Dopingfall Angermund: Der Tag, an dem Trailrunning seine Unschuld verlor

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Jahrelang haben wir der Elite zugejubelt. Schier unglaubliche Leistungen wurden unhinterfragt abgefeiert. Einzelne Persönlichkeiten wurden geradezu zu Heldinnen und Helden stilisiert. Spätestens seit des Dopingfalls von Stian Angermund wissen wir: Das war naiv.

Die Nachricht von der positiven Dopingprobe des norwegischen Trailrunners Stian Angermund ist erst wenige Wochen alt. Am 10. Februar 2024, ausgerechnet am „Internationalen Tag des Feuerlöschers“, erschüttert Angermund mit seinem explosiven Geständnis das Fundament unseres Sports. Oder tut er das? Denn es scheint so, als wolle die Trailcommunity nichts mehr davon wissen. Eine richtige Debatte darum, wie der Kampf gegen Doping im Trailrunningsport wirksamer geführt werden kann? Von einem großen Aufschrei und einer nachfolgenden öffentlichen Diskussion war wenig zu spüren.

Zu schön war die Zeit zuvor, in der wir uns alle in unserer heilen und vermeintlich dopingfreien Trailwelt eingerichtet hatten. Die Elite, das waren im Prinzip ganz normale Trailrunner wie wir mit dem Unterschied, dass sie den Sport nur ein bisschen besessener und ehrgeiziger ausübten. Ja, sie schafften mehr Stunden, Kilometer und Höhenmeter. Abgesehen davon? Genau wie wir. Einfach verrückt nach Trails, nur etwas mehr als gewöhnlich halt. Wir schauten zu ihnen herauf. Wir strebten ihnen nach. Wir kauften Laufschuhe und Kleidung, um ihnen zumindest optisch ähnlich zu sein (auch wenn das wahrscheinlich niemand offen zugeben würde). Kurzum: Sie waren unsere übermenschlichen Superhelden und Superheldinnen. Umjubelte Popstars in Funktionskleidung.

Foto: Asics

Und dann das: Der amtierende Weltmeister, der mehrfache Sieger des OCC und der Golden Trail Serie, der Vertikal-K-Spezialist Stian Angermund, gibt Anfang Februar über Instagram bekannt, dass es eine positive Dopingprobe infolge seines Sieges beim letztjährigen OCC gegeben habe. Knapp vier Monate nachdem Angermund die Nachricht von der französischen Anti-Doping-Agentur erhalten haben will, informiert er die Öffentlichkeit via Social Media und gibt dem norwegischen Fernsehsender NRK ein Interview. Tränenreich beteuert der 37-jährige Profiathlet seine Unschuld. „Ich weiß, dass ich ein sauberer Sportler bin. Ich nehme keine Medikamente. Ich nehme keine Nahrungsergänzungsmittel. Ich verstehe einfach nicht, woher das kommen kann“, erklärt Angermund.

„Die tiefe Traurigkeit und der Schmerz über den Verlust meiner Karriere, meines Ansehens und meiner Leidenschaft für den Sport können nicht hoch genug eingeschätzt werden“, schreibt Stian Angermund auf Instagram. Jedem interessierten Sportfan sollten solche Sätze bekannt vorkommen. Ebenso die verweinten Augen und die zitternde Stimme, mit denen diese Sätze vorgetragen werden. Auch wenn wir über den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen bisweilen nur spekulieren können, wecken sie Mitgefühl. Der Vorgang ist von nun an emotionalisiert.

Die Trailcommunity reagiert

Die Reaktionen lassen deshalb nicht lange auf sich warten. Zum einen gibt es zurecht einen reflexhaften Verweis darauf, dass auch im Fall Angermund die Unschuldsvermutung zu gelten habe. Selbstverständlich gilt es ein finales Urteil abzuwarten. Auch unter Dopingverdacht stehende Sportler und Sportlerinnen haben ein Anspruch auf ein rechtsstaatliches Verfahren. Die vermeintlich Geschädigten und Betrogenen allerdings auch: Sponsoren, Veranstalter, sportliche Konkurrenten, Trainingspartner, Freunde und Familie, nicht zuletzt auch das Publikum, die Fans. Auch sie haben ein Anspruch auf die Wahrheit.

Populäre Stimmen aus der Trailrunningszene waren jedenfalls weniger an einer Untersuchung des Falls Angermund interessiert, sondern haben sich mit Treueschwüren und Solidaritätsbekundungen festgelegt. Stian, ein Doper? Das kann nicht sein. Oder ist damit gemeint: Das darf nicht sein? Ian Corless, Fotograf und Stimme des Podcasts Talk Ultra, ist sich sicher: „Stian you are not a doper.” Für Martina Valmassoi, unter anderem Siegerin der letztjährigen Transvulcania, scheint es ebenso keine Zweifel zu geben: „We know who you are (…) I’m with you.“ Der US-amerikanische Trailrunner Dakota Jones schreibt: “I believe you are clean.” Der bekannte Trailrunner Dmitry Mityaev geht sogar noch einen Schritt weiter: „I trust you 100%.“ Ist es in dieser Situation, vor allem zu diesem Zeitpunkt, nicht zumindest fragwürdig einem Athleten, dessen A und B-Probe sich gerade erst als positiv herausgestellt hat, öffentlich das uneingeschränkte Vertrauen auszusprechen? Was sagt das über unsere Trailrunning-Community aus?

Trailrunning beruft sich traditionell auf einen starken Gemeinschaftssinn. Es ist das, was unseren Sport von vielen anderen Disziplinen unterscheiden soll: Wir sind füreinander da. Wir sind einander nicht egal. Wer auf dem Trail Hilfe benötigt, wird sie bekommen. Egal, ob jemand schnell oder langsam läuft, wir sind alle Trailrunner und stoßen im Zielbereich miteinander an. Ja, die Trailrunningcommunity ist so etwas wie eine große Familie. Aus diesem Gefühl heraus müssen die oben aufgezählten Kommentare interpretiert werden. Wenn ein äußerer Feind diese Harmonie infragestellt, schließen sich die Reihen und es wird auf Verteidigung umgeschaltet. Mag das in Fällen wie der jüngsten UTMB-Kontroverse als ein Zeichen für die gelebten Werte der Trailrunningszene stehen, erscheint dieser Solidaritätsreflex im Zusammenhang mit den Dopingvorwürfen um Stian Angermund als vorschnell und unreif. Was ist, wenn die Probe korrekt ist? Müssen wir uns nicht ein paar unbequeme Fragen stellen?

Foto: Veranstalter/WMTRC

Trailrunning ist im Prinzip ein Sport ohne Dopingkontrollen. Die wenigen Kontrollen nach Großevents wie einer Weltmeisterschaft oder dem UTMB sind die absoluten Ausnahmen. In der Regel wird nach einem Wettkampf nicht kontrolliert, im Trainingsbetrieb davor und danach sowieso nicht. Ist es dann nicht naiv zu glauben, dass das niemand ausnutzt? Je professioneller der Sport wird und je mehr Geld sich damit verdienen lässt, desto wahnwitziger werden die Ergebnisse, die geliefert werden. Liegt das daran, dass die Elite nun mehr Anreiz hat und noch mehr in sich und ihr Training investiert? Oder sind immer schnellere Zeiten und Streckenrekorde Indizien dafür, dass wir angesichts wundersamer Ausnahmeleistungen im Trailrunning grundsätzlich skeptischer sein müssen? Ich meine ja. Eine skeptische Grundhaltung ist in Anbetracht dessen, dass es keine flächendeckenden Kontrollen bei Wettkämpfen und im Training der Profis gibt, mehr als angebracht. Ganz nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Dopingkontrolle ist besser.

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