Kaiserkrone Trail: Skyrunning – der achtsamste Sport der Welt?

25 Kilometer, 2.630 Höhenmeter und fast vier Stunden absolute Konzentration auf jeden einzelnen Schritt. Der Kaiserkrone Trail hat unseren Autoren einmal mehr daran erinnert, warum Skyrunning die achtsamste aller Laufsportarten ist. Ein persönlicher Rennbericht aus dem Wilden Kaiser.

Skyrunning ist im deutschsprachigen Raum ungefähr so präsent wie Unterwasserhockey. Nicht, dass mich das Nischendasein stören würde. Aber natürlich erschwert es den Einstieg in diesen Text. Wie erklärt man die Faszination einer Sportart, die für einen Großteil der Läufer unzugänglich bleibt?

Es ist wohl kaum der Faktor Geschwindigkeit, der irgendeine Anziehungskraft ausüben könnte. Wir Skyrunner sind selten schnell. Auch die Distanz spielt keine Rolle. Es ergibt wenig Sinn, ein horizontales Distanzziel bei einer Sportart anzuvisieren, die sich so sehr über die Vertikale definiert.

Selbst der Naturgenuss bleibt auf der Strecke. Denn wer den Blick vom fordernden Kurs abwendet, wird sogleich bestraft.

Aber es gibt ein Element, das dir nur Skyrunning bieten kann: Fokus.

Ein Begriff, der wohl eher unter Kletterern geläufig ist. Wer eine Felswand hochklettert, ist gezwungen, zu 100 Prozent im Hier und Jetzt zu bleiben. Achtsamkeit nennt man das heutzutage.

Genauso verhält es sich beim Skyrunning. Jeder Schritt muss sitzen. Kein Schritt ist wie der andere. Das fordernde und ständig variierende Gelände verlangt 100 Prozent Konzentration und Fokus.

Skyrunning ist definitiv die achtsamste aller Laufsportarten.

Der Wilde Kaiser ist ein relativ unwirtliches Gebirge für Läufer. Zu schroff und zu steil ragen die unzähligen Kalktürme zwischen Kufstein und Kitzbühel in die Höhe. Unter Kletterern hingegen genießt das Gebirge legendären Status.

Seit zehn Jahren gehört dieser Gebirgsstock zu meinen Hometrails. Den Kaiserkrone Trail gibt es seit 2021. Die Premiere war eigentlich schon für das Jahr zuvor geplant, wurde aufgrund der Corona-Pandemie jedoch verschoben. Die Ultrastrecke umrundet den Kaiser einmal, das ebenfalls angebotene Skyrace wagt sich hingegen hinauf auf die Gipfel und Grate des Wilden Kaisers.

Natürlich musste ich damals beim Debüt auf dieser unfassbaren Strecke dabei sein, die zumindest in den Ostalpen ihresgleichen sucht.

" Aber es gibt ein Element, das dir nur Skyrunning bieten kann: Fokus. "

Fasziensteifheit und Helm-Amnesie

Doch springen wir zunächst in die Gegenwart.

Dank Mammut, dem Hauptsponsor des Laufs, darf ich schon zwei Tage früher in Scheffau verweilen. Beim Pressecamp erfahren wir nicht nur einiges über Ernährung und die Ausrichtung der Marke Mammut im Trailrunning, sondern dürfen zwei Tage vor dem Rennstart auch schon um fünf Uhr morgens zum Sonnenaufgangs-Yoga unter den Kaisertürmen aufbrechen.

Da hilft auch das idyllische Ambiente nichts. Ich bin mit Abstand der steifste Möchtegern-Yogi unserer kleinen Gruppe. Während ich mich verzweifelt verrenke, verzweifelt die Yogalehrerin an meinen vom Downhill versteiften Faszien. Nein, beim Yoga habe ich meine Achtsamkeit noch nicht gefunden.

Zwei Tage später verlasse ich das Hotel-Chalet, das ich mir mit einem Journalistenkollegen teile, voller Vorfreude auf das anstehende Rennen. Kurz nachdem ich die Tür hinter mir zugezogen habe, fällt mir auf, dass etwas fehlt. Etwas, das normalerweise nicht zu meiner routinemäßigen Rennausrüstung gehört.

Ich habe meinen weißen Helm auf dem mit weißen Laken bezogenen Bett liegen lassen.

Dieser gehört in diesem Jahr erstmals zur Pflichtausrüstung des Skyraces. Zurecht. Schon bei meiner ersten Teilnahme 2021 rumpelte ein kopfgroßer Stein so überraschend durch einen Latschenbusch wenige Meter neben mir den Hang hinunter, dass ich zunächst annahm, es handle sich um eine Gams.

Meine Zimmerkarte habe ich natürlich nicht mitgenommen, die Rezeption hat ebenfalls noch geschlossen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die Balustrade zu klettern und wie wild gegen das Fenster im ersten Stock zu klopfen, hinter dem mein Zimmernachbar noch wohlverdient schlummert. Er scheint gut zu schlafen. Erst nach mehrmaligem lautem Hämmern öffnet er schließlich das Fenster.

Nachdem ich nun endlich meine Pflichtausrüstung komplett habe – die übrigens erst beim Eingang in den Startkorridor akribisch kontrolliert wird und nicht schon am Vortag bei der Startnummernausgabe, wie bei manch anderen Rennen – kann es um 6:30 Uhr endlich losgehen.

Kurz vor dem Start mit Ronald Jahnke und Hubert Schwaiger

Start und Uphill zum Sonneck

200 achtsame Skyrunner stehen also an diesem Samstag um 6:30 Uhr am Start in Scheffau. Einige haben den Helm bereits auf dem Kopf, andere tragen die schützende Kopfbedeckung noch am Rucksack. Der Startschuss ertönt und es geht, wie es sich für ein Skyrace gehört, direkt den Berg hinauf.

Nach wenigen hundert Metern biegen wir von der Asphaltstraße auf einen leicht ansteigenden, immer wieder von Brücken unterbrochenen Trail durch die Rehbachklamm ab. Vor zwei Jahren wurde ich hier von mehreren Erdwespen gestochen und musste das Rennen vorzeitig beenden.

Vor fünf Jahren war ich, wie bereits erwähnt, zum ersten Mal am Start dieses Rennens. Damals gehörte es sogar zur Skyrunning World Series. Entsprechend rasant war das Tempo. Ich hatte einen richtig guten Tag und konnte vermutlich eine der besten Leistungen abrufen, die ich jemals in einem Rennen gezeigt habe: Platz sieben in einem internationalen Spitzenfeld.

Mir ist bewusst, dass ich diese Leistung heute wohl kaum wiederholen kann. Angesichts der extremen Temperaturen lasse ich mich gar nicht erst auf das Duell mit meinem sechs Jahre jüngeren Ich ein.

Der erste Anstieg hinauf zum Sonneck ist lang und gnadenlos steil. Über 1.500 Höhenmeter geht es auf vertikalen Trails, über hohe Stufen und loses Geröll bergauf. Ehrlich gesagt hatten meine Beine schon einmal mehr Punch, aber mit meinen Stöcken schiebe ich mich einigermaßen ordentlich den Berg hinauf.

Über einen Gras- und Geröllgrat laufen wir schließlich dem Sonneck-Gipfel entgegen. Die aufgehende Sonne hat uns inzwischen mit ihren ersten Strahlen erreicht. Vor uns ragen die steilen Türme von Treffauer, Tuxeck und Ellmauer Halt in den Himmel.

Es muss gigantisch aussehen.

Auch wenn ich dieser Naturschönheit keinen Zipfel Aufmerksamkeit schenke – ihr wisst ja: der Fokus –, ist ihre Präsenz jederzeit spürbar.

In der Rehbachklamm © Harald Wisthaler

Crewing-Vorteile und Klettersteig

Kurz bevor wir den Gipfel erreichen, stürzen wir uns bereits in den Downhill. Ich liege auf Rang neun. Loses Geröll, Steilheit, seilversicherte Stellen, Geröllfelder – dieser Downhill wirft dir alles in den Weg, um dir das Laufen zu verunmöglichen.

Erst im unteren Teil wird er waldiger und etwas sanfter. Allein auf diesem Downhill kann ich fünf Plätze gutmachen.

Die nun folgenden fünf Kilometer sind die laufbarsten des gesamten Rennens. Auf weiterhin schmalen Trails geht es größtenteils wenig technisch wellig dahin, später noch einmal steil bergauf. Erstmalig brennt uns die Sonne umbarmherzig auf den Nacken. Dieser Abschnitt endet an der VP Kaindlhütte.

Hier warten meine Partnerin und mein Sohn auf mich, die von unserem Zuhause in aller Herrgottsfrühe die 900 Höhenmeter bis zur VP hochgewandert sind. Zugegebenermaßen ein großer Vorteil, denn meine Konkurrenten haben hier keinen Support und müssen entsprechend mehr Zeit investieren. Vielleicht auch dieser Tatsache habe ich es zu verdanken, dass ich nur wenige hundert Meter vor mir nun zwei weitere Läufer sehe.

„Du bist Vierter!“, wird mir noch zugerufen, als ich die VP verlasse. Doch da bin ich längst auf Verfolgungsjagd.

Über einen steilen Pfad geht es hinauf, ehe wir nach der Durchquerung des „Großen Friedhofs“ – eines mit riesigen Findlingen übersäten Schuttkars, das sich nach unten zu einer Mulde öffnet – den finalen Klettersteig erreichen. Ich bin drin im Rennen, der zweite Anstieg fühlt sich schon viel besser an als der erste.

Der Widauer Steig hat zwar nur die Schwierigkeit A/B und ist hervorragend mit Stahlseilen versichert, fordert aber dennoch den vollen Körpereinsatz. Ich verstaue meine Stöcke im Mammut-Köcher und ziehe mich am Seil nach oben.

Zum Glück kenne ich den Klettersteig fast in- und auswendig und kann entsprechend effizient klettern. Schon zu Beginn des Steigs überhole ich den Drittplatzierten. Auch zum Zweitplatzierten, dem jungen Benedikt Rindle vom Team Scarpa, kann ich fast aufschließen.

Im letzten Abschnitt geht mir dann aber doch etwas die Puste aus. Außerdem möchte ich noch ein paar Körner für den schweren Downhill sparen. Bene nimmt mir wieder ein paar Meter ab, doch ich bin überzeugt, dass ich ihn bergab wieder einholen werde.

Meine Ausrüstung: Mammut Aenergy Trail Speed, Mammut Aenergy TR Shorts, Mammut Ducan FL Shirt, Mammut Aenergy Trail Vest 12, Petzl Scirocco Helm, Leki Ultratrail S

Ein Strava-Segment namens „skyrace_technical part“

Es folgt der Abschnitt, auf den ich in meiner kleinen Skyrunner-Karriere vielleicht am stolzesten bin.

Der Downhill vom Scheffauer hinunter zur Steiner Hochalm (VP3) ist brutal unbarmherzig. Als wäre die Steilheit nicht schon Herausforderung genug, so wird man ununterbrochen davon bedroht bei einem falschen Schritt vom scharfkantigen und spitzen Kaiserkalk aufgespießt zu werden. Allein im Laufschritt zu bleiben, ist hier eine riesige Herausforderung.

Ich habe keine Ahnung, wie ich das 2021 hinbekommen habe, aber bis heute führe ich das Strava-Segment dieses Downhills an. Doch auch hier akzeptiere ich die Aussichtslosigkeit eines Rennens gegen mein jüngeres Ich. Platz zwei zu erobern muss an diesem Tag vollkommen genügen.

Allerdings gestaltet sich das schwieriger als gedacht. Benedikt ist ein äußerst talentierter Downhillläufer. Erst nach einigen hundert Höhenmetern kann ich den ohnehin kleinen Rückstand egalisieren.

Es ist ein riskantes Unterfangen. Immer wieder bleibe ich kurz an einer Felskante hängen oder verliere für einen Moment das Gleichgewicht, kann einen Sturz aber immer im letzten Moment verhindern. Nur einmal, nachdem ich Benedikt gerade überholt habe und wir auf einen Pulk Läufer des Ultratrails auflaufen, rutsche ich auf einem Schotterfeld kurz aus und berühre mit dem Po den Boden. Sofort bin ich aber wieder auf den Beinen.

Es ist genau jenes Schotterfeld, auf dem ich Bene anschließend etwas distanzieren kann.

Ich gehe zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass mich der deutlich jüngere Scarpa-Athlet im laufbareren unteren Teil des Downhills wieder einholen wird. Aber nein.

Ich drehe mich ein paar Mal um. Niemand.

Waren wir vor wenigen Minuten noch im schattigen, nordseitigen Klettersteig auf über 2.000 Metern unterwegs, brennt die Sonne nun im südseitigen Downhill knapp oberhalb von Scheffau unbarmherzig auf uns nieder.

Ab jetzt drehe ich mich nicht mehr um. Ich nehme die Beine in die Hand, mein Puls erreicht trotz Downhill ein neues Maximum.

Es reicht.

Ich laufe als Zweitplatzierter glücklich in Scheffau ein.

Skyrunning-Fokus © Harald Wisthaler

Dort wartet schon Johannes Wingenfeld auf mich. Dass der deutsche Ultratrailmeister das Rennen gewinnen würde, war ohnehin klar. Dass er mir im Ziel nicht einmal 20 Minuten abnimmt, hätte ich allerdings nicht erwartet. Schließlich waren die Abstände bei unseren bisherigen gemeinsamen Rennen – wir standen bereits bei der Deutschen Meisterschaft und beim Hochkönig Skyrace gemeinsam am Start – deutlich größer gewesen.

Auch mein Downhill-CR im technischen Scheffauer Abschnitt bleibt bestehen. Bei Strava leuchtet zwar auf fast jedem Segment nur die zweitbeste Zeit auf, aber das ist völlig in Ordnung.

Um über 15 Minuten verliere ich das Duell mit meinem fünf Jahre jüngeren Ich. Angesichts der Hitze und meiner damaligen Topform geht das aber absolut in Ordnung.

3 Stunden und 55 Minuten brauche ich für die 25 Kilometer und 2.630 Höhenmeter. Knapp vier Stunden mit absolutem Fokus auf jeden einzelnen Schritt. Knapp vier Stunden, die sich anfühlten wie nur wenige Augenblicke.

Das schafft bei mir nur Skyrunning.

Der achtsamste Sport der Welt.

© Sonja Kinna

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