solchen „grenzwertigen und zum Teil beängstigenden“ Schneeverhältnissen gelaufen. „Das war mehr Alpinismus als Trailrunning“, berichtet er uns. Ausführlich beschreibt er, wie er teilweise in einem halben Meter Schnee eingesunken ist und beobachtet hat, wie überfordert unerfahrene Teilnehmer um ihn herum schienen.

Bild aus einer vorherigen Edition des Rennens. Foto: Transylvania 100

Eine heikle Frage lautet: Hat die lokale Bergwacht dem Veranstalter am Vortag eine Verschiebung oder Modifizierung des Rennens empfohlen? Dieser unbestätigte Vorwurf wurde in den sozialen Medien erhoben.

Die Rennorganisatoren bestreiten das in ihrer Stellungnahme. „Am Tag vor der Veranstaltung kontaktierte Salvamont die Organisatoren mit Empfehlungen, wie die Veranstaltung unter den aktualisierten Bedingungen ablaufen sollte. Alle diese Empfehlungen wurden vollständig berücksichtigt. Infolgedessen wurde die Anzahl der entlang der Strecke stationierten Freiwilligen erhöht, und bei diesen Freiwilligen handelte es sich um Personen mit entsprechender Erfahrung und Ausbildung für schwierige Bergbedingungen. Die Teilnehmer wurden auch ständig über die Streckenbedingungen und die Wetterentwicklung informiert, und es wurden klare Empfehlungen bezüglich der erforderlichen Ausrüstung und des Verhaltens auf der Strecke gegeben.“

" Es wurde auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung gesetzt; es gab zu keinem Zeitpunkt eine Grödelpflicht. Ein Fehler? "

Es wurde demnach in der letzten Mail an die Teilnehmenden am Vortag des Rennens (die Mail liegt uns vor) erneut empfohlen, Grödel und zusätzliche Anziehsachen mitzuführen. Das heißt: Es wurde auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung gesetzt; es gab zu keinem Zeitpunkt eine Grödelpflicht. Ein Fehler? Wir können zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, ob die Zwischenfälle Trailrunnern mit oder ohne Grödel passiert sind. Zudem kann das Tragen von Grödeln nicht sämtliches Risiko im Schnee und auf Eis ausschließen; es steigert die Sicherheit jedoch signifikant. Warum sind augenscheinlich trotzdem viele Trailrunner der Empfehlung nicht gefolgt? Möglicherweise hat eine Formulierung in eben jener Mail an die Teilnehmenden ein falsches Signal gesendet. Denn dort ist von „verbesserten Schneebedingungen“ zu lesen — eine Formulierung, die durchaus als eine Art Entwarnung vom zumindest Gröbsten interpretiert werden könnte.

Ein weiterer Kritikpunkt, den es in Kommentaren zu lesen gibt, ist das Fehlen von zusätzlichen Fixseilen an besonders rutschigen und abschüssigen Passagen (an einigen Stellen hat die Bergwacht Seile angebracht und Trailrunnern assistiert). Hier hätten sich manche Trailrunner mehr Sicherheitsvorkehrungen gewünscht. Manche aber auch nicht.

Das ungezähmte Naturerlebnis

Für erfahrene Trailrunning-Spezialisten ist es genau dieser wilde Charakter des Rennens und des Trailrunnings allgemein, der sie fasziniert.

„Natürlich ist es ein hartes Rennen auf wildem Terrain, in großer Höhe und nicht für jeden, aber das macht es ja auch schön“, schreibt ein User in einer Reddit-Diskussion zum Rennen.

Jemand anderes äußert sich dort so: „Mein erster Ultra, die Bedingungen fühlten sich grenzwertig an, aber nicht direkt gefährlich. Das heißt, zeitweise totale weiße Sicht mit wenig bis gar keiner Sicht, Schnee machte es extrem rutschig. Aber was für eine unglaubliche Erfahrung, ich würde das Rennen jedem empfehlen.“

Hier treffen augenscheinlich zwei sehr gegensätzliche Positionen aufeinander: Die einen erwarten für ihre Startgebühr eine umfassende Sicherheitsinfrastruktur, die die wilde Natur so gut es geht zähmt. Die anderen empfinden das Abenteuer erst als solches, wenn nicht sämtliches Restrisiko herausgenommen wurde und sie sich der Herausforderung Ultratrail ein Stück weit selbstwirksam und eigenverantwortlich stellen können.

Bild vom Anstieg durch den "Kamin" aus der 2017er-Edition des Rennens. Foto: Transylvania 100

Droht das Verschwinden technischer Rennen?

Innerhalb der Trailrunningszene gibt es seit längerem eine Debatte, ob technisch anspruchsvolle Rennen, die für Unerfahrene „gefährlich“ anmuten, nach und nach verschwinden. Niemand Geringeres als Kilian Jornet hat diese Frage in einem Text aufgeworfen. Durch die Popularisierung des Sports steigen die Nachfrage und die Startfelder. Die Folge: Veranstalter könnten sich aus ökonomischen Zwängen heraus dazu gezwungen sehen, mit Streckenanpassungen zu reagieren. Es müssen nicht nur Trails gewählt werden, die vielen Läuferinnen und Läufern genügend Platz bieten, sie müssen darüber hinaus auch einem sinkenden durchschnittlichen Kompetenzniveau Rechnung tragen, wenn immer mehr Trail‑unerfahrene Menschen den Sport neu für sich entdecken. Zugespitzt formuliert: Wollen wir bald alle nur noch auf breiten Forstwegen laufen? Diese Frage ist rhetorischer Natur. Niemand kann das ernsthaft wollen. Deshalb gibt es Rennen unterschiedlichen Anspruchs. Es gibt sehr laufbare Ultratrails, die für Einsteiger bestens geeignet sind. Und dann gibt es Rennen, die einiges an Können und Erfahrung voraussetzen.

Zur Wahrheit gehört auch: Wenn es durch unglückliche Umstände zu einem oder mehreren Todesfällen beim Transylvania gekommen wäre, würde die Diskussion noch einmal anders geführt werden. Es ist und bleibt ein Abwägen zwischen einem Bergsport, der in einem Gelände stattfindet, in dem immer — egal bei welchen Bedingungen — ein Unglück passieren kann, und einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis eines Teilnehmersports, der sich immer größerer Popularität erfreut. Ein Abwägen, das auch bei allen Trailrunnern ganz persönlich stattfinden sollte, indem sie sich die Fragen stellen: Was kann ich? Was kann ich nicht? Wie viel Eigenverantwortung bin ich bereit zu tragen? Die Antwort kann nur jede und jeder für sich selbst geben. So wie Anna Simonsson-Søndenå, die unter ihrem Reel auf Instagram über ihr DNF beim Transylvania schreibt: „Ich denke, wenn man diese Sportarten betreibt, geht man ein Risiko ein. Ich weiß nicht, wer meiner Meinung nach „verantwortlich“ ist, aber ich habe sicherlich Verantwortung für mich selbst übernommen, und das ist das Wichtigste.“

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