Braucht es Frauentrailläufe? Ein Pro und Contra

Frauenläufe kennt man aus dem Straßenlauf. Nun gibt es sie auch im Trailrunning: Kürzlich wurde der Swiss Women’s Trail angekündigt. Das Ziel der Veranstalter ist es, „einen inklusiven Raum zu schaffen, in dem jede Läuferin ihre Grenzen in einem unterstützenden und vertrauensvollen Umfeld erweitern kann.“ Das wirft eine kontroverse Frage auf: Braucht es geschlechtergetrennte Veranstaltungen? Wir haben zwei Trailläuferinnen nach ihrer Meinung gefragt. Herausgekommen sind zwei Positionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

CONTRA – Juliane findet, dass Trailläufe nur für Frauen ihr Ziel komplett verfehlen

FRAUENTRAILLÄUFE? Nein, danke!

Ich bin eine Frau und empfinde Frauentrailläufe als eine Frechheit. Hier meine vier Argumente.

1. Frauenläufe sind paternalistisch verpackt

Denn was steckt dahinter? Das unterstellende Narrativ scheint bequem: Frauen bräuchten einen eigenen Raum, um sich an diesen toughen Sport Trailrunning heranzutasten. Als wäre der Trail zu roh, zu hart für uns. Als müssten wir erst unter uns üben, bevor wir „richtig“ mitlaufen dürften.

Ernsthaft?

Frauentrailläufe machen aus Stärke Schutzbedürftigkeit. Aus Selbstermächtigung ein kuratiertes Empowerment-Event, schlechtestenfalls mit rosa Startnummernfarbe. Schlimm! Dieses scheinheilige „Safe Space“-Argument klingt vielleicht auf Instagram gut, aber auf dem Trail zählt etwas anderes: Eigenverantwortung und Entscheidungsfähigkeit, was ich Trailläuferinnen zutraue. Wer bei Kilometer 70 in der Nacht steht, und nicht mehr weißt, ob er/sie weitergehen kannt – dem/der hilft auch kein gut gemeinter „geschützter Rahmen“. Frauenläufen ist damit zweierlei immanent: Die formelle Unterschätzung der Frauen selbst plus eine unnötige Diskriminierung von Männern, die solchen Läufen fernbleiben müssen.

2. Wir unterschätzen damit genau die Frauen, die diesen Sport längst für sich erobert haben

Denn die Realität sieht so aus: Frauen stehen seit Jahren in denselben Startfeldern, kämpfen durch denselben Matsch, zerlegen sich an denselben Cut-offs. Sie gewinnen Gesamtwertungen, laufen Streckenrekorde, überholen Männer im Downhill mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Sonderkategorie absurd wirken lässt. Und dann sollen sie plötzlich einen eigenen Lauf brauchen? Ein Affront! Ein Rückschritt mit gut gemeintem Marketing.

3. Der Berg diskriminiert nicht

Trailrunning als Schonraum, als pinkfarbener Rückzugsort, als pädagogisch wertvoll kuratiertes Erlebnis mit Feel-Good-Garantie? Nein, danke, Trailrunning ist Chaos, Dreck, Grenzerfahrung und wir lieben das. Es ist egal, ob du Kilian heißt oder Courtney – der Berg diskriminiert nicht. Der Anstieg fragt nicht nach deinem Geschlecht. Der Downhill ist für alle gleich gnadenlos – wie demokratisch.

4. Community und Unterstützung entstehen nicht durch künstliche Trennung, sondern durch gemeinsames Leiden.

Durch das Wissen: Wir sind alle gleich im A*sch. Genau das ist doch die Magie unseres Lieblingssports. Frauentrailläufe verschieben den Fokus weg von Leistung, Erfahrung und Abenteuer – hin zu Identität. Wir laufen Ultras, um gemeinsam zu eskalieren. Nicht, um uns einzusortieren und separieren. Willkommen im Trailrunning. Hier gibt es keine Sonderkategorien. Nur den nächsten Anstieg – für ALLE.

P.S.: Lasst uns lieber darüber diskutieren, wie die Rennen von Trailläuferinnen mehr Aufmerksamkeit bekommen und nicht im Männerrennen „untergehen“.

Fotos: Swiss Canyon Trail

PRO - Steffi ist der Meinung, dass Frauentrailläufe eine längst überfällige Ergänzung des Sports sind

FRAUENLÄUFE! So wichtig.

Ich finde: Frauenläufe sind kein Rückschritt – sie sind ein notwendiger Schritt nach vorn.

1. Frauenläufe sind kein „Abklatsch“ – sie setzen eigene Maßstäbe

Frauenläufe sind nicht die kleinen Brüder eines männlich geprägten Sports. Sie sind eine Einladung, den Sport grundsätzlich zu hinterfragen: Warum messen wir alles an Zeiten, Rankings und Härte? Viele große Rennen entwickeln sich immer stärker zu exklusiven Prestigeprojekten, egal ob Straße oder Trail. Sie werden immer teurer, selektiver, oft dominiert von einer sehr homogenen Elite. Frauenläufe setzen bewusst einen Kontrapunkt: Mehr Erlebnis, mehr Gemeinschaft, weniger Leistungsdruck. Und ganz ehrlich: Ist der Ursprung des Bergsports nicht genau das? Zeit in der Natur, Selbstwirksamkeit, Erfahrung – statt reiner Performance? Frauenläufe erweitern den Sport. Sie reduzieren ihn nicht.

2. Frauenläufe öffnen Türen, statt sie zu schließen

Nicht jede Frau steigt selbstbewusst in ein gemischtes Startfeld ein – und das hat Gründe. Frauenläufe schaffen niedrigere Einstiegshürden: weniger soziale Vergleichsspannung, weniger Angst vor Bewertung, mehr Raum, sich auszuprobieren. Das ist kein „Schonraum“. Das ist ein möglicher Einstieg in den Bergsport. Wer mehr Menschen im Sport will, muss Zugänge schaffen – nicht nur behaupten, dass „alle ja teilnehmen könnten“.

3. Der Berg diskriminiert nicht – die Szene manchmal schon

Das Argument klingt gut, greift aber zu kurz. Ja, der Berg ist neutral. Die Strukturen im Sport sind es nicht. Sexismus im Berg- und Ausdauersport ist dokumentierte Realität: abwertende Kommentare, fehlende Anerkennung, das Phänomen, dass wenn Frauen Männer überholen, das Ganze „gechickt!“ genannt wird – why? Das sind keine Einzelfälle, sondern kulturelle Muster. Frauenläufe sind daher nicht Ausdruck von Schwäche – sondern eine bewusste Reaktion auf reale Ungleichheiten.

4. Frauenläufe schaffen Sichtbarkeit – und nehmen Bedürfnisse ernst

Sichtbarkeit entsteht nicht automatisch in gemischten Feldern. Oft passiert das Gegenteil: Frauenleistungen gehen unter. Frauenläufe rücken gezielt in den Fokus: weibliche Vorbilder, andere Geschichten. andere Perspektiven auf Leistung. Und sie berücksichtigen Realitäten, die im gemischten Setting oft ignoriert werden: Menstruation, Schwangerschaft und Rückkehr in den Sport, andere körperliche und soziale Voraussetzungen. Das ist keine Sonderbehandlung. Das ist längst überfällige Differenzierung.

Fazit: Frauenläufe trennen nicht – sie ergänzen. Sie schwächen den Sport nicht – sie machen ihn vollständiger. Wer echte Gleichberechtigung will, muss anerkennen, dass Gleichheit nicht durch Ignorieren von Unterschieden entsteht, sondern durch das bewusste Gestalten von fairen Bedingungen.

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