Kürzer, weniger, langsamer statt schneller, höher, weiter?

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Die Welt des Laufens kennt keine Grenzen. Von den fast schon obligatorischen 100 Kilometern bis hin zu epischen 3100-Meilen-Rennen scheint es nichts zu geben, was es nicht gibt. Die Suche nach unseren Grenzen und nach uns selbst erfordert vielleicht nicht immer die längste Strecke.

Im Prinzip ist die Sache mit den Ultras ganz einfach. Offiziell gilt jeder Lauf, der länger als die Marathondistanz von 42,195 km ist, als Ultramarathon. Bei Wettkämpfen ist also in aller Regel der 50-Kilometer-Lauf der Einstieg in die Welt des Ultralaufens. Am beliebtesten sind jedoch die 100 Kilometer und, insbesondere in Nordamerika, die 100 Meilen. Mit umgerechnet 161 Kilometern, natürlich ausgestattet mit entsprechenden Höhenmetern, die es ebenfalls zu überwinden gilt, sollte das Ende der Fahnenstange doch eigentlich erreicht sein, oder etwa nicht? Weit gefehlt.

Der längste offiziell zertifizierte Laufwettbewerb ist das Self-Transcendence 3100 Mile Race mit stolzen 4989 Kilometern. Daneben gibt es Etappenläufe über mehrere Tage und Stundenläufe am Stück, die meist ab 24 Stunden starten und bis zu 6 Tage dauern können. So weit, so verrückt. Aber brauchen wir diese Ultra-Ultra-Distanzen wirklich? Für wen sind sie gedacht? Und wo hört der Spaß buchstäblich auf?

Wahrscheinlich alle, die mit dem Laufen beginnen, finden, dass 5 Kilometer eine unüberwindbare Distanz sind. Aber wenn man sie bewältigt und die Qualen vergessen hat, steht schon die nächste Herausforderung vor der Tür und so geht es Schritt für Schritt weiter bis zur Königsdisziplin, den Marathon.

Marathon als Einstieg

42.195 Kilometer. Eine unvorstellbare Distanz. Aber sie wird Jahr für Jahr von Hunderttausenden, die an großen und kleinen Straßenmarathons teilnehmen, kollektiv relativiert. Als wäre es ein Spaziergang im Park. Es entsteht der Eindruck: So schwer kann es doch gar nicht sein. Das täuscht natürlich. Spätestens wenn es ab der Hälfte der Strecke richtig anstrengend und auf den letzten Kilometern geradezu unerträglich wird, zeigt sich der Marathon von seiner beinharten Seite. Aber wie heißt es so schön: Der Stolz vergeht, der Schmerz bleibt. Irgendwie so. Und nach ein paar Monaten steht man wieder an der Startlinie eines anderen Marathons.

" 6000 Höhenmeter bergauf? Kein Problem. Geänderte Streckenführung mit 117 statt 101 Kilometern? Genau das Gleiche. Durch die Nacht laufen? Lampe dabei. "

Chris Zehetleitner

Beim Ultralaufen ist es ähnlich. Hat man beim ersten Mal noch das Gefühl, dass der Tag oder der Lauf niemals enden wird, so zuckt man nach ein paar Rennen nicht einmal mehr mit der Wimper, wenn man bei der Anmeldung zum nächsten Ultratrail die Distanzen und Höhenmeter überfliegt. 6000 Höhenmeter bergauf? Kein Problem. Geänderte Streckenführung mit 117 statt 101 Kilometern? Genau das Gleiche. Durch die Nacht laufen? Lampe dabei. Durch zwei Nächte laufen? Ersatzbatterien dabei. Start um 3 Uhr morgens? Frühstück auf dem Trail. 3 Tage Dauerregen? Wozu gibts Regenjacken. Diese Routine lässt sich mit einem Wort beschreiben: schmerzbefreit. Erneut im wahrsten Sinne des Wortes.

Die entscheidende Frage ist: Brauchen wir wirklich immer längere Strecken mit immer mehr Höhenmetern in immer schwierigerem Gelände, um uns selbst herauszufordern und unsere Grenzen auszuloten? Wohin führt diese „Spirale der permanenten Nichtsättigung“? Ist „schneller – höher – weiter“ unsere Bestimmung ohne Erlösung? Wir alle klettern auf dieser Leiter immer weiter nach oben, die einen schneller, die anderen langsamer. Doch früher oder später kommen die meisten von uns an den Punkt, an dem wir diesen Weg infrage stellen und zurückblicken.

Eine Läuferin beim Kullamannen by UTMB. Foto: Paul Brechu/UTMB

Wann haben wir uns das letzte Mal beim Laufen intensiv erfahren? So richtig gespürt? Wann haben wir das letzte Mal echte Glücksgefühle erlebt, die noch tagelang nachhallen? Wann haben wir das letzte Mal mit Freunden zusammen beim Laufen so viel gelacht, dass die Zeit wie im Flug verging? Man hatten wir das letzte Mal das Gefühl, dass alles um uns herum intensiver aussieht, riecht, klingt, ja sogar schmeckt? Wann sind wir das letzte Mal beim Laufen in einen quasi-spirituellen Flow-Zustand eingetaucht? Ungeplant und unerwartet. Aber ebenso unglaublich.

Ist es nicht das, was wir eigentlich suchen, anstatt einfach nur einen weiteren Punkt auf unserer Ultratrail-To-do-Liste abzuhaken? Die Läufe, bei denen wir diese intensiven Erfahrungen machen, sind vielleicht kürzer, weniger und langsamer – oder besser: unaufgeregter. Aber viele davon tragen wir ein Leben lang in unseren Herzen. Und wen wollen wir am Ende beeindrucken, wenn nicht uns selbst?

Vielleicht ist also „Kürzer-Weniger-Langsamer“ ja das neue „Schneller-Höher-Weiter“.

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