Auf Teilzeit reduzieren, um mehr zu laufen?

»Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit« hieß die Überschrift eines Antrags des Wirtschaftsflügels der Union. Sollten wir Läufer uns angesprochen fühlen? Ist es ok, wenn wir die Arbeitszeit reduzieren, um mehr zu laufen? Ein Pro und Contra! Da wir niemanden unserer Autoren für die Contra Position gewinnen konnten, mussten wir einen Gast-Autoren engagieren ;)

PRO – Benni hat selbst schon Teilzeit genommen, um mehr Laufen zu können

Teilzeit arbeiten, um mehr auf Trails zu laufen? Ich muss zugeben, dass allein der Gedanke an diese Möglichkeit bereits eine privilegierte Ausgangsposition voraussetzt. Manche Menschen gehen in Teilzeit, um ihre Eltern zu pflegen, andere, um Care-Arbeit zu übernehmen – meist Frauen. Dazu kommt, dass man es sich finanziell leisten können muss, auf einen Teil des Einkommens zu verzichten. Auch ich habe, in einer Phase, in der ich den Sport noch professioneller betrieben habe, über längere Zeit in Teilzeit gearbeitet. Bei sehr ambitionierten Athletinnen und Athleten mag das akzeptiert sein. Aber ist es auch für Hobbysportler vertretbar, Arbeitszeit zu reduzieren, um einfach mehr Raum für das zu haben, was wir alle am liebsten tun: Trails laufen?

Ich finde: Ja, natürlich!

Wir müssen alle mehr arbeiten, um den Wirtschaftsstandort Deutschland wettbewerbsfähiger zu machen und unseren Wohlstand zu sichern, fordert unser Bundeskanzler. Nun gut – nehmen wir einmal an, ich reihe mich in diese ohnehin sehr verkürzte Definition von Wohlstand ein. Ist die reine Arbeitszeit wirklich ein guter Gradmesser für das, was ein Arbeitnehmer imstande ist zu leisten? Wohl kaum. Leistung ist Arbeit pro Zeiteinheit. Uns Läufern ist dieser physikalische Grundsatz nur allzu vertraut. Niemand käme auf die Idee, beim UTMB denjenigen zum Sieger zu erklären, der kurz vor dem Cut-off wieder in Chamonix eintrudelt, nur weil er am Ende den längsten „Arbeitszeitnachweis“ erbracht hat.

Wer am längsten im Büro abhängt, ist noch lange nicht derjenige mit dem größten Output. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall: Nach mehreren Stunden monotoner Arbeit sinkt die Konzentration, die Effizienz leidet. Vergleichbar mit einem langen alpinen Ultratrail. Im ersten Anstieg steigen wir vielleicht noch mit 800 Höhenmetern pro Stunde, im dritten nur noch mit 500. Den vierten kommen wir kaum mehr hoch. Zeit für einen Powernap oder eine längere Pause an der Verpflegungsstation. Akkus wieder aufladen.

Beim Arbeiten ist es im Grunde ähnlich – nur andersherum. Wir brauchen das Laufen als Auszeit. Vormittags vier Stunden arbeiten, dann eine Lauf-Auszeit plus Mittagessen, anschließend gestärkt und mit neu aufgebauter Motivation noch einmal zwei Stunden am Nachmittag arbeiten. Klingt nach dem perfekten Arbeitstag. Niemand kann mir ernsthaft erzählen, dass ein Arbeitnehmer, der seine Laufpassion in den Arbeitsalltag integrieren kann und dadurch beseelt ist, nicht imstande wäre, in 6 Stunden effektiv dasselbe zu leisten wie jemand, der acht Stunden im Akkord arbeitet.

Natürlich hat diese Idee ihre Grenzen. Für Menschen an Supermarktkassen, im Postauto oder auf dem Bau ist sie kaum umsetzbar. Doch genau hier offenbart sich die Leistungslüge: Da fordern Manager und Führungskräfte, die sich Arbeitsstunden voller sinnloser Meetings, Kaffeepausen und Excel-Schiebereien fürstlich bezahlen lassen, mehr Arbeit von jenen, die acht Stunden und mehr für viel zu wenig Geld malochen.

Aber was erzähle ich. In einer Welt, in der Individuen Millionen verdienen, weil sie ihr Telefonbuch für Firmen wie BlackRock öffnen, ist das Wort „Leistung“ ohnehin zur Farce verkommen. Und lasst euch nichts von Wohlstand erzählen: Wer weniger arbeitet und dafür mehr Zeit laufend auf fußbreiten Pfaden verbringt, während ihm die Sonne ins Gesicht und die Berge ins Gemüt strahlen, hat die eigentliche Bedeutung dieses Wortes längst verstanden.

CONTRA – Fritze Merzathon plädiert für wirtschaftsfreundliches Laufen. Trailrunner mag er nicht.

Ich mag euch Läufer ja. Also: Wenn es mein stressiger Arbeitsalltag zulassen würde, würde ich ja auch mehr laufen. Aber mein Leben ist so schon ein einziger Marathonlauf. Schaut mich an: lange Beine, drahtiger Oberkörper, eingefallene Wangenknochen. Einer wie ich muss nicht trainieren. Den Marathon schaffe ich sicher auch so unter drei Stunden. Aber wozu? Bezahlt mich ja keiner dafür.

Trotzdem freue ich mich, wenn ihr lauft. Laufen ist gesund. Wer läuft, ist weniger krank. Wer weniger krank ist, kann mehr arbeiten. Eine tolle Sache.

Schon allein deshalb verstehe ich die hier aufgeworfene Frage gar nicht. Arbeitszeit reduzieren, um zu laufen? Wo ist denn da der logische Schluss? Laufen, um mehr arbeiten zu können – das ergibt Sinn.

Kennt ihr diese Laufbänder, auf denen man oben einen Laptop platzieren kann? Die sind super. Am Meeting teilnehmen und gleichzeitig die Beine bewegen. Sauerstoffaufnahme und Bruttoinlandsprodukt steigern in einem Atemzug. Finde ich großartig. Laufband, das ist sowieso eine fantastische Erfindung. Mit dem Kauf eines solchen Geräts schafft man Arbeit, und wenn man draufsteht, kann man einfach weiterarbeiten. Oder weiter konsumieren. Aktienkurse checken, einen Thermomix kaufen oder von mir aus auch einfach Netflix schauen. Hauptsache, es hilft der Wirtschaft. Multitasking statt Teilzeit-Lifestyle. So mag ich den deutschen Läufer.

Auch fürs Stadtbild sind Laufbänder eine Win-win-Situation. Ich meine: Diese Dreiviertelhosen, Kompressionsstrümpfe und reflektierenden Plastikjacken – wer braucht das in der Innenstadt?

Am schlimmsten sind ja die, die am Berg laufen oder im Wald. Trailrunning! Was soll das sein? Laufen für Lifestyle-Linke? Erst brauchen sie stundenlang, um überhaupt zum Berg zu kommen, dann tun sie so, als würden sie den Berg hochlaufen, sind aber auch nur unwesentlich schneller als Charlotte bei ihrer täglichen Nordic-Walking-Runde. Oben dann eine ausgedehnte Gipfelrast und anschließend wieder runterrennen. Downhill – was für eine sinnfreie Disziplin. Herzfrequenz unter 100 und trotzdem am nächsten Tag Muskelkater. Die reinste Zeitverschwendung.

Und schon ist der Tag rum: acht Stunden Zeit verbrannt für einen Trainingseffekt, den ich auch in 45 Minuten auf dem heimischen Laufband erzielen kann. Trailrunning nennen sie das. Ich nenne das Sozialschmarotzertum. Und dafür will diese besonders arbeitsscheue Spezies jetzt auch noch die Arbeitszeit reduzieren? Nicht mit mir.

Wie gesagt: Ich bin fürs Laufen. Wirtschaftsfreundliches Laufen.
Wie sagte schon Emil Zátopek:
„Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch arbeitet.“

Der mit den Steinen tanzt: Trailrunning trotz Cerebralparese

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