Neuer Film: „Hanging by a Thread — A Runner’s Story“

Vor 10 Jahren war der Rennsteig einer von Christians ersten Ultraläufen nach einer schweren Depression. Ein Jahrzehnt voller Veränderungen später kehrt Christian zurück zum Rennsteig. Der im Mai erscheinende Film „Hanging by a Thread — A Runner’s Story“ ist eine emotionale Reise in die Vergangenheit, eine Rückbesinnung auf die Anfangsmotivation, diesen wunderbaren Sport auszuüben – etwas, mit dem sich alle Läufer*innen identifizieren können.

Dieser Beitrag enthält sensible Themen wie Tod, Suizid und Depressionen. Wenn du dich gerade nicht in der Lage fühlst, dich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, nimm bitte Rücksicht auf dich selbst und überspringe diesen Beitrag.

„Und wir begrüßen im Ziel den Läufer mit der Nummer 767, Christian Bruneß“, ruft der Moderator neben dem Zielbogen in Schmiedefeld am frühen Nachmittag des 21. Mai 2016 in sein Mikrofon. Ich kann es kaum glauben. Nicht nur, dass ich es ins Ziel des Rennsteig‑Supermarathons geschafft habe – die Höhenmeter erschienen mir als Hamburger im Vorfeld gewaltig, furchteinflößend, unüberwindbar –, sondern dass ich es überhaupt geschafft habe, hier zu sein, am Leben zu sein. Voller Adrenalin und Euphorie, mit völlig zerstörten Beinen zwar, aber einer tiefen inneren Zufriedenheit. Ein Zustand, den ich als Geschenk wahrnehme. So wie ich alles hier als Geschenk begreife, als zweite Chance, als Beginn des Rests meines Lebens, ohne in Ketten einer Depression gelegt zu sein.

Christian auf der Zielgerade des Rennsteig Supermarathons 2016. Foto: Foto-Team Müller

Das war nicht immer so. An einem Abend im September 2014 war sie stärker als ich – die Depression. In den frühen Morgenstunden wurde ich im Krankenwagen in die Notaufnahme gefahren. Medikamente und Alkohol. Meine damalige Freundin hat mich nicht erreichen können und hat gerade noch rechtzeitig Alarm schlagen können. Ich erinnere mich an die Stimmen der Sanitäter und Ärzte, die quietschenden Räder der fahrbaren Trage, auf der ich durch die Krankenhausflure gefahren werde. Um den Magen auszupumpen, war es zu spät. Das Gift war bereits in meinem Blut. Später erzählt man mir, ich wäre für 48 Stunden nicht ansprechbar gewesen, hätte epileptische Anfälle gehabt. Und dann bin ich aufgewacht. Ich erinnere mich noch heute an den Moment. Wie meine Mutter neben dem Bett saß.

Christian beim Podcasten für Alles Laufbar. Foto: peakpixelcafe

Nach der Intensivstation kam die geschlossene psychiatrische Station. Beinahe zwei Wochen eingesperrt und unter ständiger Beobachtung. Selbstschutz. Von der geschlossenen ging es in die offene Station. Ich verbringe Monate in stationärer psychotherapeutischer Behandlung. In dieser Zeit beginne ich zu laufen. Viel zu laufen. Ich war vorher schon vereinzelt joggen gewesen und hatte sogar einmal, trotz starken Rauchens, einen Halbmarathon geschafft. Aber erst jetzt werde ich zum Läufer. Jetzt ist es mir ernst. Ich muss einen neuen Weg einschlagen, mich neu erfinden, Verhaltensmuster durchbrechen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren bin ich für mehr als ein paar Tage am Stück nüchtern. Ich tausche das Rauchen und Saufen gegen das Laufen.

Szenen aus "Hanging By A Thread". Fotos: peakpixelcafe

Ich werde dieses Jahr zum Rennsteig zurückkehren. 10 Jahre sind vergangen und mein Leben hat sich enorm gewandelt. Heute bin ich Vater, Ehepartner, selbständiger Trailrunning‑Journalist, der in den bayerischen Alpen lebt. Wenn ich zurückblicke, staune ich: ein Wunder. Trotz aller Veränderungen bleiben manche Dinge gleich. Das Laufen ist eine solche Konstante. Ein Traditionslauf wie der Rennsteig ebenso. Meine Teilnahme dieses Jahr ist eine bewusste Rückkehr an einen Ort meiner persönlichen Läufer‑Biografie. Eine Chance, sich rückzubesinnen auf den eigentlichen Grund, sich dem Ausdauersport zu verschreiben, ein In‑Kontakt‑Treten mit dem ursprünglichen Warum: Laufen als ein Akt der Hoffnung. Als Chance, das Leben intensiv zu spüren, in all seinen Facetten.

Aber auch einfach als ein riesiger Spielplatz, auf dem man eine Menge Spaß haben kann.

Eins ist sicher: Ich werde mich auf die Ansage des Moderators in Schmiedefeld freuen und Gänsehaut bekommen, wenn er sagt: „Willkommen im Ziel.“ Und ich werde denken: „Schön, dass ich da bin.“

Hanging by a Thread — A Runner’s Story“ erscheint Ende Mai auf dem YouTubeKanal von Alles Laufbar.

Die Startnummer vom Rennsteiglauf 2016. Foto: peakpixelcafe

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