Rachel Entrekin: Der neue Hype um 200-Meiler und Cyborg-Ultraprojekte

Wer ist Rachel Entrekin? Nach ihrem grandiosen Triumph beim Cocodona 250 wollten wir genau das herausfinden – und gingen dabei auch der Frage nach, warum 200-Meiler und Ultralauf-Projekte wie das von Arda Saatci inzwischen weit mehr Menschen erreichen als der vermeintlich klassische Trailrunning-Sport.

„Alles ist Training. Mach so viel wie möglich. Variiere die Bedingungen so stark, wie du nur kannst. Iss eine ganze Pizza, trink zwei Bier und lauf danach 20 Meilen durch die Nacht.“

Wenn Rachel Entrekin das Training für einen 200-Meiler im Singletrack Podcast beschreibt, könnte das kaum simpler klingen. Ehrlich gesagt waren die Amerikaner schon immer besser darin, die Einfachheit des Laufens zu feiern, als wir Europäer. Einer, der das ganz besonders gut konnte – und immer noch kann –, ist Jamil Coury. Den langhaarigen Ultraläufer kennen viele durch seine sich selbst nie ernst nehmende Tätigkeit als YouTuber auf dem Kanal Run Steep Get High oder als den Typen, der seit Jahren vergeblich versucht, sein Lieblingsrennen, die Barkley Marathons, zu finishen. Coury war schon Teil der Szene, als ein 100-Meiler wie der Western States 100 noch eine wilde Reise mit vielen Unbekannten war – und kein durchgetaktetes Abarbeiten wissenschaftlicher Trainingspläne, Splitzeiten und exakt abgewogener Kohlenhydrat-Rationen.

Es ist dieser wilde und anarchische Vibe, der nun viele Jahre später in der Eventserie weiterlebt, die Coury 2009 gründete. Aravaipa Running heißt die Firma, die inzwischen über 50 Trail- und Ultrarunning-Events in den gesamten USA organisiert. Rennen mit wilden Logos, innovativen Konzepten und starker Community-Bindung. Da wäre zum Beispiel der Javelina Jundred, der nicht nur ein Rennen, sondern auch eine riesige Kostümparty mit 80er-Jahre-Hippie-Vibe ist. Und eben der Cocodona 250: ein A-nach-B-Rennen über 250 Meilen, das die ikonischsten Trails Arizonas verbindet und in der Trail-Hauptstadt Flagstaff endet.

Aravaipa-Gründer Jamil Coury Bild: Coury/Youtube

Es sind inzwischen offenbar mindestens 200 Meilen, die es im Jahr 2026 braucht, um den wilden, unberechenbaren und ungezähmten Geist des Laufens zu verkörpern. Der Cocodona 250 steht genau dafür. Und Rachel Entrekin ist das Gesicht dieses Rennens. Sie gewann das Rennen in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge und stellte dabei einen neuen Streckenrekord auf. 56 Stunden, 9 Minuten und 48 Sekunden brauchte sie für die 407 Kilometer und 12.200 Höhenmeter. Krasse Zahlen – und doch für die meisten Menschen nur schwer nachvollziehbar. Wer kann sich schon vorstellen, was es bedeutet, zweieinhalb Tage durchzurennen und dabei nur 19 Minuten zu schlafen?

Der Fakt, der Rachel über Nacht zur absoluten Laufikone sämtlicher internationaler Medien machte, ist allerdings ein anderer: Sie ließ alle Männer hinter sich. Und nicht zu vergessen: Courtney Dauwalter, die größte Ultraläuferin aller Zeiten. Rachel selbst spricht nicht offensiv darüber, dass sie vor allen Männern das Zielbanner in Flagstaff durchlief. Stattdessen propagiert sie die Einstellung, sich selbst nicht kleinzumachen beziehungsweise sich nicht durch externe Restriktionen begrenzen zu lassen. „Wenn das hier irgendjemand gewinnen wird – warum dann nicht du?“ war das Mantra, das sie durch das Rennen trug.

Zwar hatte sie einen Zeitplan für das Rennen, festgehalten in einer Excel-Tabelle. Doch eigentlich, so gesteht sie nach dem Rennen, wusste sie schon beim Erstellen, dass sie sich nicht daran halten würde. Bereits in der ersten Hälfte des Rennens war sie deutlich schneller unterwegs als geplant und verließ sich beim Pacing komplett auf ihr Gefühl.

„Ins Büro zu gehen und vor einem Computer zu sitzen, fühlt sich für mich nicht natürlich an. In den Bergen zu laufen und dabei zu versuchen, nicht zu sterben, fühlt sich für mich sehr natürlich an.“ Das ist nur eines von vielen druckreifen Zitaten, die Rachel in Podcasts liefert. Trotz ihrer starken Liebe zur Natur, zu den Bergen und zum Laufen gehört sie nicht zu jener Art von Athleten, die sich allein und abgeschottet in der Natur am wohlsten fühlen. Rachel ist kontaktfreudig, redselig und blüht in Gesellschaft auf.

Start zu 250 Meilen beim Cocodona 250 © Scott Rokis Productions

Das Laufen begann die inzwischen 35-jährige Athletin aufgrund einer ausgeprägten Essstörung zu Highschool-Zeiten. Schnell entdeckte sie, dass sie zwar nicht besonders schnell, dafür aber außergewöhnlich robust war. „Ich konnte auf Anhieb drei Stunden laufen.“ Dass Rachel den Sport zunächst eher als Ventil zur Überwindung persönlicher Probleme entdeckte und der Wettkampfgedanke erst Jahre später hinzukam, prägt ihre Herangehensweise bis heute.

„Es ist mir weniger wichtig zu gewinnen, als darauf stolz zu sein, was ich da draußen zustande bekomme“, sagt sie – um kurz darauf zu betonen, dass der Wettkampf selbst für sie dennoch etwas Positives sei. Ein Werkzeug, um herauszufinden, was für eine Art Mensch sie ist, wenn Dinge hart werden. Als sie anschließend schildert, wie die Vorstellung, Kilian Korth – der Zweitplatzierte des Cocodona 250 – könnte sie noch einholen, sie zu Höchstleistungen antrieb, wird klar, wie konsequent Rachel den Fakt ausblendet, dass Kilian als Mann streng genommen in einer eigenen Wertung unterwegs ist.

Die Faszination für den Cocodona 250 und für Rachels Leistung innerhalb der Ultralauf-Community war riesig. Der Cocodona-Livestream entwickelte sich 2026 endgültig zu einem Massenphänomen: Über alle Streams hinweg wurden laut öffentlich einsehbaren Analytics rund 1,5 Millionen Aufrufe registriert. Einzelne Übertragungen erreichten mehrere hunderttausend Views. Und doch wurde diese Aufmerksamkeit für das Phänomen ultralanges Laufen kurz darauf noch einmal getoppt.

Arda Saatçi auf dem Weg zu 600 Kilometern © Red Bull Content Pool

Fast zeitgleich mit Rachels Finish beim Cocodona 250 ereignete sich das nächste mediale Großereignis des Ultralaufsports. Arda Saatci, ein Berliner Influencer, lief im Death Valley 604 Kilometer in 123 Stunden. Waren die Zuschauerzahlen des Livestreams von Rachel Entrekins Zieleinlauf bereits beeindruckend, wurden sie von den Zuschauenden des von Red Bull gesponserten Projekts von Saatci noch deutlich übertroffen. Saatci erreichte eine Zielgruppe weit außerhalb der üblichen Ultralauf-Bubble.

Innerhalb der Core-Community aber sorgte diese enorme Aufmerksamkeit natürlich für einiges an Unverständnis. Ist jemand, der mehr geht als läuft, überhaupt ein richtiger Läufer? Warum bekommt jemand, dessen Leistung innerhalb des Ultralauf-Kosmos weit entfernt von einer neuen sportlichen Dimension eingeordnet wurde, so unfassbar viel mehr Aufmerksamkeit als alle anderen? Sogar mehr als Rachel Entrekin, deren Leistung – so viel lässt sich durchaus objektiv sagen, wenn man die auf den ersten Blick absurden Zahlen genauer betrachtet – sportlich deutlich höher einzuschätzen ist als die von Saatci.

Abgesehen davon, dass in dieser Debatte unterschiedlichste Themen – Feminismus, Anerkennung sportlicher Leistungen und die Frage, ab wann man überhaupt noch von Laufsport sprechen darf – wild miteinander vermischt wurden, hat die Antwort darauf vermutlich mehr mit unserem modernen Medien- und Wirtschaftssystem zu tun als mit dem Laufsport selbst.

" So absurd es klingt: Ist es vielleicht nahbarer, 250 Meilen in Rekordzeit zu laufen als 42,195 Kilometer in unter zwei Stunden? "

Ist die spannendere Frage für uns Läufer nicht vielmehr: Welcher Geist steckt hinter diesem absurd langem laufen? Ein Geist, der nicht nur uns Ultraläufer, sondern auch unzählige Menschen fasziniert, die zuvor noch nie einen Kilometer gelaufen sind?

Kürzlich liefen erstmals zwei Menschen den Marathon unter zwei Stunden. Eine Pace von: 2:50 min/km. Eine unfassbar schnelle, ja fast nicht nachvollziehbare Geschwindigkeit.

So absurd es klingt: Ist es vielleicht nahbarer, 250 Meilen in Rekordzeit zu laufen als 42,195 Kilometer in unter zwei Stunden? Die Pace der Marathonrekordhalter schaffen selbst trainierte Menschen kaum länger als 100 Meter aufrechtzuerhalten. Die Pace von Rachel Entrekin oder Arda Saatci dagegen ist auch die unsere – nur halten die beiden sie sehr viel länger aufrecht.

Wenn selbst biologische Gesetzmäßigkeiten wie Geschlechterunterschiede plötzlich keine leistungsdeterminierende Rolle mehr zu spielen scheinen – können wir dann vielleicht alle so weit laufen wie Rachel und Arda? Oder zumindest ansatzweise? Ist die Frage, wie weit wir laufen können, deshalb faszinierender als die Frage, wie schnell wir laufen können, weil sie diese Ebene des unbekannten Potenzials enthält, die vielleicht in jedem von uns schlummert? Weil sie zumindest bis zu einem gewissen Punkt eher eine Frage des geistigen als des physischen Potenzials ist?

Rachel Entrekin im Ziel des Cocodona 250 © Scott Rokis Productions

Den Cocodona 250 noch schneller zu laufen, ist inzwischen auch für Rachel Entrekin kein Antrieb mehr. Nach ihren drei Siegen wird sie nächstes Jahr eine Cocodona-Pause einlegen. Irgendwann aber, so sagt sie, wird sie wieder am Start dieses faszinierenden Rennens stehen. Dann allerdings nicht, um schneller zu sein, sondern um eine neue Unbekannte zu erschließen:

„Ich bin dieses Rennen oft genug mit Support gelaufen. Jetzt möchte ich sehen, was passiert, wenn ich mich dieser Herausforderung ohne Pacer und Supporter stelle.“

Backyards, Barkley, Cocodona und jetzt die Cyborg Season. Es ist diese Komponente des unbekannten Abenteuers, das Eliminieren des Faktors Kontrolle, welches anscheinend unzählige Menschen fasziniert und anzieht. Und natürlich die Akteure, seien es Arda oder Rachel, die es schaffen, aus dieser Konfrontation mit dem Ungewissen und Beängstigenden als Sieger und Finisher hervorzugehen. Angesichts einer Welt, die immer mehr an Gewissheiten verliert und immer mehr Unsicherheiten produziert, liegt vielleicht genau darin ein gewisser Zeitgeist.

Dass der Zugang von Rachel Entrekin beim Autor dieser Zeilen deutlich mehr Resonanz erzeugt als die offensichtlich marketinggetriebene „Niemals aufgeben“-Erzählung von Arda Saatci, soll am Ende dieses Textes nur eine persönliche Randbemerkung bleiben.

Hochkönig Extreme: Ein Fingernagel weniger, ein Skyrunning-Abenteuer mehr!

Sechs Medaillen für Deutschland – DLV-Team glänzt bei Europameisterschaften