Fast zu schön, um wahr zu sein – Ein Rennbericht vom Lavaredo 50K

Das postkartenhafte Panorama des Lavaredo Ultratrails zieht viele Trailrunner in seinen Bann — so auch unsere Autorin Isa, die bei rekordverdächtiger Hitze die 50 km in Angriff nahm. Sie erlebte ein eindrucksvolles Rennen, mit dem sie nicht gerechnet hatte.

Sobald ich den Brenner passiert habe, vor Brixen die letzten drei Euro Maut bezahlt habe und endlich auf die Strada Statale della Pusteria abbiege, stellt sich bei mir ein zufriedenes Gefühl ein: endlich geht es wieder in die Dolomiten. Ich bin zwar wunderschöne Bergpanorama rund um Garmisch-Partenkirchen gewohnt. Und dennoch üben die Dolomiten jedes Mal aufs Neue eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. Mein Ziel ist Cortina d’Ampezzo. Im Winter noch Austragungsort der Olympischen Spiele, am vergangenen Wochenende Heimat des La Sportiva Lavaredo Ultratrail by UTMB.

Nach dem Transgrancanaria Classic im März ist der Lavaredo mein zweites Rennen in diesem Jahr. Die letzten Monate habe ich ohne Trainingsplan trainiert, beziehungsweise ich bin einfach gelaufen, wie ich Lust hatte. Mal ein paar Tage gar nicht, mal 70 Kilometer in drei Tagen. Der TGC hat mir eine neue Leichtigkeit geschenkt. Mit genau dieser Leichtigkeit will ich beim Lavaredo starten. Wie immer mit dem Ziel, maximal viel Spaß zu haben.

Alle Fotos: Sportograf

Es weht noch ein leichter Hauch der Olympischen Spiele durch die Stadt. Das Olympische Dorf in Form von hunderten Tiny Houses steht ein paar Kilometer vor dem Ortseingang, Plakate hängen überall, die Startnummernausgabe ist im Eisstadion. Ich treffe mich mit Jonas von Sporthunger, der mir Last Minute Verpflegung mitbringt. Jonas läuft wie ein Zucker-Dealer mit seiner Einkaufstasche durch Cortina und übergibt seine Bestellungen. Hannes Namberger kriegt seinen Stoff, ebenso wie Lucy Bartholomew.

Wir verabreden uns für den nächsten Morgen um 7:30 Uhr am Corso Italia, wo um 8 Uhr der Startschuss für die 50-Kilometer-Runde fällt. „Warum ist man eigentlich jedes Mal aufs Neue so aufgeregt?“, frage ich ihn. „Ich weiß es nicht“, sagt er und lacht.

Die ersten Kilometer sind relativ schnell und führen erst auf Asphalt, dann auf Forstwegen aus dem Ort heraus. Wie viele Läuferinnen und Läufer starten wir einen Ticken zu schnell. Die Sonne scheint bereits erbarmungslos auf uns herab, die Herzfrequenz ist hoch und der Schweiß läuft schon nach wenigen Minuten das Gesicht hinunter. Nach drei Kilometern geht es in den ersten Anstieg – zum Glück durch den Wald. Der Trail ist breit genug, sodass sich die Masse an Läuferinnen und Läufern gut verteilt und es zu keinen Staus kommt.

Die Hitze war in den Tagen vor dem Rennen das beherrschende Thema unter den Läuferinnen und Läufern – auf den Temperaturanzeigen einiger Geschäfte in Cortina zeigte es 30 Grad und mehr. Im Vergleich zu den Temperaturen in Deutschland zwar noch „kühler“, während eines Rennens aber dennoch ein Faktor, der nicht unterschätzt werden darf. Ich habe drei volle und eine leere Flask dabei. Der erste Wasserpunkt ist nach elf Kilometern bei Malga Travenanzes, den ich allerdings kaum wahrnehme, weil es ein Gebirgsbach ist. Von diesen gibt es auf den ersten Kilometern glücklicherweise einige – Cap und Halstuch landen in jedem fließenden Gewässer, das ich finden kann. Es dauert seine Zeit, bis ich mich an die Anstrengung in Kombination mit der Hitze gewöhnt habe.

" Es geht über flowige Wiesentrails, als meine Playlist „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros spielt. Das Lied gepaart mit einer fantastischen Aussicht auf unzählige Dolomitengipfel - eine Situation aus der Kategorie „Trail-Kitsch“. "

Im Val Travenanzes denke ich mir zum ersten Mal: Das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Noch weiß ich nicht, dass ich mir das auf den nächsten Kilometern noch unzählige weitere Male denken werde. Es geht durch ein ausgetrocknetes Flussbett – sofort werden Erinnerungen an den Canyon beim Transgrancanaria Classic wach. Danach wollte ich eigentlich „Sag nein zu Flussbetten“-Sticker designen. Jetzt hätte ich wieder allen Grund dazu.

Bevor mir das Flussbett in der prallen Sonne zu viel Energie kostet, entscheide ich mich für das berühmte „Stop and go“. Ein bisschen laufen, ein bisschen gehen. Das wunderschöne Tal lässt die Anstrengung fast vergessen. Nach einem Uphill geht es smooth auf Schotterwegen zur ersten Verpflegungsstation am Rifugio Col Gallina. Als ich die jubelnden Menschen aus der Ferne höre, stoppe ich meine Musik, um das alles aufsaugen zu können. Ich bewege mich wie so oft irgendwo im Mittelfeld, trotzdem feiern die Zuschauenden jeden einzelnen Läufer, als würden wir als Leader in die VP einlaufen.

Mein Bildschirmhintergrund ist ein Screenshot meiner prognostizierten Zwischenzeiten von LiveTrail. Ich bin eine halbe Stunde schneller als gedacht. Zwar sind mir Zeiten ziemlich egal, dennoch freut es mich, dass sich mein gutes Gefühl auch in einer schnelleren Zeit widerspiegelt.

Nach Col Gallina wartet der längste und anstrengendste Anstieg des Rennens. Glück für uns, dass es mittlerweile etwas bewölkt ist. Landschaftlich kommt hier ein Highlight nach dem nächsten. Als sich vor uns die markanten Felstürme der Cinque Torri auftürmen, bleibe ich kurz stehen. Für mich ist das einer dieser Momente, in denen plötzlich jede Anstrengung Sinn ergibt.

Die nächste VP ist am Passo Giau, einem der berühmtesten Dolomitenpässe. 31 Kilometer und 2.200 Höhenmeter stecken mir schon in den Beinen. Trotzdem fühle ich mich richtig fit und will nicht viel Zeit verlieren. Auch hier ist die Stimmung großartig. “Dai dai dai” “Pazzesca” “Grande Isabella” höre ich von fremden Menschen. Ich hole meine Gels aus dem Rucksack und verpflege mich noch einmal ordentlich für die letzten paar hundert Höhenmeter des Rennens. Ein Blick auf die Uhr zeigt: ich bin jetzt schon 45 Minuten schneller.

Ich schreibe Lars Schweizer von Two Peaks Endurance, der im Ziel auf mich wartet, eine kurze WhatsApp: „So gut wie heute lief es noch nie. Freu mich auf später.“ Seine Antwort kommt sofort: „Geil – zieh durch! Ich warte im Ziel.“

Es geht über flowige Wiesentrails, als meine Playlist „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros spielt. Das Lied gepaart mit einer fantastischen Aussicht auf unzählige Dolomitengipfel – eine Situation aus der Kategorie „Trail-Kitsch“.

Nach 39 Kilometern kommt die letzte Verpflegungsstation Croda da Lago. Für den traumhaft schönen Lago Federa habe ich keine großen Augen mehr. Ich fülle meine Flasks zum letzten Mal, schiebe mir eine Melone in den Mund und starte in den Downhill. Inzwischen bin ich eine Stunde schneller als die Vorhersage.

Ich schicke Lars nochmal eine Nachricht: „Ich will nicht, dass es aufhört.“ Auf der anderen Seite ist das Ziel: heil den Downhill runter und ab zu Lars!

Der Downhill ist nicht ganz anspruchslos. Die Trails werden schmaler, felsiger, wurzeliger und teilweise sehr steil und steinig. Zehn Kilometer und 800 Höhenmeter weiter unten liegt Cortina d’Ampezzo. Ich habe noch genug Reserven und Konzentration, um mit einer 5er Pace den Berg runterzurollen.

In den letzten drei Kilometern schlägt die Hitze, die oben auf 2.300 Metern gut aushaltbar war, brutal zurück. Es fühlt sich an, als laufe ich gegen eine Wand. Ich trinke meine Flasks leer und versuche, so schnell es geht ins Ziel zu kommen. Die Stimme von Keith Byrne, dem Moderator im Ziel und ein Bekannter von mir, höre ich schon von der letzten Zeitnahme in Mortisa. Keine zwei Kilometer mehr!

Die letzten hundert Meter durch das Zentrum von Cortina, angefeuert von Hunderten Zuschauerinnen und Zuschauern, brennen sich tief ein. Neben Chamonix ist es der schönste und emotionalste Zieleinlauf, den ich bisher erleben durfte.

Hundert Meter vor dem Ziel sehe ich Lars. Er schüttelt lachend den Kopf. Ich schüttle lachend den Kopf. Nach 48 Kilometern, 2.500 Höhenmetern und 7:05 Stunden laufe ich über die Ziellinie – 1:10 Stunden schneller als prognostiziert. So schnell wie heute war ich noch nie. Euphorisch falle ich Lars um den Hals. “So schön wie heute war es noch nie”, sage ich. Vielleicht war dieser Tag tatsächlich fast zu schön, um wahr zu sein. Oder genau so fühlt es sich an, wenn einfach alles zusammenpasst.

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