(U)m (D)en (M)ont (B)lanc – 175 Kilometer ohne Zirkus!

Chamonix: Ben Dhiman läuft ins Ziel. Der umjubelte Sieg des UTMB-Siegers ist für Adrian Niski der Startschuss. Ausgerüstet mit dem Nötigsten macht sich unser Autor, weitgehend unbemerkt von den Massen, auf zu seinem ganz persönlichen, self-supported UTMB-Abenteuer. UDMB – Um den Mont Blanc nennt Adrian sein Projekt. Ein bewusst unspektakulärer Name für ein bewusst unspektakuläres Projekt

Ich weiß noch genau, wie ich im letzten Jahr im Rahmen des UTMB an der Strecke stand. Ich war für alles-laufbar.de vor Ort, stand irgendwo am Rand und habe den Läufern dabei zugesehen, wie sie sich durch die Berge kämpften, und das Ganze auf Fotos festgehalten. Gleichzeitig wurde ich von den Teilnehmenden selbst motiviert, obwohl ich eigentlich nur danebenstand. Irgendwann kam dabei der Gedanke auf, dass ich die Runde um den Mont Blanc (UTMB) vielleicht selbst einmal laufen möchte.

Ein Jahr später bin ich wieder vor Ort. Diesmal stehe ich im Ziel und sauge erneut die Atmosphäre auf, als Ben Dhiman einläuft. Die Menschen jubeln, die Stimmung ist kaum zu beschreiben – und während ich dort stehe, wird mein Gedanke vom letzten Jahr plötzlich zur Realität.

Denn ich stehe startklar da. Nicht zum Fotografieren oder Klatschen, sondern um selbst diese Runde in Angriff zu nehmen.

Einen größeren Kontrast kann es dabei meiner Meinung nach kaum geben: Auf der einen Seite die Massen, die den Sieger empfangen. Auf der anderen Seite ich, unscheinbar in Laufausrüstung an der Kirche stehend, bereit, gleich durch die Menge zu laufen. Nach wenigen hundert Metern wird davon nicht mehr viel übrig sein. Dann bin ich komplett allein und auf mich gestellt und folge den Fußspuren der vielen hundert Läufer, die diese Strecke vor mir gelaufen sind.

Adrian im Anstieg zum Col du Bonhomme kurz vor dem Sonnenuntergang

Der UTMB, nur ohne UTMB

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich Herausforderungen zu stellen. Self-Supported unterwegs zu sein, ist für mich dabei die reinste Form einer Herausforderung, weil du alles, was du brauchst, selbst besorgen und organisieren musst. 175 Kilometer um den weißen Berg. Kein Startschuss, keine offizielle Verpflegung, kein Support. Nur ich, mein Rucksack, meine Uhr und die ziemlich optimistische Vorstellung, dass das schon irgendwie funktionieren wird.

Zwar bin ich schon immer gerne mit Startnummer gelaufen, weil ich Wettkämpfe, die Atmosphäre, das Messen mit anderen und auch dieses Gefühl, gemeinsam mit Hunderten oder Tausenden Menschen an einer Startlinie zu stehen, mag. Aber wenn man das Ganze einmal von außen betrachtet, wirkt der UTMB inzwischen schon ein bisschen wie ein Zirkus. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dabei das Wesentliche ein Stück weit verloren gegangen ist. Am Ende geht es eigentlich darum, zu laufen. Alles andere ist irgendwie drumherum entstanden und hat das Eigentliche umschlungen.

Dabei bin ich selbst Teil dieses Zirkus. Ich stehe in Chamonix, schaue mir die Rennen an, unterstütze andere Läufer und lasse mich von der Stimmung anstecken. Ich verdiene teils mein Geld mit diesem Sport. Ich will das auch gar nicht schlechtreden.

Ich habe mit der Zeit aber meinen eigenen Umgang damit finden müssen. Ich muss nicht jede Entwicklung mitmachen, nur weil sie zum Sport „dazugehört“. Und ich muss auch nicht alles ablehnen, nur weil es größer, professioneller oder kommerzieller geworden ist. Für mich war eher die Frage, was vom Laufen eigentlich übrig bleibt, wenn man den ganzen Zirkus einmal wegnimmt.

Das war nicht immer einfach, weil man selbst Teil dieser Entwicklung ist und erst realisieren muss, was der eigene Zugang zu den Dingen überhaupt ist. Das gilt für Hobbys und Leidenschaften genauso wie für das Berufsleben, politische Einstellungen oder viele andere Bereiche des Lebens. Man übernimmt Dinge, findet sie irgendwann gut oder schlecht und merkt erst mit der Zeit, was davon eigentlich wirklich zu einem selbst gehört.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diese Runde laufen wollte. Nicht, weil ich dem offiziellen UTMB etwas entgegensetzen wollte. Sondern weil ich wissen wollte, wie es sich anfühlt, wenn von diesem ganzen Zirkus nichts mehr übrig ist – außer mir, den Bergen und der Strecke.

" Am Ende geht es eigentlich darum, zu laufen. Alles andere ist irgendwie drumherum entstanden und hat das Eigentliche umschlungen. "

Ben Dhiman finisht, ich starte

Ben Dhiman läuft ein – mit einer absurden Zeit. Ich klatsche und spüre die Energie der Menschen, die ihn zu Recht feiern. Irgendwie ein schräger Moment, jetzt loszulaufen, denke ich mir. Vielleicht ist es die leichte Anspannung vor den 175 km und 10.000 hm, die auf mich warten.

Und dann laufe ich los.

Nicht ganz so spektakulär. Kein Countdown. Kein „Allez, allez“. Ich drücke auf meiner Uhr auf Start und verschwinde über die Haupteinkaufsstraße, die Meter für Meter leerer wird, bis ich gefühlt ganz alleine einen Schritt vor den anderen setze.

Der Anfang läuft entspannt. Fast schon verdächtig entspannt. Es ist brutal warm, aber Les Contamines ist nicht mehr weit entfernt und ich habe einen wichtigen Motivationsfaktor: Supermarkt. Die Oasen des Self-Supported-„Business“. Ich versuche immer, eine gute Balance zwischen Komfort – also einem leichten Rucksack – und genug Verpflegung zu finden, was nicht immer einfach ist. Aber ich bin selbst dafür verantwortlich und treffe die Entscheidungen bewusst.

Les Contamines ist schließlich erreicht. Ich gehe in den Supermarkt und fühle mich für einen kurzen Moment wie bei einer offiziellen Verpflegungsstation. Monster Energy. Agrume Limo. Schlumpf-Gummibärchen. Ein Red Bull für Mitternacht. Wasser.

Das war’s.

Ich setze mich auf den Boden und trinke. Nicht schnell, nicht hektisch. Ich nehme mir die Zeit. Der nächste Abschnitt ist lang. Bis Courmayeur.

Und dann kommt der Bonhomme.

Ich habe einen guten Rhythmus und so langsam neigt sich der Tag dem Ende zu – die Sonne geht Ende August schon sehr früh unter, die Nächte sind lang. Ich bin zwar absolut kein Romantiker, aber der Sonnenuntergang an diesem Tag ist schon besonders – vor allem liebe ich das Gefühl, in diesem Moment alleine zu sein und Stück für Stück in der dunkler werdenden Bergwelt zu verschwinden.

Adrian läuft am liebsten Self-Supported

Der 24/7-Shop-Schock

Die „Halbzeit“ mit Courmayeur ist nicht mehr so weit weg – zumindest rede ich mir das mit der Halbzeit ein, damit das ganze Unterfangen gut gestückelt und mental verdaulicher ist. Bei 100 Meilen wäre Kilometer 82 ungefähr die Mitte. Bei meiner Runde bedeutet das: Von dort liegen noch rund hundert Kilometer vor mir, denn der UTMB erstreckt sich mittlerweile schon auf 175 km – aber irgendwie macht mir das nichts. Das klingt wieder romantisch wie der Sonnenuntergang zuvor, aber ich hatte komplett das Gefühl für Zeit und Raum verloren – es interessierte mich schlichtweg nicht. Die einzige Devise war: vorwärts kommen.

Kurz vor Courmayeur bekomme ich dann Besuch von drei Hirtenhunden. Erst bemerke ich sie gar nicht. Dann höre ich Bellen. Lautes Bellen. Und es kommt näher. Drei riesige Hirtenhunde kommen auf mich zu. Ich bleibe irgendwie ruhig, schnauze sie an und gehe weiter. Es funktioniert. Keine Ahnung, ob das besonders souverän war oder einfach Glück. Wahrscheinlich Letzteres.

In Courmayeur wartet dann eine Überraschung. Der 24/7-Shop. 24/7. Das bedeutet für mich normalerweise: Ich bekomme Verpflegung um zwei Uhr morgens. Der Laden war allerdings eher ein 6–1-Shop. Von 1 in der Früh bis 6 in der Früh ist er verschlossen. Die Automaten verstecken sich hinter einer elektronischen Schiebetür. Die Schiebetür ist geschlossen, aber ein kleiner Spalt steht offen. Ich schiebe meine Finger hinein und drücke sie vorsichtig zur Seite.

Sie geht auf. Yes!

Ich stehe vor den Automaten. Essen. Getränke. Auswahl. Dann lese ich den Hinweis. Auch die Automaten sind nur von sechs bis eins aktiv. Ich versuche es trotzdem. Natürlich funktioniert es nicht. Also setze ich mich auf eine Parkbank und habe keine andere Wahl, als die Stunden bis zur Eröffnung zu überbrücken.

Es werden unangenehme Stunden, denn es hat 8 Grad und Splitshort und die Regenjacke, die ich mir überziehe, hält nur mäßig warm. Ich weiß, dass ich keinen Wecker brauche. Ich werde ohnehin alle zehn bis zwanzig Minuten wach, weil ich friere.

Aber das ist okay. Wenn ich self-supported unterwegs bin, gehört so etwas dazu. Ich könnte natürlich mehr Komfort mitnehmen. Dann müsste ich ihn allerdings die nächsten 175 Kilometer auf dem Rücken tragen. Richtig erholen kann ich mich dadurch auch nicht – es kostet mich sogar noch einmal viel Energie.

Um Punkt sechs stehe ich wieder im Laden. Diesmal funktioniert alles. Sandwiches, Süßgetränke, Proviant. Ich packe ein und ziehe weiter.

Adrian mit seiner spärlichen Ausrüstung

Der Ruf des Pizza-Sonntag

Vor dem Lauf um den Mt. Blanc habe ich mir eigentlich nur eine einzige Strategie zurechtgelegt – sobald ich emotional werde und anfange zu zweifeln, nehme ich etwas zu mir, da diese Gedanken  meist die Folge von Unterversorgung sind. Sobald ich das Gefühl hatte, dass meine Stimmung kippt, nahm ich mir die Zeit und hoffte, dass die Negativspirale dadurch durchbrochen wird. Wobei es nie zu einer Spirale kam, sondern nur zu kurzen Momenten.

Von Courmayeur ging es steil hinauf und von dort über einen wunderschönen Höhenweg, immer mit Gletscherblick in Richtung Schweiz. Am Grand Col Ferret erreiche ich den höchsten Punkt der ganzen Runde. Hier sind plötzlich wieder viele Menschen.

Der Downhill von dort aus macht richtig Laune. Flowig, schnell und genau die Art von Strecke, bei der ich mir denke, dass ein Mountainbike jetzt eigentlich ziemlich praktisch wäre. Das habe ich aber nicht zur Hand und darf Höhenmeter für Höhenmeter zu Fuß zurücklegen.

In La Fouly gönne ich mir ein El Tony Mate. Mehr als 110 Kilometer sind geschafft und ich bin ehrlich überrascht, wie stabil ich mich noch fühle. Irgendwie surreal, schon hier zu sein – auch Champex-Lac ist nicht mehr so weit entfernt und trennt mich durch ein langgezogenes, recht flaches Teilstück durchs Tal und einen Anstieg hinauf. Von dort aus ist man quasi schon fast da.

Zumindest sage ich mir das – im Vergleich zu dem, was man schon hinter sich hat, ist es wirklich nicht mehr so wild. Ein guter Marathon noch.

Aber erst muss ich noch am See vorbei – der macht mir das Weiterlaufen echt schwer. Es ist warm. Champex-Lac sieht verdammt einladend aus. Ich würde am liebsten reinspringen und dort bleiben. Eigentlich wird das Widerstehen gegen Wasserstellen zur heimlichen größten Herausforderung dieses Laufs.

Aber ich habe noch einen Termin. Pizza Sonntag.

Bei meiner Partnerin und mir gibt es jeden Sonntag Pizza. Das ist keine Empfehlung. Das ist ein Naturgesetz. Egal, ob wir gemeinsam unterwegs sind oder getrennt. Pizza muss sein. Wenn es keine Pizza gibt, wird improvisiert – das Ganze schon seit ca. sechs Jahren – jeden einzelnen Sonntag. Deshalb ist die Bestellung nach Chamonix bereits raus.

Margherita. Vor Mitternacht. Das ist mein persönlicher Cut-off.

Nicht die offizielle Zeit, sondern die Pizza.

Finishline-Vibes eines Self-Supported-Abenteuers Foto: Isa Fischer

Nur ein Lauf

Die letzten beiden Anstiege machen trotzdem noch einmal deutlich, dass ich mich vielleicht nicht zu früh freuen sollte. La Giète ist steil und zäh. La Flégère setzt noch einen drauf. Besonders die technische Querung kommt ziemlich spät. Das ist das technischste Teilstück der ganzen Runde. Hier hat man schon rund 165 Kilometer in den Beinen.

Eigentlich müsste ich müde sein. Bin ich auch. Aber ich fühle mich noch verdammt gut.

Der letzte Downhill ist noch einmal richtig schön. Leider ist es dunkel, aber dann sehe ich Chamonix. Die Stadt liegt unter mir und leuchtet. Nach Stunden in der Dunkelheit ist das ein ziemlich guter Anblick. Ich weiß, dass es jetzt nicht mehr weit ist. Und ich weiß, was dort wartet.

Pizza.

Das Erstaunlichste an diesem Zieleinlauf ist, dass er sich gleichzeitig groß und völlig unspektakulär anfühlt. Ich komme nach Chamonix. Menschen tauchen auf.

Straßen. Lichter. Geräusche. Es sitzen sogar noch ein paar Leute in den Bars und Restaurants und feuern mich an – sie denken wohl, ich wäre ein Nachzügler des offiziellen Rennens. Ich nehme die Anfeuerung dennoch dankend an.

Vor wenigen Stunden stand ich hier noch und habe Ben Dhiman beim offiziellen Zieleinlauf gesehen. Ich erinnere mich an den Jubel, die Musik und die Gänsehaut. Jetzt komme ich selbst zurück. Die Stimmung ist jedoch eine ganz andere. Der Startbogen wird gerade abgebaut, keine Startnummer, keine Moderation.

Aber es warten ein paar liebe Menschen auf mich – das kam überraschend.

Und dann stehe ich wieder vor der Kirche.

175 Kilometer.

Ich hatte nicht mit großen Emotionen gerechnet, aber im Ziel war da eigentlich fast nichts. Ich war halt da. Auf der Treppe sitzend, Pizza, Eistee. Das war’s.

Das ist mir bei solchen Aktionen aber schon des Öfteren so ergangen – irgendwie finde ich den Fakt interessant. Emotionen sind toll und man lässt sich anstecken – ohne die Emotionen des UTMB-Zielbogens hätte ich wohl selbst nicht Lust gehabt, die Runde zu laufen. Aber das Tolle ist: Wenn man das Ganze nicht so emotionalisiert, misst man dem Ganzen nicht eine höhere Bedeutung bei, als sie eigentlich hat.

Es muss nicht alles eine Grenzerfahrung sein. Es muss nicht alles lebensverändernd sein. Ich muss nicht nach 175 Kilometern mit einer großen Erkenntnis über mich selbst nach Hause gehen. Ich muss nicht plötzlich wissen, wer ich bin, was ich kann oder was ich im Leben verändern sollte. Manchmal ist es auch einfach nur ein Lauf.

Ich wollte diese Runde einfach laufen. Nicht für die Community, nicht für den UTMB, sondern für mich. Das Besondere waren die Momente unterwegs – im Ziel angekommen zu sein, hat immer eine traurige Note, weil das Wesentliche des Ganzen zu Ende ist: die Sache selbst.

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