Hochkönig Extreme: Ein Fingernagel weniger, ein Skyrunning-Abenteuer mehr!

Die neue Strecke des Hochkönig Ultraks Extreme führt mitten hinein ins Steinerne Meer – und damit in ein Abenteuer aus Altschnee, Kalkfels und technischem Skyrunning. Zwischen Schnee-Schlamassel und Downhill-Dopamin sammelt unser Autor unvergessliche Eindrücke. Und verliere ganz nebenbei einen Fingernagel.

Steinernes Meer. Anfang Juni. Über die Weißbachlscharte bin ich in diese einzigartige alpine Welt vorgedrungen. Eine verkarstete Hochfläche auf über 2000 Metern, durchzogen von Rissen und Spalten, Kalkgestein so weit das Auge reicht. So hatte ich es zumindest gehört. Als ich den kurzen, verblockten Downhill von der Scharte hinablaufe, sehe ich vor allem eines: Weiß. Mindestens 70 Prozent des Steinernen Meers sind noch von Altschnee bedeckt. Fiesem Altschnee. Nur in schattigen Bereichen ist er noch fest genug, um halbwegs vernünftig darauf laufen zu können.

Ich kämpfe mich voran. Es ist mühsam. Aber ist es nicht genau das, was ich am Trailrunning so liebe? Antizipieren, springen, abfedern, ausgleichen, die Balance halten. Kurz gesagt: die Laufbewegung ständig an das Gelände anzupassen. Der Schnee stellt diese Leidenschaft heute gehörig auf die Probe.

Kaum etwas ist tückischer als eine von der Sonne aufgeweichte und von unzähligen Fußspuren zerfurchte Altschneedecke. An manchen Stellen trägt sie dich. Vielleicht. An anderen sinkst du bis zur Hüfte ein. Was wann passiert, lässt sich kaum vorhersagen. Dazu kommt, dass das Gelände meist flach oder nur sanft ansteigend ist. Eigentlich ideal, um zügig im Laufschritt voranzukommen. Wäre da nicht der Untergrund.

Mehrmals sacke ich tiefer in den Schnee ein, als mir lieb ist. Dann passiert es. Vielleicht sinkt mein linker Fuß diesmal besonders tief ein. Jedenfalls verliere ich das Gleichgewicht und muss den Sturz mit beiden Händen abfangen, die tief in die weiche Schneedecke eintauchen. Mein rechter Daumen hat Pech. Er küsst einen der vielen spitzen Kalksteine, die sich unter dem Schnee verstecken.

Ein stechender Schmerz schießt mir in den Finger. Viel Aufmerksamkeit schenke ich ihm zunächst nicht und laufe weiter. Erst als das Gelände etwas einfacher wird, werfe ich einen genaueren Blick darauf.

Zwischen Fingernagel und Finger klafft eine deutliche Lücke. Aus ihr rinnt unablässig Blut.

Viel Altschnee im Steinernen Meer ©peakpixelkcafe

Neue Strecke und starke Athleten am Hochkönig

Einen Tag zuvor: Bei der Startnummernausgabe wird mir ein Tracker gereicht, den ich in meinem Rucksack verstauen muss. Jeder der knapp 200 Teilnehmenden bekommt ein solches Gerät, um jederzeit geortet werden zu können. Ja, das Hochkönig Extreme ist kein gewöhnlicher Traillauf. Zusammen mit dem Kaiserkrone Skyrace ist es vielleicht das technischste und anspruchsvollste Rennen der Ostalpen.

Schon zweimal stand ich hier am Start. Beide Male konnte die Originalstrecke hinauf ins Steinerne Meer nicht absolviert werden: 2019 wegen zu viel Altschnee nach einem Rekordwinter, 2024 wegen eines Wintereinbruchs. Entsprechend nervös wartete ich auf die finale Mail des Veranstalters, die verkündete, welche Strecke gelaufen wird: das Original über das Steinerne Meer oder eine Alternative weiter unten.

Das Wetter ist wechselhaft. Doch ein Glück tut sich genau für den Rennvormittag ein kleines Wetterfenster mit stabilen Verhältnissen auf. „Original course confirmed“, heißt es in der Mail.

Am Vorabend findet das Streckenbriefing statt. Mit dem Veranstalterwechsel am Hochkönig – jetzt Hochkönig Ultraks statt Hochkönigman – hat sich auch die Skyrace-Strecke, die im Ultraks-Kosmos „Extreme“ genannt wird, komplett verändert. Streckenchef Alex Ganster, kürzlich zusammen mit Markus Kröll bei uns im Trailfunk zu Gast, hat einen neuen Kurs gezaubert. Er führt noch weiter westlich ins Steinerne Meer und verlängert dadurch den bereits beschriebenen Abschnitt in diesem einzigartigen Gelände.

Jetzt steht Alex vorne und gibt uns erste Einblicke in das, was uns erwartet. Die Nacht wird für ihn kurz. Schließlich lässt er es sich nicht nehmen, zusammen mit seinem Spezl Markus Kröll in aller Hergottsfrüh den neuralgischen Streckenabschnitt im Schnee eigenhändig zu markieren.

Am nächsten Morgen, kurz vor dem Start um 8:30 Uhr, laufe ich mich gerade warm, als ich die beiden treffe. Verschwitzt, aber grinsend kommen sie vom Berg herunter. Ihre Begeisterung steckt an. Ich freue mich nun umso mehr auf das, was mich in den kommenden Stunden erwartet.

Am Start stehe ich neben vielen bekannten Gesichtern. Neben mir meine Kumpels Ronald und Adrian. Außerdem hat Johannes Wingenfeld, der amtierende Deutsche Ultratrail-Meister und aktuell vielleicht beste deutsche Trailrunner – mit Sicherheit aber der beste deutsche Skyrunner –, nachgemeldet. Der Sieg scheint also vergeben.

Streckenchef Alex Ganster und der Start ©peakpixelcafe und privat

Doch auch viele andere starke Athleten sind am Start: die Langlauf-Profis Max Göther, Lars Völter und Urs Müller, die den Sommer für alpine Abenteuer nutzen, oder der italienische Spartan-Weltmeister Luca Pescollderung.

Dementsprechend hoch ist das Tempo nach dem Start. Ich reihe mich irgendwo um Position zehn ein. Zu Beginn sind die Trails noch moderat steil. Doch schon nach der ersten VP an der Steinalm beginnt der Spaß. Seilversicherte Passagen und Leitern führen uns auf einer alpinen Querung zur Peter-Wiechenthaler-Hütte.

Hier haben die Veranstalter einen strengen Cut-off von zweieinhalb Stunden gesetzt. Wer die knapp zwölf Kilometer und 1300 positiven Höhenmeter im schweren Gelände in dieser Zeit nicht schafft, muss das Rennen leider beenden. Bitter, aber aus Sicherheitsgründen absolut nachvollziehbar. Schließlich ist für den Nachmittag erneut Schlechtwetter angesagt.

Auch wenn die Waden ob der Steilheit schon ordentlich arbeiten müssen, fühlen sich meine Beine heute gut an. Ein kleines Grupetto von drei Läufern, darunter mein Freund Adrian, läuft etwa eine Minute vor mir. Doch dann kommt die Höhe. Meine Achillesferse.

Schon unterhalb von 2000 Metern Seehöhe merke ich, wie mir auf dem steilen Anstieg zur Scharte etwas die Luft ausgeht. Anfang Juni – und ich war in diesem Jahr noch gar nicht in der Höhe unterwegs. Meine Ambitionen, die drei einzuholen, muss ich vorerst begraben und etwas Tempo herausnehmen. Prompt werde ich von hinten eingeholt.

Zum Glück ist die Weißbachlscharte auf rund 2200 Metern bald erreicht und es geht in einen kurzen, aber anspruchsvollen Downhill. Hinab ins Steinerne Meer. Und zum Anfang dieser Geschichte.

Autor Benni Bublak im Downhill ©Ramona Falk

Schnee-Schlamassel und Downhill-Dopamin

Das Blut tropft kontrastreich auf den weißen Schnee. Kurz überlege ich, das Erste-Hilfe-Set herauszuholen und den Finger zu verbinden. Ich verwerfe den Gedanken jedoch schnell und tauche den Daumen stattdessen immer wieder in den kalten Schnee, um die Gefäße zu verengen und die Blutung zu stoppen.

Am meisten Spaß macht der Schnee, wenn es bergab geht. Leider sind diese Abschnitte meist nur von kurzer Dauer.

Nach gefühlt hundert Schneefeldern erreiche ich das Riemannhaus. Eine alpine Schleife trennt uns nun noch vom rettenden Downhill, der uns aus dem Schneeinferno hinausführt. Doch zunächst geht es noch einmal hinauf zum 2450 Meter hohen Wurmkopf.

Inzwischen laufen wir mit fünf oder sechs Athleten innerhalb weniger Sekunden. Ich hänge mich an die Fersen von Robert Oberhollenzer, einem schnellen Südtiroler. Das funktioniert gut. Ich habe das Gefühl, mich inzwischen etwas an die Höhe gewöhnt zu haben.

Kurz vor dem Gipfel holen wir Adrian und einen weiteren Läufer ein. Wir passieren das Gipfelkreuz und stürzen uns zu viert in den technischen Felsdownhill direkt am Grat.

Okay, „stürzen“ ist vielleicht das falsche Wort. Hier muss jeder Schritt sitzen. Rechts geht es hinunter, links geht es hinunter. Vor mir liegt ein Labyrinth aus spitzen und runden, festen und lockeren Steinen und Felsen, durch das man sich die schnellste und einfachste Linie sucht.

Es ist Skyrunning pur.

Die Endorphine schießen mir in die Beine und ins Gehirn. Vorerst allerdings nur kurz. Nach wenigen hundert Metern wartet bereits das nächste Schneefeld-Schlamassel. Mein kleiner Downhill-Vorsprung ist schnell wieder aufgebraucht.

Zurück am Riemannhaus sind wir noch zu dritt. Wir füllen unsere Flasks auf und laufen gemeinsam in den Downhill. Ich hänge mich zunächst hinten dran, um noch ein Gel zu nehmen. Nachdem ich das klebrige Zeug mit Wasser heruntergespült habe, erhöhe ich das Tempo und lasse meine beiden Mitstreiter stehen.

Es ist der Abschnitt des Rennens, auf den ich mich am meisten gefreut habe. Über 1000 Höhenmeter geht es steil und technisch hinab. Das Dopamin treibt mich voran. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es möglich ist, diesen Abschnitt noch deutlich schneller zu laufen – nur um wenige Stunden später auf Strava eines Besseren belehrt zu werden.

Johannes Wingenfeld läuft das 500 Höhenmeter lange Segment vom Riemannhaus hinunter unfassbare 100 Sekunden schneller als ich. Obwohl auch er an diesem Tag noch Luft nach oben sieht, sichert sich der junge Team-Schamel-Athlet souverän seinen dritten Saisonsieg.

Auch bei meinem nächsten Rennen am Wilden Kaiser wird Johannes wieder am Start stehen. Cool. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich ihn als Trailrunning-Fan in dieser Form gern bei den ganz großen internationalen Rennen sehen würde.

Skyrunning pur: Adrian Niski, Sieger Johannes Wingenfeld im Downhill sowie Robert Oberhollenzer und Benni Bublak ©peakpixelcafe und Christian Eberl

Eine Nagel-Analogie

Für den unteren Abschnitt des Downhills haben sich die Veranstalter noch ein besonderes Schmankerl ausgedacht. Statt auf einer Forststraße laufen wir durch ein trockenes, steiniges Flussbett. Hunderte Läuferinnen und Läufer der HK20-Distanz kommen uns entgegen. Ein Glück ist der mit Steinen übersäte Graben breit genug – einen eigentlichen Weg gibt es ohnehin nicht –, sodass genügend Platz für alle bleibt. Die Anfeuerungsrufe der aufwärts marschierenden Kurzdistanzler sind eine willkommene Abwechslung.

Die restlichen Kilometer sind laufbar und vergleichsweise flach. Ich kann den Vorsprung, den ich mir im Downhill herausgelaufen habe, halten und als Sechster ins Ziel in Maria Alm einlaufen. Glücklich mit meiner Leistung, aber noch viel mehr mit diesem spektakulären Skyrunning-Erlebnis der vergangenen viereinhalb Stunden.

Gerne würde ich den restlichen Tag zusammen mit den zahlreichen Finishern aller Distanzen in Maria Alm verbringen. Doch die Sanitäter schicken mich ins Krankenhaus, um meinen Finger versorgen zu lassen.

Im Krankenhaus in Zell am See werde ich bestens betreut. Mein Fingernagel ist nicht mehr zu retten. Nachdem das Nagelbett gründlich gereinigt wurde, wird er jedoch als provisorischer Wundschutz wieder fein säuberlich angenäht.

Bei Ultratrails habe ich schon einige Zehennägel verloren. Das ist ein langsamer Prozess. Nach unzähligen unliebsamen Stoßkontakten mit festen Schuhkappen werden sie erst blau, bevor sie sich nach vielen Wochen langsam verabschieden. Meist ist der neue Nagel darunter dann längst nachgewachsen.

Skyrunning ist anders. Schneller, unmittelbarer, adrenalingeschwängerter. Ultratrails nehmen dir die Nägel Stück für Stück. Skyrunning reißt sie dir auf einen Schlag vom Finger.

Der Nagel wird nachwachsen. Die Erinnerung an dieses spektakuläre Skyrunning-Abenteuer am Hochkönig aber wird noch fortbestehen, wenn die Wunde längst verheilt ist.

Ein Fingernagel weniger, eine Geschichte mehr.

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