Hinzu kam die Festival- und Markenwelt mit viel Content, vielen Creatorn, vielen Reels, vielen Interaktionen und großer Sichtbarkeit. Und irgendwo stand eben auch ein VIP-Zelt an der Finish Line. Ich weiß, dass das im modernen Sport normal ist und dass Sponsoren, Partner, Medien und bestimmte Gäste irgendwo untergebracht werden müssen. Trotzdem fand ich diesen Anblick seltsam, nicht dramatisch oder skandalös, sondern einfach nur seltsam. Trailrunning verkauft sich schließlich gerne als Sport der Erdung, der Einfachheit, der Nähe zur Natur und der Community. Und dann steht eben ein VIP-Zelt an der Ziellinie. Vielleicht bin ich altmodisch, vielleicht bin ich auch einfach nicht wichtig genug, um eingeladen zu werden. Das spielt sicher ebenfalls eine Rolle.
Die Social-Media-Seite der Sache fand ich noch unangenehmer. Es geht nicht darum, einzelne Creator anzugreifen. Warum sollten Menschen nicht kommen, wenn sie eingeladen werden? Warum sollten sie nicht posten, wenn das ihr Job oder Hobby ist? Warum sollten sie nicht begeistert sein, wenn sie ein großartiges Wochenende in Innsbruck erleben? Das wäre absurd. Es geht auch nicht darum, dass Marken keine kommerziellen Ziele verfolgen dürfen. Natürlich wollen Schuhhersteller Schuhe verkaufen. Ein Hersteller, der Schuhe produziert und anschließend hofft, dass niemand sie kauft, hätte ein eher eigenwilliges Geschäftsmodell.
Aber die Gesamterzählung ist entscheidend.
Wenn gefühlt jede zweite Person mit Kamera unterwegs ist, wenn der erste Trailrun direkt als Content-Event inszeniert wird, wenn Menschen mit maximaler medialer Verwertbarkeit und teilweise fragwürdiger Materialwahl in diesen Sport hineingeschoben werden, dann muss man zumindest fragen dürfen, welche Geschichte wir hier eigentlich erzählen und wem sie hilft. Carbon-Treter für den ersten Trailrun sind vielleicht ein gutes Bild für dieses Spannungsfeld. Nicht, weil Carbon böse ist oder schnelle Schuhe verboten gehören, sondern weil sie sinnbildlich dafür stehen, dass der Sport manchmal von der Spitze her erzählt wird: vom Produkt, vom Tempo, vom Bild und vom Versprechen. Doch Trailrunning beginnt für viele Menschen nicht mit Performance, sondern mit Unsicherheit, Stolpern, zu schnellem Loslaufen, zu wenig Essen und dem ersten Downhill, bei dem sie merken, dass die Schwerkraft zwar zuverlässig, aber nicht zwingend empathisch ist.
Und genau da braucht es gute Begleitung statt Belehrung, denn ich glaube stark an Eigenverantwortung. Aber Eigenverantwortung braucht Kontext, und dieser entsteht nicht automatisch durch ein Reel, ein Paar Schuhe und ein „LFG“.
Wollen wir Trailrunning als Sport präsentieren, in den man langsam hineinwächst, oder als Bühne, auf der man möglichst schnell sichtbar wird? Wollen wir Menschen vorsichtig an Berge heranführen oder möglichst viele Menschen möglichst schnell in ein gut filmbares Erlebnisformat bringen?
Und wann haben wir eigentlich damit angefangen, völlig unironisch mit Fahnen von Schuhherstellern auf Bergen zu stehen – oft sogar ohne dafür bezahlt zu werden? Das ist vielleicht keine zentrale sportethische Frage des 21. Jahrhunderts, aber ganz unwichtig ist sie auch nicht. Irgendwann steht man da oben, hält ein Logo in den Wind und denkt daran, dass Menschen früher Fahnen auf Gipfel getragen haben, um Expeditionen zu markieren, während wir es heute tun, damit ein Brand Manager in einer Präsentation „authentic community reach” schreiben kann. Das ist lustig und ein bisschen traurig, aber vermutlich auch einfach Gegenwart.