Wovon wir reden, wenn wir von Trailkultur reden

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Gibt es eine Trailkultur? Wenn ja, was zeichnet sie aus? Ein Nachdenken über vermeintliche gemeinsame äußere Merkmale und innere Werte der Trailrunning-Community.

Trail und Kultur, wie passt das zusammen? Auf welche Art und Weise verschmelzen die beiden Begriffe semantisch und inhaltlich zu etwas Neuem, etwas, das als Trailkultur bezeichnet werden könnte? Sprachbildlich gesehen ist es einfach. Man löscht ein Leerzeichen, ersetzt einen Großbuchstaben durch einen Kleinbuchstaben, rückt die beiden Wörter zusammen und voilà, das neue Wort Trailkultur ist erschaffen. Auf inhaltlicher Ebene ist es komplexer. Was bedeutet Trailkultur? Gibt es diese überhaupt? Wenn ja, was zeichnet sie aus?

Die Überschrift dieses Artikels ist natürlich dem Laufbuch-Klassiker des Japaners Haruki Murakami entlehnt, der in seinem Werk „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ eine wortgewandte und ausführliche 168-seitige Erklärung abgibt. Keine Angst, wir wollen uns kürzer fassen.

Impressionen des Ultra Trail Snowdonia by UTMB. Alle Fotos: UTMB

Als Artikelkategorie bei Alles Laufbar verwenden wir das Wort pragmatisch für all jene Themen, die sich dem Trailrunning unkonventionell, kreativ und häufig auf einer theoretischen Ebene annähern. Wir hätten die Kategorie auch Trail-Feuilleton nennen können. Aber mal ehrlich, wer von uns ohne abgeschlossenes Germanistikstudium kann das Fremdwort Feuilleton schon korrekt aussprechen, geschweige denn buchstabieren? Eben. Also Trailkultur.

" Ist es die GPS-Uhr am Handgelenk? Der Starterbeutel des letzten Rennes als Einkaufstasche im Supermarkt? Die aussortierten und zum Alltagsschuh umfunktionierten Trailrunningschuhe? "

Der Duden definiert, Kultur sei die „Gesamtheit der von einer bestimmten Gemeinschaft auf einem bestimmten Gebiet während einer bestimmten Epoche geschaffenen, charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen“. Diese Definition ist für unsere Zwecke sehr brauchbar. Es geht demnach um die spezifischen, teilweise sichtbaren, teilweise unsichtbaren Charakteristika der Gemeinschaft der Trailrunner. Fangen wir mit den sichtbaren kulturellen Merkmalen an. Wie sieht es mit ästhetischen Gemeinsamkeiten aus? Was ist mit der Sprache? Lässt sich ein Trailrunner in einer Gruppe von Menschen identifizieren? Verrät ihn oder sie etwas?

Sichtbare Trailkultur

Ist es die GPS-Uhr am Handgelenk? Der Starterbeutel des letzten Rennes als Einkaufstasche im Supermarkt? Die aussortierten und zum Alltagsschuh umfunktionierten Trailrunningschuhe? Großflächige Tattoos, ein T-Shirt mit künstlerlisch-designter Berg-Silhouette, eine umgedrehte, natürlich atmungsaktive Baseballcap? Bei Männern wahlweise ein Holzfäller- oder Schnurrbart? Ist es die Fähigkeit, sich mittels – für Nichteingeweihte rätselhaft wirkende – Buchstabenkombinationen wie UTMB, UTMR oder UTFS verständigen zu können?

Zugegeben, bei einer Ansammlung von Stereotypen und Klischees ist ein (häufiger) Irrtum vorbehalten, aber Distinktionsmerkmale gibt es im Trailrunning zuhauf. Auch sie sind Teil einer Trailkultur. Unser Autor Chris Z hat sich in seinem Text „Ab wann ist man Trailrunner?“ ebenfalls mit diesen Merkmalen beschäftigt. Seiner Meinung nach ist es bei Trailrunnern, im Gegensatz zu Mitgliedern anderer Subkulturen (er führt das Beispiel Heavy Metal an), nicht ohne weiteres möglich, einen gemeinsamen „Look“ festzustellen. Vielleicht sind es vielmehr die inneren Werte, die uns zu einer Gemeinschaft zusammenschweißen?

Impressionen des Ultra Trail Snowdonia by UTMB. Alle Fotos: UTMB

Unsichtbare Trailkultur

Die amerikanische Trailrunning-Plattform Freetrail hat sich in einem Artikel an eine Definition des Begriffs Trailkultur gewagt. „Trail Culture represents the spirit of the global trail running community”, heißt es dort. Ins Deutsche übersetzt: Trailkultur repräsentiert den Geist (oder etwas transzendenter: die Seele) der weltweiten Trailrunning-Gemeinschaft. Konkretisiert wird dieser Satz mit einer Auflistung von vier Prinzipien: Inklusivität, Gemeinschaft, Anstrengung, Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur.

Mit Inklusivität ist eine weltoffene und tolerante Einstellung gegenüber alten und neuen Trailrunning-Interessierten gemeint. Das Wort Gemeinschaft oder Community beschreibt die Hilfsbereitschaft, mit der wir uns ehrenamtlich im Rahmen des Sports engagieren und uns untereinander unterstützen. Der Respekt vor der Anstrengung, die Trailrunning auch mit sich bringt, ist laut Freetrail ebenso ein essenzieller Baustein der Trailkultur. Zuletzt wird das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur genannt, das Trailrunner dazu verpflichtet, die Trails, wie wir sie heute vorfinden, für nachkommende Generationen zu bewahren.

" Ein Kollektiv aus Individuen, das sich durch die geteilte Leidenschaft für den Sport und gemeinsame ethische Orientierungspunkte seiner Selbst vergewissert und den aktiv oder passiv Teilhabenden ein Zusammengehörigkeitsgefühl stiftet. "

Wenn das stimmt, dann stellen Trailrunner eine Art Wertegemeinschaft dar. Ein Kollektiv aus Individuen, das sich durch die geteilte Leidenschaft für den Sport und gemeinsame ethische Orientierungspunkte seiner Selbst vergewissert und den aktiv oder passiv Teilhabenden ein Zusammengehörigkeitsgefühl stiftet.

Auch wenn Trailkultur schwer greifbar oder definierbar ist, sie ist genau dann existent, wenn wir uns einander begegnen, uns ineinander wiedererkennen und wissen, wovon wir reden, wenn wir von Trailrunning reden. Von einem Sport, der so viel mehr ist, als ein Sport.

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